Prof. Dr. med. Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz an der Berliner Charité (l.), und Dr. med Christiana Franke, Neurologin und Oberärztin an der Charité © Charité | Sabine Gudath | privat

Long Covid und Post Covid - ein Riesenproblem für die Gesellschaft

Stand: 12.04.2022 17:53 Uhr

Jeder Zehnte leidet an Spätfolgen einer Corona-Infektion - an Long Covid oder Post Covid. Carmen Scheibenbogen und Christiana Franke von der Charité Berlin behandeln solche Patienten und mahnen im NDR Info Podcast Coronavirus-Update klinische Therapie-Studien an, um ihnen wirklich helfen zu können.

von Ines Bellinger

Etwa zehn Prozent aller Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, entwickeln Studien zufolge eine Long-Covid-Erkrankung, also Symptome, die vier Wochen nach der Infektion noch immer nicht verschwunden sind. Für Deutschland, wo sich mittlerweile fast 23 Millionen Menschen nachweislich mit Covid-19 angesteckt haben, hieße das, dass insgesamt mehr als zwei Millionen Patienten davon betroffen wären.

Halten Beschwerden sogar länger als drei Monate an oder treten zu diesem Zeitpunkt neu auf, sprechen Mediziner vom Post-Covid-Syndrom, einer Erkrankung, die sich sehr häufig durch schwere Erschöpfung, Konzentrationsstörungen und Luftnot unter Belastung äußert. Viele Patienten leiden so sehr, dass sie ihrem Alltag nicht mehr gewachsen sind.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
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Scheibenbogen: Viele Erkrankte im Alter zwischen 30 und 50 Jahren

"Viele, die dauerhaft erkranken, sind im Alter zwischen 30 und 50 Jahren", sagt die Immunologin Carmen Scheibenbogen in der neuen Podcast-Folge. "Das sind Menschen, die aus dem Berufsleben fallen und nicht mehr in der Lage sind, ihre Familien zu versorgen. Das ist ein Riesenproblem für die Gesellschaft." Über Wochen und Monate entstehen nicht nur Krankheitskosten, sondern auch Sozialkosten.

Und die Pandemie ist noch nicht zu Ende, gerade im Moment erkranken täglich zigtausende weitere Patienten. Als Leiterin der Immundefekt-Ambulanz und des Fatigue-Zentrums an der Charité hat Scheibenbogen eine Vorstellung vom möglichen Ausmaß: "Es sind so viele Patienten, und wir sind gar nicht in der Lage, alle adäquat zu versorgen. Viele müssen monatelang auf einen Termin bei uns warten. Und wir können viele bislang auch nicht gut behandeln."

Die Symptome bei Long Covid und Post Covid sind vielfältig und unspezifisch. Eine Diagnose ist schwierig, weil es keinen messbaren Biomarker gibt - so wie etwa erhöhte Temperatur auf eine fiebrige Erkrankung hinweist oder ein erhöhter Blutzuckerspiegel Diabetes anzeigt. Und es gibt bislang keinen allgemeingültigen Behandlungsansatz. Die Beschwerden können häufig nur einzeln therapiert oder gelindert werden. Aber was genau macht Long Covid und Post Covid aus?

Hauptsymptome: Fatigue, Luftnot, Konzentrationsstörungen

"Die Kardinalsymptome laut Definition der Weltgesundheitsorganisation sind Fatigue, belastungsabhängige Luftnot und Konzentrationsstörungen", erklärt Christiana Franke, die an der Charité seit September 2020 Patienten mit Post-Covid-Syndrom neurologisch betreut. "Dazu kommen eine ganze Reihe anderer Symptome, die kardiologisch sein können, wie Herzrasen oder Herzstolpern. Aber auch Hautveränderungen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Haarausfall. Das ist mal stärker, mal weniger stark ausgeprägt."

Von der schieren Anzahl der Patienten war die Neurologin anfangs überrascht. "Für uns in der Neurologie war das nicht zu erwarten, dass so eine große Anzahl an jungen Patienten mit Kognitionsstörungen im Nachgang einer Covid-Erkrankung auf uns zukommt." Die ersten hundert Patienten, die sich vorgestellt haben, wurden von Franke und ihren Kollegen genauer untersucht. Zwei Drittel waren Frauen im Alter um die 45 Jahre.

Franke: Finden keine strukturellen Hirnschäden nach mildem Verlauf

In Frankes Sprechstunde klagen Patienten am häufigsten über Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie Spannungskopfschmerz, manche sind so schwer eingeschränkt, dass sie ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können. "Bei einer Vielzahl der Patienten bildet sich das aber in den ersten zehn Wochen nach der Erkrankung zurück", sagt die Ärztin. Bei denen, die länger als drei Monate Beschwerden haben, wird eine weiterführende Diagnostik gemacht: MRT vom Kopf, Untersuchung von Blut und Nervenwasser.

Eine beruhigende Erkenntnis haben Franke und ihre Kollegen dabei gewonnen: "Wir finden so gut wie nie strukturelle Veränderungen des Gehirns bei Patienten mit mildem Akutverlauf bei Covid-19."

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Fatigue als Folge von chronisch-entzündlichen Erkrankungen

Das Haupt-Symptom Fatigue ist das Spezialgebiet von Carmen Scheibenbogen. In der Charité-Sprechstunde für postinfektiöse Syndrome betreut sie gemeinsam mit anderen Spezialisten schon sehr lange Menschen, die nach Infektionen an ME/CFS erkrankt sind, was für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom steht. Fatigue, also Erschöpfung und körperliche Schwäche, tritt häufig bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen auf wie zum Beispiel bei einer Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, das Pfeiffersches Drüsenfieber auslösen kann, oder auch bei Influenza.

"Gehirnnebel" und Belastungsintoleranz

Im Zusammenhang mit Corona-Spätfolgen wird Fatigue häufig begleitet von kognitiven Störungen, die in ihrer schwersten Form als "Gehirnnebel" beschrieben werden. "Man kann sich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr gut erinnern, hat Wortfindungsstörungen", erklärt Scheibenbogen. "Und es geht oft einher mit einer Belastungsintoleranz. Viele schildern, dass einfache Alltagsdinge wie einkaufen gehen oder die Kinder versorgen nicht mehr gut möglich sind. Viele können keinen Sport mehr machen." Wer es trotzdem versucht, läuft im ungünstigen Fall Gefahr, die Erkrankung zu verschlimmern: "Es kann zu einem richtigen Crash kommen, der dazu führt, dass man tagelang liegen muss im dunklen Zimmer, weil man oft auch sehr reizempfindlich ist."

ITS-Patienten leiden an Post Intensive Care Syndrome

Im Mai/Juni 2020 kamen die ersten Covid-Patienten, die über Fatigue klagten, in die Sprechstunde von Scheibenbogen. Inzwischen sind in einer Studie 200 ihrer Patienten erfasst, die meisten zwischen 20 und 50 Jahre alt. Viele hatten nur eine relativ milde Covid-Infektion durchgemacht. Sie sind auch deutlich zu unterscheiden von Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden mussten. Bis zu 80 Prozent der ehemaligen Intensiv-Patienten haben bleibende Symptome, jedoch sind diese meist auf die Behandlung an sich mit möglicherweise invasiver Beatmung zurückzuführen (Post Intensive Care Syndrome/PICS).

Post-Covid-Netzwerk an der Charité

Sehr schnell war für Scheibenbogen und ihre Kollegen klar, dass das Problem bei Long Covid und Post Covid die Vielzahl der Symptome ist. Die Charité hat deshalb ein Post-Covid-Netzwerk aufgebaut. Mediziner aus unterschiedlichen Fachbereichen betreuen gemeinsam Patienten, die neben den Hauptsymptomen mal über Herzbeschwerden oder Schwindel, mal über Kribbeln an Händen und Fußsohlen, aber auch über Schlafstörungen oder Muskelschmerzen klagen. Es gibt auch sehr eigenartige Symptomkombinationen wie Fieberschübe in Verbindung mit Haarausfall.  

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Hohe Viruslast während Infektion zählt zu Risikofaktoren

Einige Risikofaktoren für Spätfolgen haben sich inzwischen aus Studien und aus der Praxis herauskristallisiert: Die Höhe der Viruslast bei der Akutinfektion scheint ebenso eine Rolle zu spielen wie eine Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus, wenn es schon einmal eine Erkrankung ausgelöst hat, und ein niedriger Spiegel bestimmter Immunglobuline (Antikörper). Bei immerhin einem Viertel der Patienten wurde laut Scheibenbogen ein Mangel an Mannose-bindendem Lektin (MBL) festgestellt, ein Protein, das dabei hilft, Erreger zu neutralisieren.

Autoantikörper: Herzmedikament BC 007 liefert Ansätze

Bekannte Fatigue-Ursachen wie ein Mangel an Eisen, Vitamin B und Vitamin D können ebenso wie zum Beispiel Schmerzen oder Schlafstörungen mit Medikamenten gelindert werden. Etwa zehn Prozent ihrer Patienten leiden laut Scheibenbogen auch unter einer Schilddrüsenentzündung (Hashimoto-Thyreoiditis).

Bei etwa einem Viertel werden erhöhte Autoantikörper festgestellt, häufig solche, die sich gegen Stressrezeptoren richten, die über das Hormon Adrenalin unbewusste Körperfunktionen wie Atmung oder Herzschlag steuern. "Die Höhe der Antikörper korreliert mit der Schwere der Symptome", sagt die Immunologin. "Das ist auch ein Forschungsschwerpunkt, von dem wir uns erhoffen, dass wir Medikamente dagegen entwickeln können." Vielversprechende Ansätze liefere das Herzmedikament BC 007, das solche Autoantikörper wohl neutralisieren kann. Auch von einer geplanten Studie über Immunadsorption erhofft sich Scheibenbogen Fortschritte. Das ist ein Therapie-Verfahren, bei dem Antikörper aus dem Blutplasma herausgewaschen werden.

Scheibenbogen und Franke: Klinische Therapie-Studien fördern

Bislang gibt es nur individuelle Heilversuche, die neben Medikamentengaben auch auf Behandlungsansätze wie Pacing (strikte Schonung) und das Erlernen von Atemtechniken bei Kurzatmigkeit setzen. Bei Therapie-Verfahren zögerten Politik und potenzielle Geldgeber für Studien, weil viele Krankheitsmechanismen noch nicht im Detail charakterisiert sind, sagt Scheibenbogen. Dabei sei relativ klar, was gebraucht würde: Medikamente, die überschießende Immunreaktionen bremsen, Medikamente, die sich gegen Autoantikörper richten, Medikamente, die die Gefäßdurchblutung verbessern.

"Wir können uns nicht die Zeit lassen und noch drei Jahre forschen. Ein Teil der Forschung müssen klinische Studien sein. Sonst werden wir über Jahre den Notstand verwalten müssen." Carmen Scheibenbogen, Immunologin

Diese Medikamente gibt es schon, sie sind bislang aber nur für andere Erkrankungen zugelassen. "In dieser Ausnahmesituation müssen wir auch etwas unkonventionellere Wege gehen in der Medikamentenentwicklung", fordert Scheibenbogen. "Wir können uns nicht die Zeit lassen und noch drei Jahre forschen. Ein Teil der Forschung müssen klinische Studien sein. Sonst werden wir über Jahre den Notstand verwalten müssen."

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Man müsse davon wegkommen, dass nur die, die es sich leisten können, Therapien wie eine Überdruck-Sauerstofftherapie oder eine Immunadsorption bekämen, letztlich aber nicht sauber dokumentiert würde, ob die Behandlung wirklich geholfen hat und bei welchen Patienten. Franke unterstützt die Einschätzung ihrer Kollegin: "Der Ruf geht an die Politik und an Forschungseinrichtungen, dass sie klinische Therapie-Studien zu Post-Covid unterstützen und mit auf den Weg bringen", sagt die Neurologin.

ZOE Covid Studie: Impfung schützt auch vor Long Covid

Einig sind sich die Medizinerinnen auch darin, dass vollständige Impfungen gegen das Coronavirus nicht nur vor schweren Krankheitsverläufen schützen, sondern auch vor Long Covid oder Post Covid. Das belegt unter anderem die ZOE Covid Studie aus Israel. "Mittlerweile kommen zwar auch Menschen zu uns in die Sprechstunde, die trotz Impfung an Symptomen leiden. Die Daten sagen aber, dass die Impfung eine etwa 50-prozentige Minderung des Risikos, an Long Covid zu erkranken, mit sich bringt", sagt Scheibenbogen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.04.2022 | 17:00 Uhr

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