Eine Intensivpflegerin ist im Schutzkleidung auf einer Covid-19 Intensivstation mit der Versorgung von Corona-Patienten beschäftigt. © dpa-Zentralbild/dpa Foto: Robert Michael

Corona: Geringe Übersterblichkeit in nördlichen Bundesländern

Stand: 05.02.2021 06:33 Uhr

Ende 2020 gab es in Deutschland deutlich mehr Tote als im Mittel der Vorjahre. Doch die Übersterblichkeit in den Nordländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen ist geringer als im Bundesschnitt.

von Anna Behrend

Das Statistische Bundesamt liefert derzeit Corona-bedingt ungefähr im Wochenrhythmus neue vorläufige Zahlen zur Übersterblichkeit in Deutschland. Der Wert beschreibt, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum mehr gestorben sind, als man es aufgrund der Vorjahreszahlen erwartet hätte. Die Zahlen kommen mit einem Verzug von einem Monat - für eine amtliche Statistik ein Wimpernschlag.

Sterbefallzahlen in Deutschland: Deutlicher Anstieg im letzten Quartal 2020

Seit Ende Januar liegen die Zahlen für das gesamte vergangene Jahr vor. Sie zeigen, was in Deutschland lange nicht so klar zu sehen war: einen deutlichen Anstieg der Sterbefallzahlen im letzten Quartal 2020 über das erwartete Niveau hinaus.

Die Übersterblichkeit gilt als vergleichsweise unbestechliche Größe, da sie - anders als zum Beispiel die Zahl der gemeldeten Covid-19-Toten - nicht davon abhängt, dass ein bestimmter Test durchgeführt wurde. Bis auf seltene Einzelfälle wird jeder Tote registriert, unabhängig von den genauen Umständen des Versterbens. Zwar lässt sich durchaus streiten, wie viele Todesfälle man aktuell erwartet, denn einerseits gibt es in Deutschland immer mehr Hochbetagte, andererseits steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an. Doch ungeachtet dessen ist klar: Steigt die Gesamtzahl der Verstorbenen plötzlich stark an, muss etwas Besonderes im Gange sein, das diese Übersterblichkeit verursacht.

"Dieser Anstieg im letzten Quartal 2020 ist ganz sicher auf Covid-19 zurückzuführen. Es gibt keinen vernünftigen Grund zu glauben, dass dies nicht der Fall ist", sagt Dmitri Jdanov vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Der Demograf forscht seit Jahren zu verschiedenen Aspekten von Sterblichkeit und Todesursachen. Unter anderem betreut er mit Kolleginnen und Kollegen eine Datenbank, in der sich die Übersterblichkeit in verschiedenen europäischen Ländern nachvollziehen lässt.

Dunkelziffer muss bei Corona-Toten berücksichtigt werden

Vergleicht man den Anstieg der Sterbefallzahlen mit den offiziell gemeldeten Covid-19-Todesfällen beim Robert Koch-Institut (RKI), passen beide Verläufe gut zusammen. Doch das Thema müsse man differenziert betrachten, so Jdanov: "Nicht jeder Corona-Tote wird auch durch einen Test als solcher erkannt und registriert." Und zu den direkt mit Covid-19 assoziierten Fällen kämen eben noch jene hinzu, die indirekt mit der Pandemie zusammenhängen. "Durch die Pandemie werden zum Beispiel planbare Operationen verschoben", so Jdanov. "Das kann ebenfalls die Sterbefallzahlen erhöhen - auch auf lange Sicht. Die Effekte werden wir vermutlich auch noch in diesem Jahr sehen können." Auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Pandemie mit allen negativen Folgen werde vermutlich einen Anstieg der Sterblichkeit zur Folge haben, prognostiziert der Forscher. Aber er rechnet auch mit einem positiven Effekt der Corona-Maßnahmen auf die Sterbefallzahlen: "Bestimmte externe Risiko-Faktoren fallen im Lockdown weg", sagt Jdanov. "Wer nur zu Hause ist, wird zum Beispiel nicht Opfer eines Verkehrsunfalls werden."

Es sei noch zu früh, die Auswirkungen der Pandemie auf die Sterblichkeit in all ihrer Komplexität zu beurteilen, so der Demograf. Genaueren Aufschluss dürfte die sogenannte amtliche Todesursachenstatistik geben, die im Herbst dieses Jahres für das Vorjahr veröffentlicht wird.

Deutschland-Vergleich: Niedrige Übersterblichkeit in Nord-Bundesländern

Was sich jedoch schon jetzt aus den Sterbefallzahlen für das letzte Quartal 2020 ablesen lässt: Die einzelnen Bundesländer haben einen ganz unterschiedlichen Anteil an der Übersterblichkeit. Betrachtet man, wie viel Prozent mehr Sterbefälle es im letzten Quartal 2020 je Bundesland gegenüber dem Mittel der Vorjahre 2016 bis 2019 gab, so liegt Sachsen mit 46 Prozent ganz vorne, gefolgt von Brandenburg mit 20 und Berlin mit 18 Prozent.

In den Nord-Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg hingegen erhöhte sich die Anzahl der Sterbefälle im Vergleich zu den Vorjahren lediglich um zwei bis sieben Prozent, in Bremen sogar gar nicht. Die Nordländer stehen somit im Bundesvergleich sehr gut da.

Vergleichsweise wenige über 80-Jährige im Norden an Covid-19 erkrankt

Wie sind die vergleichsweise niedrigen Zahlen der Nordländer zu erklären? An der Altersstruktur liegt es nicht. Die differiere je nach Land zwar etwas, sagt Forscher Jdanov, aber solche starken Unterschiede in der Übersterblichkeit ließen sich dadurch nicht erklären. "Ich denke, die Übersterblichkeit in Norddeutschland ist bislang vergleichsweise gering, weil das Infektionsgeschehen vergleichsweise gering war", so der Wissenschaftler.

Bei den Infektionen pro 1000 Einwohner über 80 Jahren liegen Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein im Bundesvergleich ebenfalls ganz hinten. Auch Hamburg und Bremen rangieren eher auf den hinteren Plätzen. Infektionsgeschehen und Übersterblichkeit geben so gesehen im Norden ein stimmiges Bild ab. Dass aber durchaus nicht nur das Infektionsgeschehen, sondern auch länderspezifische Besonderheiten eine Rolle für die Übersterblichkeit spielen können, zeigt das Beispiel Brandenburg: Trotz vergleichsweise niedriger Corona-Inzidenz bei den Älteren war die Übersterblichkeit hier im letzten Quartal 2020 auffallend hoch.

Warum das Infektionsgeschehen regional so unterschiedlich ist, hänge von vielen Faktoren ab, sagt Forscher Jdanov, vor allem davon, wie sich das Virus ausbreite. Dabei spielten folgende Indikatoren eine wichtige Rolle: "Wie bewegen sich die Leute in der Region? Wohin fahren sie in Urlaub? Es kann auch damit zusammenhängen, wie oft die Menschen sich im größeren Familienkreis treffen und wie nah sie sich dabei sind."

Sterbefallzahlen in Niedersachsen, Hamburg, SH und MV im Vergleich

Dass die norddeutschen Bundesländer bislang bei der Übersterblichkeit in Deutschland eine vergleichsweise geringe Rolle spielen, ist laut Jdanov kein Grund zur Entwarnung. "In Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sieht man im letzten Quartal definitiv eine Übersterblichkeit, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Covid-19 zurückzuführen ist", so der Forscher.

In Schleswig-Holstein, wo im letzten Quartal rechnerisch zwei Prozent mehr Menschen starben als im Schnitt der Vorjahre, lässt sich im Zeitverlauf dagegen kein deutlicher Anstieg der Sterbefallzahlen erkennen. Ähnlich sieht es in Hamburg und Bremen aus.

Wie man jedoch an den aktuell teils hohen Inzidenzen in Mecklenburg-Vorpommern oder dem zwischenzeitlich starken Anstieg der Infizierten-Zahlen in Lübeck sieht: Die Situation kann sich regional schnell ändern. Eine Tatsache, die Übersterblichkeits-Forscher Jdanov auch in den internationalen Zahlen sieht: "In Polen beispielsweise schlug sich die erste Corona-Welle kaum in der Übersterblichkeit nieder, die zweite hatte einen drastischen Effekt." Jdanov mahnt daher, die bislang vergleichsweise niedrigen Zahlen im Norden nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: "Vielleicht haben wir morgen in Mecklenburg-Vorpommern eine Situation, wie wir sie gestern in Bayern hatten."

Info: Anonymisierung kleiner Fallzahlen bei Covid-Toten

Werden weniger als vier Covid-19-Todesfälle an das Robert Koch-Institut gemeldet, werden diese als "kleiner vier" anonymisiert. In diesen Fällen wurde in den obigen Diagrammen ein Covid-19-Todesfall gezählt, da es mindestens einen gegeben haben muss. Das Diagramm unterschätzt somit die Zahl Covid-19-Todesfälle eher, da es auch zwei oder drei gewesen sein können.

Auch gibt es zusätzlich, ebenso wie bei Angaben zu Corona-Neuinfektionen, stets eine Dunkelziffer. Jedoch ist diese bei der Zahl der Verstorbenen mutmaßlich deutlich geringer, da schwere Verläufe mit Todesfolge eher entdeckt und getestet werden, als eine Corona-Infektion mit leichten oder gar ohne Symptome.

Weitere Informationen
Corona-Zahlen für Norddeutschland

Corona: Wie viele Intensivbetten sind im Norden noch frei?

Automatisierte Grafiken: Wie viele Covid-19-Patienten liegen auf Intensivstationen? Der aktuelle Stand der Belegung. mehr

Infektionen in Norddeutschland

Coronavirus: Aktuelle Zahlen für den Norden

Wie entwickelt sich die Zahl der Corona-Neuinfektionen? Und wo im Norden ist die 7-Tage-Inzidenz besonders hoch? mehr

Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen 7 Tagen

Corona-Neuinfektionen: Die Situation in den Landkreisen

Unsere interaktive Karte zeigt, wo die Corona-Hotspots im Norden liegen. Hier ist die Sieben-Tage-Inzidenz besonders hoch. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 05.02.2021 | 06:54 Uhr

Mehr Nachrichten

Stephan Weil (SPD) steht mit einer medizinischen Maske in der Staatskanzlei. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

Corona-News-Ticker: Niedersachsen bleibt bei der Bund-Länder-Linie

Regierungschef Weil äußerte sich aus seiner Quarantäne via Video-Schalte zu den Gipfel-Beschlüssen. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr