Stand: 17.07.2020 05:30 Uhr

Corona-Fälle schon im Januar? Daten unter der Lupe

von Claus Hesseling, Jennifer Lange, Marvin Milatz und Jan Lukas Strozyk

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Der erste offizielle Covid-19-Fall im Norden wurde Ende Februar am Hamburger UKE registriert.

Es dauerte einige Wochen, bis die Corona-Pandemie Anfang des Jahres auch Norddeutschland erfasste. Bereits Ende Januar hatten sich mehrere Mitarbeiter des Automobil-Zulieferers Webasto im oberbayerischen Stockdorf bei der Arbeit infiziert. Der erste norddeutsche Fall wurde am 28. Februar bekannt: Ein Kinderarzt des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hatte sich im Urlaub in Norditalien angesteckt.

Erkrankungsbeginn schon im Januar?

Dieser Corona-Patient gilt als erster Covid-19-Erkrankter Norddeutschlands. Er zeigte nach eigenen Angaben am 25. Februar erste Symptome. Betrachtet man die Daten der Gesundheitsämter, die das Robert Koch-Institut (RKI) gesammelt bereitstellt, ist jetzt aber der Eindruck entstanden, dass Dutzende andere Norddeutsche sogar schon früher Symptome zeigten, der Erreger bereits im Januar in Norddeutschland grassierte.

Recherchen von NDR Info und NDR Data zeigen, dass in einem Datensatz von Anfang Juli 78 Fälle in den Einzelfall-Meldungen des RKI verzeichnet waren, deren Erkrankungsbeginn deutlich vor dem oder zeitgleich mit dem Bekanntwerden des ersten Hamburger Patienten lag - in einigen Fällen schon Mitte Januar, also sogar vor dem Ausbruch beim bayerischen Automobilzulieferer Webasto.

Mann hält Kreditkarte und tippt Daten online mit Tablet ein. © Fotolia Foto: Mymemo

Fehlerhafte Daten zu ersten Corona-Fällen im Norden

NDR Info - Infoprogramm -

Die Gesundheitsämter hatten gerade am Anfang der Corona-Pandemie alle Hände voll zu tun. Dabei sind ihnen Dutzende Tippfehler unterlaufen, wie die Ämter auf Nachfrage von NDR Info bestätigen. Eine Spurensuche.

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Jeder zweite Fall fehlerhaft

32 Kreise und kreisfreie Städte in allen norddeutschen Bundesländern wiesen solche besonders frühen Fälle mit einem Erkrankungsbeginn im Januar und Februar auf. Nachdem der NDR alle betroffenen Gesundheitsämter kontaktiert hatte, mussten diese viele Fälle korrigieren. Mindestens 38 der 78 Fälle stellten sich als fehlerhaft heraus.

"Ärgerliche" Tippfehler, aber kein früherer Fall in SH

So prüfte die Landesmeldestelle in Schleswig-Holstein erneut sämtliche Corona-Infizierten, die schon zu Beginn des Jahres Symptome gezeigt haben sollen. In acht aus 17 Fällen mussten die Daten nachgebessert werden. Es handele sich dabei um "ärgerliche" Fehleingaben beim Erkrankungsbeginn, sagt Helmut Fickenscher vom Kompetenzzentrum für das Meldewesen übertragbarer Krankheiten in Schleswig-Holstein. Dass allerdings schon frühzeitig eine relevante Virusausbreitung in Schleswig-Holstein stattgefunden habe, könne man "nach Prüfung jedes einzelnen Falls mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen".

Februar und März vertauscht

Auch in den anderen Nordländern zeigte sich eine hohe Fehlerquote. In Hamburg stellten sich acht von 22 Erkrankungszeitpunkte als fehlerhaft heraus, in Niedersachsen 17 von 33. Bremen und Mecklenburg-Vorpommern wiesen deutlich weniger Fälle auf. Mecklenburg-Vorpommern musste drei aus drei Einträgen, Bremen einen von drei Fällen korrigieren.

Landesmeldestellen und Gesundheitsämter erklären die Fehler mit dem hohen Arbeitsaufkommen im Verlauf der Pandemie. Erstaunlich häufig geschah es, dass Mitarbeitende der Gesundheitsämter bei der Fallaufnahme statt März den Februar als Erkrankungsbeginn vermerkten. Tanja Schulz, Sprecherin für die Region Hannover, erklärt sich die Fehler wie folgt: "Da prallten ja Digitalisierung und neues Personal aufeinander, das war ein sehr dynamischer Prozess und das waren einfach sehr komplexe Bearbeitungsgänge."

Problem nicht nur auf Norddeutschland begrenzt

Weil in der RKI-Datenbank auch Fälle vermerkt waren, in denen die Erkrankung sogar deutlich vor dem Ausbruch beim bayerischen Automobilzulieferer Webasto begonnen haben soll, fragte der NDR auch bei den betroffenen Gesundheitsämtern in ganz Deutschland nach.

Auch bei diesen Anfragen stellte sich heraus, dass zahlreiche Eingaben fehlerhaft gewesen sind. Mehrere Kreise gaben an, versehentlich den falschen Monat als Erkrankungsbeginn eingetragen zu haben. In einem Fall handelte es sich um eine Infektion mit einem anderen SARS-Virus, der Eintrag hätte also nicht in der Liste der Covid-19-Fälle landen dürfen.

Erkrankungsdatum wird von Erkrankten bestimmt

Zwei Gesundheitsämter hatten zwar positive Testergebnisse aus März und April vorliegen, den Krankheitsbeginn dann auf dem Papier aber rückwirkend mehrere Monate in die Vergangenheit verlegt, weil die betroffenen Patienten nach eigener Aussage bereits im Januar Symptome zeigten. Das lässt sich allerdings nicht mit dem bislang erforschten Krankheitsverlauf einer Corona-Infektion vereinbaren. Beide Ämter bestätigten, dass sie den selbst gemeldeten Verlauf für sehr unwahrscheinlich halten.

Auch wenn man die fehlerhaften Einträge außer Acht lässt, bleiben weiterhin mehrere Corona-Fälle in Norddeutschland, für die die Gesundheitsämter das sehr frühe Erkrankungsdatum gegenüber dem NDR bestätigt haben. Zum einen liegt das daran, dass in der Befragung der Gesundheitsämter laborbestätigte Corona-Infizierte angeben sollen, wann sie zum ersten Mal Symptome bemerkt haben.

Das frühe Erkrankungsdatum kann also dadurch entstanden sein, dass die Erkrankten eine Erkältung mit Coronavirus-Symptomen verwechselten und später eine weitere - durchaus auch asymptomatisch verlaufende - Covid-19-Erkrankung gehabt haben können. "Für die Einschätzung der pandemischen Situation ist daher das Meldedatum ein besserer Anhaltspunkt als das Erkrankungsdatum", sagt Martin Helfrich, Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, auf Anfrage des NDR.

Ansteckende Phase im Ausland verbracht

Eine genaue Zuordnung wird zudem durch das sogenannte Wohnortprinzip erschwert. Demnach ordnen die Gesundheitsämter einen Corona-Fall dem Kreis zu, in dem der jeweilige Erkrankte gemeldet wurde, auch wenn die Erkrankung komplett im Ausland oder anderen Teilen Deutschlands verbracht wurde. Laut Sozialbehörden-Sprecher Helfrich ließen sich so die korrekten Fälle in Hamburg erklären, bei denen Corona-Symptome schon Mitte Februar aufgetreten sein sollen.

Auch die frühen Fälle in Schleswig-Holstein lassen sich so erklären: So erkrankte eine Kielerin bereits am 17. Januar an Covid-19. Allerdings, so geht es aus der Akte des Gesundheitsamts hervor, auf einer Weltreise. Ihre Infektion verbrachte sie auf einem Kreuzfahrtschiff und nicht in der Region.

Einige Fälle lassen Fragen offen

Für einige Fälle in Niedersachsen gibt es allerdings noch keine vollständige Erklärung. Eine Frau im Landkreis Gifhorn klagte zum Beispiel schon am 31. Januar über Symptome. Positiv getestet wurde sie erst am 9. April. Amtsarzt Josef Kraft sagt, bei den frühen Symptomen habe es sich um einen grippalen Infekt gehandelt, er habe nichts mit Covid-19 zu tun gehabt.

Zwei weitere Personen aus Gifhorn geben den 12. Februar als Startpunkt ihrer Symptome an. Mitte März wurden sie dann positiv getestet. Ob das frühe Corona-Fälle gewesen sein können? "Fifty-fifty", sagt Kraft. Das Datum beruhe rein auf der Erinnerung und Aussage der Patienten. "Wir müssen das den Leuten abnehmen. Wir haben das so dokumentiert. Aber ob das stimmt, ist fraglich." Für ihn zählt nur das amtliche Meldedatum.

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Robert Koch-Institut verweist an Gesundheitsämter

Auch ein Fall aus Stade lässt noch Fragen offen. Eigentlich sollen in der Datenbank des RKI nur Fälle eingetragen werden, die durch einen sogenannten PCR-Test im Labor bestätigt wurden. Das Gesundheitsamt Stade konnte allerdings einen Fall identifizieren, bei dem ein positiver Antikörpertest in der Datenbank auftauchte. In Absprache mit dem Hausarzt legte es das Erkrankungsdatum auf Mitte Februar. "Nach hiesiger Kenntnis sollten die Ergebnisse von Antikörpertests eigentlich in einer anderen Datei des RKI gelistet sein", teilte eine Sprecherin des Landkreises Stade mit.

"Die ersten - nachweislich gemeldeten - Fälle in Deutschland waren das Webasto-Cluster Ende Januar. Ebenso gab es zwei positive Fälle, die aus Wuhan repatriiert (zurückgeholt, Anm. d. Red.) worden sind", lässt das RKI auf NDR Anfrage wissen. Für alle weiteren Anfragen seien die Landesmeldestellen und Gesundheitsämter vor Ort zuständig.

Viele Gesundheitsämter teilten dem NDR mit, die korrigierten Informationen nach der NDR Anfrage bereits an das RKI übermittelt zu haben. Helmut Fickenscher, Leiter der Landesmeldestelle in Schleswig-Holstein, nahm die Anfrage zum Anlass, den Landesmeldestellen der anderen Bundesländer zu empfehlen, die Meldedaten des Erkrankungsbeginns in dieser Phase der Epidemie gezielt zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 17.07.2020 | 06:08 Uhr