Eine junge Frau aus Afrika hält einen Ausweis für Flüchtlinge in der Hand mit dem Titel: Aussetzung der Abschiebung (Duldung).

Afghanen trotz Taliban-Regime weiter nur geduldet im Norden

Stand: 13.10.2021 06:25 Uhr

In Norddeutschland leben etwa 6.200 Afghaninnen und Afghanen, die geduldet sind. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan machen sie sich große Sorgen um ihre Familien. Und hoffen, vielleicht doch bleiben zu dürfen.

von Lea Eichhorn

Mortaza Farzam hat seine Heimat Afghanistan vor sieben Jahren verlassen. Als Atheist sei er sowohl von den Taliban als auch von anderen Radikalen bedroht worden. "Damals war es immer unsicher, überall viele bewaffnete Terroristen. Deswegen bin ich damals geflohen." Ende 2019 kam Farzam nach Deutschland. Bleiben darf er aber nicht. Seinen Asylantrag hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Ende 2020 abgelehnt. Der Grund: Es gebe sichere Gebiete im Land, in denen er leben könne, wie etwa Kabul. Das bedeutet: Farzam ist eigentlich ausreisepflichtig. Menschen wie er haben kein dauerhaftes Bleiberecht. Trotzdem wird er nicht abgeschoben. Was sich aber jederzeit ändern kann.

Was bedeutet "Duldung"?

Die Duldung bedeutet die "vorübergehende Aussetzung der Abschiebung" von ausreisepflichtigen Ausländern. Sie begründet keinen rechtmäßigen Aufenthalt. Mit der Duldung entfällt eine Strafbarkeit wegen "illegalen" Aufenthalts. Die Duldung beinhaltet keine Arbeitserlaubnis, jedoch kann für die Zeit der Duldung die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gestattet werden. Die Duldung ist in der Regel auf ein Jahr befristet. Nach Ablauf der Frist kann die Duldung erneuert werden.

Duldung erschwert Arbeitssuche

"Ich bin nie ruhig, ich habe viel Stress. Ich habe immer noch Angst, dass ich irgendwann von der Ausländerbehörde einen Bescheid kriege: Die Duldung ist fertig - ich muss zurück. Es ist nicht so sicher, dass man hier ein paar Jahre bleiben kann", sagt er. Zuerst arbeitete Farzam als Aushilfe bei Rossmann. Seit Kurzem macht er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer in Pinneberg. Es war nicht einfach, eine Stelle zu finden. Die Duldung schrecke viele Arbeitgeber ab, erzählt er. "Kein Arbeitgeber will das machen. Sie können nicht einfach zwei, drei, vier Monate abwarten, bis die Ausländerbehörde entscheidet, ob man arbeiten darf. Wenn man dann darf, dann die Stelle ist weg. Das habe ich selber erfahren."

Angst vor Abschiebung

Das erlebt auch Imren. Er kam mit 16 Jahren nach Deutschland. Heute ist er 22 Jahre alt, lebt in Bad Segeberg. Er arbeitet als Bodenleger, möchte aber eigentlich eine Ausbildung machen. Bisher hat es nicht geklappt. Auch er ist geduldet. "Ich habe immer Angst, dass die Polizei zu mir kommt und mich nach Afghanistan schickt. Ich hatte immer Angst, ich konnte nicht so einfach schlafen."

Vorläufiger Abschiebestopp

Im August hat das Bundesinnenministerium einen vorläufigen Abschiebestopp für Afghanistan verhängt. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) erklärte allerdings auch: So bald wie möglich solle der Stopp wieder aufgehoben werden. Zur Sorge um seinen unsicheren Status kommt bei Imren noch die Angst um seine Familie. In den vergangenen Jahren konnte er regelmäßig mit ihr telefonieren. Doch seit die Taliban Kabul eingenommen haben, wird das schwieriger. "Seit einem Monat oder so, habe ich keinen Kontakt mit meiner Familie. Es gibt kein Internet oder eine Möglichkeit, dass ich anrufen kann."

Folgeantrag theoretisch möglich

Gisela Dell lächelt vor einer Wand.
Migrationsberaterin Gisela Dell kritisiert, dass das BAMF momentan keine Anträge von Afghaninnen und Afghanen bearbeitet.

Gisela Dell ist im Diakonischen Werk Plön-Segeberg für Migrationsberatung zuständig. Sie beobachtet, dass einige Afghanen trotzdem einen Funken Hoffnung schöpfen. Denn im deutschen Asylrecht steht: Verändert sich die Lage im Heimatland stark, dann dürfen auch abgelehnte Asylbewerber einen sogenannten Asylfolgeantrag stellen. Die deutschen Behörden prüfen dann anhand der neuen Umstände, ob er oder sie doch bleiben darf. "Die Situation hat sich durch die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan verändert. Das ist die Hoffnung der Menschen hier; dass sie hier einen besseren Status kriegen und hier Fuß fassen können. Aber es ist noch nicht sicher, es ist völlig unsicher."

BAMF bearbeitet derzeit keine Anträge von Afghanen

Was ist ein Folgeantrag?

Ein Folgeantrag auf Asyl kann ein Schutzsuchender stellen, wenn der erste Antrag zurückgenommen oder abschließend abgelehnt worden war. Ein zweites Asylverfahren wird allerdings nur eröffnet, wenn sogenannte Wiederaufgreifensgründe vorliegen. Das BAMF schreibt dazu: "Hierzu zählen beispielsweise eine erhebliche Änderung der Verhältnisse im Herkunftsland oder aber es liegen neue Beweise vor, die bei einer Rückkehr der betroffenen Person in ihr Herkunftsland zu ihrer Gefährdung führen könnten."

Bis ein Folgeantrag beschieden wird, könnten Jahre vergehen, sagt Dell. Doch momentan bearbeitet das BAMF wegen der neuen Lage grundsätzlich keine Anträge von Afghaninnen und Afghanen. Weder neue Asylanträge noch Folgeanträge. Wie lange noch? Dazu hat sich das zuständige Bundesinnenministerium auf Anfrage des NDR nicht geäußert. Gisela Dell findet diesen Schwebezustand falsch. Besonders für junge Menschen, die schon lange in Deutschland leben und eine gute Chance haben, sich zu integrieren. "Sie möchten arbeiten, sie möchten etwas beitragen. Und wir brauchen in Deutschland dringend, gerade im handwerklichen Bereich, Arbeitskräfte. Und denen fällt es so schwer. Das ist so eine Miss-Situation." Mortaza Farzam ist froh über seinen Ausbildungsplatz. Doch die Unsicherheit bleibt.

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Ein Polizeifahrzeug steht hinter einem Flugzeug

Abgesagter Flug soll nachgeholt werden

Immer mehr Anschläge, immer heftigere Kämpfe: In Afghanistan sind die Taliban weiter auf dem Vormarsch. Abschiebungen in das Land sind deshalb umstritten. Nun wurde ein Flug aus München abgesagt, soll aber "zeitnah nachgeholt werden". (4.8.2021) extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 13.10.2021 | 06:48 Uhr

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