Stand: 09.04.2020 16:56 Uhr

Corona-Pandemie: Tempo sinkt, bleibt aber kritisch

von Björn Schwentker

Abstand halten, Rücksicht auf andere nehmen - diese Verhaltensregeln werden uns in der Corona-Krise noch lange begleiten.

Die Geschwindigkeit, mit der sich das Coronavirus ausbreitet, nimmt weiter ab, doch die Lage bleibt ernst. Eine Datenanalyse des NDR zeigt zudem, wie entscheidend das eigene Verhalten ist.

In der Kalenderwoche 14 (ab 30. März) hat sich die Zeitspanne, in der sich die Zahl der Infizierten in Norddeutschland verdoppelt, erneut stark verlängert - auf jetzt mehr als zehn Tage. In der 13. Kalenderwoche (ab 23. März) hatten sich die Fallzahlen noch alle sechs Tage verdoppelt. Damit steht der Norden etwas besser da als Deutschland insgesamt. Dort beträgt die Verdopplungszeit knapp neun Tage.

Das ergibt eine Datenanalyse des NDR auf Basis von Fallzahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) bis zum 5. April.

Entwicklung weiter kritisch

Damit zeigt sich immer deutlicher, dass die Schutzmaßnahmen und Kontakteinschränkungen der vergangenen Wochen greifen. Gleichzeitig gilt die Entwicklung aber weiterhin als kritisch für das Gesundheitssystem. Denn in der Mehrzahl der Bundesländer stiegen die Neuinfektionen weiter an. Erst wenn die Zahl der täglich neu Erkrankten konstant bleibt oder sinkt, und so ein ausreichend niedriges Niveau erreicht, ist das Risiko gebannt, dass das Gesundheitssystem unter der wachsenden Zahl schwerer Covid-19-Fälle zusammenbrechen könnte.

Verdopplungszeit im Norden bei mehr als zehn Tagen

Der NDR berechnet die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus anhand der sogenannten Verdopplungszeit. Sie gibt an, wie lange es dauert, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Eine kleinere Verdopplungszeit bedeutet, dass die Fallzahlen der Erkrankten schneller wachsen. Eine größere Verdopplungszeit hingegen heißt, dass sich der Anstieg der Infizierten, und damit die Pandemie, verlangsamt.

Wie sich das persönliche Verhalten auswirkt

Schon in der 13. Kalenderwoche hatte sich gezeigt, dass die Schutzmaßnahmen wirkten, die die Regierungen in der Vorwoche, am 16. März, beschlossen hatten. Damals waren Schulen und Kitas ebenso geschlossen worden wie Kinderspielplätze, Restaurants, Diskotheken und die meisten Geschäfte. Auch Großveranstaltungen fanden nicht mehr statt. Dies schlug sich eine Woche später - also etwa nach Ablauf der Inkubationszeit von fünf bis sechs Tagen - nach NDR Berechnungen in steigenden Verdopplungszeiten nieder.

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Dass die Epidemie nun erneut deutlich an Tempo verloren hat, deutet darauf hin, dass auch die Verhaltensänderungen jedes Einzelnen Wirkung zeigen. Denn zum sogenannten "Social Distancing" wurde erst am 22. März aufgerufen: Menschen sollen seitdem außerhalb der Familie nur noch zu zweit vor die Tür gehen, einen Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen einhalten, und nur noch das Haus verlassen, wenn es unbedingt nötig ist.

Dass beide Maßnahmen - umfassende Schließungen durch die Behörden, sowie individuelle Verhaltensänderungen - gleichermaßen erfolgreich sind, dürfte die Diskussion befeuern, ob generelle Schließungen wieder aufgehoben werden können.

Zahlen der Bundesländer klaffen weit auseinander

Den Bundesländern gelingt es unterschiedlich gut, die Ausbreitung des Coronavirus zurückzudrängen. Die Abweichungen sind zum Teil enorm: An der Spitze stehen Bremen und Sachsen-Anhalt mit fast 13 Tagen Verdopplungszeit, gefolgt von Hamburg mit zwölf Tagen. Bayern als großes Flächenland fällt mit sieben Tagen weit dahinter zurück. Noch schlechter schneidet nur das Saarland ab. Es ist auch das einzige Bundesland, indem sich die Pandemie in der letzten Woche wieder leicht beschleunigt hat. Die Verdopplungszeit fiel dort unter sechs Tage.

Entwicklung bleibt kritisch - mit Hoffnungsschimmern

Öffentlichkeit und Politik blicken derzeit gespannt auf Berechnungen wie die Verdopplungszeit. Die wichtigste Frage dabei: Hat die Epidemie schon so viel an Dynamik verloren, dass Maßnahmen gelockert werden können? Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte dafür zuletzt eine Zielmarke von 14 Tagen ins Spiel gebracht, innerhalb derer sich die Fallzahlen verdoppeln dürften. Einige Bundesländer haben diesen Wert nach NDR Berechnungen fast erreicht.

Allerdings relativierte die Bundesregierung später die Bedeutung des 14-Tage-Ziels. Wichtig sei vor allem, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen nicht weiter steige. Dies hat zwei Gründe:

  • Zum einen müssen drei bis vier Prozent der neu Erkrankten auf Intensivstationen beatmet werden. Damit die Krankenhäuser sie - und auch noch andere Kranke - versorgen können, muss die Zahl der täglichen Neuzugänge dauerhaft niedrig genug gehalten werden.
  • Zum anderen ist eine Lockerung der Schutzmaßnahmen nur denkbar, wenn es den Behörden besser gelingt, für jeden neuen Infektionsfall möglichst alle Kontaktpersonen zurückzuverfolgen und unter Quarantäne zu stellen.

Sowohl in Deutschland insgesamt als auch in den nördlichen Bundesländern steigen die neu gemeldeten Erkrankungen momentan noch. In Norddeutschland könnte sich das aber bald ändern. Von Kalenderwoche 13 auf Kalenderwoche 14 stiegen die Neuinfektionen während der Werktage zwar noch von 493 auf 517 gemeldete Fälle. Das ist aber nur ein kleiner Sprung von fünf Prozent. In der Vorwoche waren die Neuerkrankungen noch um 85 Prozent gestiegen.

Rückgang der Neuinfektionen beginnt

In sieben der 16 Bundesländer sinken die Neuinfektionen bereits. Damit hat in Bremen und Hamburg schon eine neue Phase der Epidemie begonnen, in der die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus immer stärker zurückgedrängt wird. Niedersachsen könnte kurz davor stehen. Die Neuinfektionen wachsen hier nur noch schwach.

In anderen Teilen Deutschlands ist die Lage noch deutlich schwieriger: In Bayern stieg die Zahl der Neuinfektionen von der 13. auf die 14. Kalenderwoche noch um 25 Prozent. Im Saarland hat sie sich mehr als verdoppelt.

Geduld ist oberstes Gebot

Entscheidend dürfte nun sein, ob und wie schnell die Zahlen der täglich neu Infizierten weiter sinken. Dies lässt sich immer erst mit Zeitverzug von etwa einer Woche realistisch beurteilen, da es mehrere Tage dauern kann, bis alle Erkrankten offiziell gemeldet sind. Die Corona-Krise fordert darum auch bei ihrer Bewertung vor allem eines: Geduld. Eine vorschnelle Lockerung der Schutzmaßnahmen oder der Kontaktbeschränkungen könnte die Epidemie jederzeit wieder in volle Fahrt bringen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR//Aktuell | 09.04.2020 | 14:00 Uhr