Constructive Journalism Day: Geschichten, die Lösungen zeigen

Stand: 10.11.2020 18:45 Uhr

Die dritte Ausgabe des Constructive Journalism Day hat wegen der Corona-Pandemie ausschließlich als Videokonferenz stattgefunden. Das Thema: Welches sind die Stärken des konstruktiven Journalismus?

In der Reihe "NDR Info Perspektiven" berichtet der Norddeutsche Rundfunk über Menschen, die etwas bewegen, die nach Lösungen suchen. Nicht nur auf Probleme, sondern einen Schritt weiter zu schauen  - darum ging es auch beim dritten Constructive Journalism Day. Die Fachkonferenz richtet NDR Info einmal pro Jahr zusammen mit der Hamburg Media School aus. Dieses Mal fand Corona-bedingt alles digital statt - per NDR Videolivestream und bei Facebook.

So war der CJD 2019
Die Bühne und der Saal beim Constructive Journalism Day in Hamburg. © NDR Foto: Sharon Welzel

Constructive Journalism Day 2019

NDR Info und die Hamburg Media School haben in Hamburg eine Konferenz zum Medientrend Konstruktiver Journalismus veranstaltet. Drei der Fach-Vorträge finden Sie hier im Videomitschnitt. mehr

Alexandra Borchardt: Perspektiven aufzeigen

Bei der hochkarätig besetzten Fachveranstaltung, die durch die Schöpflin-Stiftung unterstützt wurde, diskutierten renommierte Expertinnen und Experten über konstruktiven Journalismus und seine Entwicklungsmöglichkeiten. Im Rolf-Liebermann-Studio des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg begrüßte NDR Hörfunk-Chefredakteur Adrian Feuerbacher seine Gäste - zum Beispiel die Leiterin des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School, Alexandra Borchardt. "Constructive Journalism ist Journalismus, der zeigt, was funktioniert", sagt Borchardt. "Den ganzen Tag geht es ja immer darum, was nicht funktioniert und wo Macht missbraucht wird oder wo was schief geht. Constructive Journalism zeigt einfach Perspektiven auf, wie man aus diesem Schlamassel wieder rauskommt." Gerade das jüngere Publikum frage nach genau solchen Geschichten.

Stephan Weichert: Mehr Sichtbarkeit

Auch der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Weichert forscht zum Thema Konstruktiver Journalismus. Im Gespräch hat er die Ergebnisse seiner gemeinsam mit Leif Kramp veröffentlichten Studie "Nachrichten mit Perspektive" vorgestellt, die der Frage nachgeht, wie die Praxis des konstruktiven Journalismus in Redaktionen in Deutschland gelebt wird. Sein Fazit: Der lösungsorientierte Journalismus ist zuletzt sehr viel sichtbarer geworden, sowohl in den publizistischen Darstellungsformen als auch in der Wahrnehmung der Branche.

Adrian Feuerbacher: Hörer wollen mehr Ermutigendes hören

Die Redaktion von NDR Info hat sich seit einigen Jahren diesen journalistischen Erzählansatz auf die Fahne geschrieben. In den NDR Info Perspektiven berichten Reporterinnen und Reporter regelmäßig über Lösungsansätze - wie auch in einer neuen Podcast-Staffel. Laut Programmchef Feuerbacher geht es darum, ein breiteres Bild der Wirklichkeit abzubilden. Dass sich das lohne, zeigten die vielen positiven Rückmeldungen: "Einige Hörerinnen und Hörer sagen uns: 'Was ihr berichtet, hat immer weniger mit meinem Alltag zu tun. Bei euch höre ich Sachen, die krisenhaft sind, die den Bach runtergehen. Aber es gibt doch noch viele andere Dinge auf der Welt.' Es gibt auf jeden Fall diesen starken Wunsch nach konstruktiven, lösungsorientierteren Berichten."

Bastian Berbner: Im Redaktionsalltag umdenken

Genau mit solchen konstruktiven Geschichten hat sich "Zeit"-Redakteur Bastian Berbner für den NDR Info-Podcast "180 Grad - Geschichten gegen den Hass" intensiv beschäftigt. Seiner Ansicht nach sollten Journalistinnen und Journalisten viel öfter die Frage stellen: Was können wir tun? Die Frage zwinge uns nämlich automatisch, in der Gegenwart und in der Vergangenheit nach Dingen zu suchen, die funktioniert haben. Nach Dingen, die vorbildlich sind. Und das sind dann Dinge, die keine Ängste schüren, sondern Hoffnung machen. Konstruktiver Journalismus müsse im Redaktionsalltag automatisch mitgedacht werden, selbstverständlicher werden - bei allen Themen.

Nina Fasciaux: Anregungen der Nutzer sind hilfreich

Für lösungsorientierte Geschichten setzt sich auch das Solutions Journalism Network ein. Nina Fasciaux leitet das Netzwerk für Europa und schaltete sich per Bildschirm aus Frankreich dazu. Gerade die Corona-Krise habe gezeigt, wie bereichernd es sei, auch ermutigende Beiträge zu hören. Dabei könnten Redaktionen auch die Nutzerinnen und Nutzer einbeziehen: "Sie können das Problem selbst definieren. Dann können die Nutzer uns Journalisten helfen, Lösungen zu finden. Wenn sie dann darüber diskutieren, wird klar, was sie auf ihre eigene Realität beziehen können."

Ellen Heinrichs: Sich nicht mit einem Projekt gemein machen

Ellen Heinrichs beschäftigt sich bei der Deutschen Welle mit dem Thema Digitalisierung und ist Fellow am Constructive Institute in Dänemark. Ihr ist es wichtig, dass Journalistinnen und Journalisten auch weiter kritisch berichten, auch über Lösungen. Das sei gerade wichtig wegen des zunehmenden Vertrauensverlusts in die Medien: "Und ich warne davor, sich mit Lösungen gemein zu machen und sie sich als Journalistin zu eigen zu machen und vor sich herzutragen."

"Wo ein Problem ist, kann man eine Lösung erzählen"

Im Anschluss der Gesprächsrunde diskutierten die Expertinnen und Experten noch über Fragen, die online gestellt wurden. Wie die Frage, wie man lösungsorientierte Geschichten in Redaktionskonferenzen verkaufen könne. Noch gebe es viele skeptische Stimmen. "Zeit"-Redakteur Berbner gab die Antwort: "Diese Vorstellung, die leider noch sehr weit verbreitet ist, dass konstruktiver Journalismus und Lösungsjournalismus bedeutet, dass das Problem verschwiegen wird, das hab ich nie verstanden. Es ist genau das Gegenteil der Fall. Da, wo ein Problem ist, kann man eine Lösung erzählen. Das hängt unweigerlich zusammen."

Durch Corona aktueller denn je

Birgit Langhammer in der Bremer Bauteilbörse © NDR
Besuch in einer Bauteilbörse: Birgit Langhammer von NDR Info recherchiert für den "Perspektiven"-Podcast.

Konstruktiver Journalismus ist in Corona-Zeiten aktueller und gesellschaftlich relevanter denn je. Gerade jetzt zeigt sich, dass es möglich ist, viele Alltags-Logiken zu hinterfragen, die Krise auch als Chance für Veränderung zu begreifen und Systeme neu zu denken. Beim NDR wird dies auch während der Krise in der Berichterstattung der NDR Info Perspektiven deutlich, aber auch in ganz neuen Formaten wie dem After Corona Club.

NDR Info gehört in Deutschland zu den Vorreitern des konstruktiven Journalismus. Bereits seit 2016 läuft im Frühprogramm des Radiosenders die Reihe "NDR Info Perspektiven". Darin werden Menschen, Initiativen und Projekte vorgestellt, die nach Lösungsmöglichkeiten für gesellschaftliche, soziale oder wirtschaftliche Probleme suchen. Aktuell setzt das Programm die Podcast-Reihe "Perspektiven: auf der Suche nach Lösungen" mit neuen Folgen fort. Doch auch unabhängig von Formaten finden konstruktive Ansätze vermehrt Eingang ins Programm.

Weitere Informationen
Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

Wir sprechen mit Menschen, die mit ihren Ideen für ein sozialeres, nachhaltigeres und besseres Leben sorgen wollen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 10.11.2020 | 10:00 Uhr

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