Stand: 13.09.2019 06:00 Uhr

So hart ist die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen

von Charlotte Horn, NDR Info

Kein anderer Tourismuszweig wächst so schnell wie die Kreuzschifffahrt. Der größte Branchenverband CLIA rechnet für dieses Jahr mit einer Steigerung auf 30 Millionen Passagiere weltweit. Die Zahl deutscher Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen verdoppelte sich in den vergangenen fünf Jahren auf knapp 2,3 Millionen. Eine Woche Urlaub bekommt man schon für ein paar Hundert Euro. Doch während sich die Touristen auf dem Oberdeck sonnen, arbeiten die Beschäftigten oft nonstop - gerade in den unteren Lohngruppen. Egal ob von den Philippinen, aus Indonesien oder Indien: Im Gespräch mit NDR Info berichten alle ähnlich vom harten Arbeitsalltag unter Deck.

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In den Seafarer`s Lounges der Seemannsmission können sich die Seefahrer günstig mit Lebensmitteln oder Hygieneartikeln versorgen.

Am Ostseekai in Kiel in der Seafarer’s Lounge der Seemannsmission.  Draußen überragt ein Kreuzfahrtschiff mit dunkelblauem Rumpf das Gebäude. Ein Schiff der deutschen Gesellschaft TUI Cruises. Über 315 Meter lang, 15 Decks hoch. Auf fast 3.000 Passagiere kommen gut 1.000 Mitarbeiter. Daniel (*die Namen der Kreuzfahrt-Mitarbeiter sind von der Redaktion geändert) ist Kellner an Bord. Wegen des Passagier-Wechsels fällt der Dienst zum Mittagessen an diesem Tag aus - und er hat ausnahmsweise frei.

So wie die meisten seiner Kollegen im Hotel- und Servicebereich kommt er von den Philippinen. Eben hat der 28-Jährige im kleinen Shop asiatische Instant-Nudeln und Schokolade gekauft. Andere decken sich mit Krabbenchips ein, Vitamin-Tabletten oder Kosmetik-Artikeln. Hier ist es billiger als an Bord.

Kommentar

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"Mit dem Geld helfen wir unseren Familien"

Daniel wollte schon immer auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten: "Für uns ist es ein Traum, hier zu sein auf dem Schiff. Wir sind froh, weil wir hier gutes Geld verdienen können. Und wir bringen es nach Hause, um unseren Familien zu helfen." Seit fünf Jahren arbeitet der 28-Jährige auf dem TUI-Schiff, immer in einem befristeten Vertrag für zehn Monate. An Bord verdiene er sechs Mal so viel wie zu Hause als Kellner.

Angefangen hatte Daniel vor fünf Jahren als Busboy, als einfacher Kellner. Der Vertrag liegt NDR Info vor. Sein monatliches Grundgehalt: umgerechnet etwa 350 Euro. Die festgeschriebene Dauer im Vertrag: neun Monate, 48 Stunden pro Woche. In Wirklichkeit sei er aber auf 70 Stunden pro Woche gekommen, erzählt er. Eine einmalige Überstunden-Pauschale deckt die Mehrarbeit schon im Vertrag ab, ist also fest einkalkuliert. Hinzu kommen ein monatlicher Zuschuss der Firma und Geld für Urlaubstage, die aber erst am Ende genommen werden dürfen. Insgesamt kam Daniel so bei seinem ersten Job an Bord auf umgerechnet knapp 600 Euro pro Monat, also knapp zwei Euro Stundenlohn.

Hoher Druck unter Deck auf Kreuzfahrtschiffen

Vertrag mit einer philippinischen Agentur

Auf Nachfrage von NDR Info verweist TUI Cruises auf den Geschäftspartner Sea Chefs. Der sei zuständig für das Personal im Hotel- und Restaurantbereich. Tatsächlich hat Daniel den Vertrag mit einer philippinischen Agentur abgeschlossen. Die wiederum kooperiert mit Sea Chefs, eine weltweit operierende Personalagentur mit Sitz in der Schweiz.

TUI Cruises schreibt: "Laut Auskunft unseres Geschäftspartners Sea Chefs ist Folgendes zu berücksichtigen: Die Gehälter richten sich nach der Qualifikation des Besatzungsmitgliedes und liegen über dem Branchendurchschnitt."

Das Kreuzfahrtschiff AidaCara. © dpa-Bildfunk Foto: Markus Scholz

Arbeiten fast ohne Pause auf Kreuzfahrtschiffen

NDR Info - Infoprogramm -

Im Kreuzfahrtgeschäft sind die Reedereien die großen Gewinner. Sehr hart für diesen Erfolg arbeiten an Bord besonders die Beschäftigten im Gastro-Bereich oder Service.

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Kritik kommt von Gewerkschaft ver.di

Maya Schwiegershausen-Güth von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di teilt diese Einschätzung nicht. Sie kritisiert, dass ver.di die Tarifverträge für die internationale Transportarbeiter-Gewerkschaft ITF nicht direkt mit TUI Cruises verhandeln kann, sondern nur mit Sea Chefs. Diese Tarifverträge hätten zwar einen höheren Mindeststandard als das internationale Seearbeitsübereinkommen vorsehe, trotzdem sei Kritik angebracht: "Wenn ich mir angucke, wie die Kreuzfahrtbranche sich entwickelt und was die Kreuzfahrtunternehmen für Gewinne machen, dann finde ich es nicht gerechtfertigt, mit was für einem Lohn die Beschäftigten abgespeist werden. Dann sollte es möglich sein, dass man den Leuten mehr Lohn zahlt."

Eine Kabine für zwei - mit sieben Quadratmetern

In der Kieler Seafarer's Lounge erzählt Kellner Daniel von seinem Arbeitsalltag an Bord: Mindestens zehn Stunden am Tag arbeite er, manchmal zwölf - und das sieben Tage die Woche als Kellner für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Dazwischen kurze Pausen. Nur wer krank sei, bekomme frei. Dabei keine Privatsphäre, auf engstem Raum.

Auf Deck 2, gleich über dem Deck mit den Schiffsmotoren, teile er sich eine rund sieben Quadratmeter große Kabine mit einem Kollegen, erzählt der Philippino. Stockbett, Tisch, Kleider-Spind und ein kleiner Waschraum. Immerhin: Die Unterbringung und Verpflegung bekommen die Crew-Mitglieder kostenlos - und auch An- und Abreise wird übernommen.

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Internationales Seearbeits-Übereinkommen setzt den Rahmen

Auf Nachfrage verweist TUI Cruises auf die modernen neuen Crewbereiche auf sechs der sieben Schiffe. 92 Prozent der Besatzung sei in Einzel- oder Zweier-Kabinen untergebracht: "Zum Ausgleich zur Arbeit gibt es eine Vielzahl an Rückzugsorten, unter anderem ein Fitnessstudio, Coffee Shop und Pub, Gaming Room und Crew-Sonnendeck. Außerdem können Besatzungsmitglieder in ihrer Freizeit die Gastbereiche nutzen. Das ist in der Branche einmalig." Außerdem arbeite die Crew im Durchschnitt vier Jahre an Bord. Das spräche für die gute Atmosphäre an Bord. Überstunden würden erfasst und kontrolliert.

MSC Cruises beruft sich in seiner Stellungnahme ebenso auf die "Wiederholer-Rate" der Crew-Mitglieder an Bord. Das Unternehmen richte sich bei den Arbeitszeiten nach dem internationalen Seearbeits-Übereinkommen. Es gebe ein elektronisches Zeiterfassungssystem an Bord. Der Crew werde ausreichend Freizeit zugesichert. AIDA hat auf die Anfrage von NDR Info nicht reagiert.

  • Warum arbeiten Sie auf einem Kreuzfahrtschiff? Kurzprotokolle von Beschäftigten auf Kreuzfahrtschiffen von TUI, AIDA, MSC

    Philippino, 32, Kellner, MSC
    "Wenn wir an Bord arbeiten, verdienen wir das Doppelte oder Dreifache als zu Hause. Das Traurige ist, dass man zu weit weg von seiner Familie ist. Ich mache nur sieben Monate. Andere bleiben für elf. Das könnte ich nicht. Gleichzeitig reise ich um die Welt. Das ist schön. Aber wir haben wenig Pausen. Ich schlafe im Schnitt vier Stunden. Ich arbeite in Schichten: ab 6 Uhr zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen bis 23 Uhr. Dazwischen haben wir Pause. Und abends wasche ich Wäsche oder unterhalte mich mit anderen und sende Nachrichten an meine Familie. Das ist meine tägliche Routine. Ich arbeite noch ein paar Jahre, um Geld zu sparen. Dann will ich mir zu Hause ein Geschäft aufbauen. Ich habe einen Vertrag mit einer philippinischen Agentur, deswegen bezahlen sie mir weniger. Aber das ist okay.  Die meisten meiner Nachbarn aus meiner Stadt arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff. Deswegen wollte ich das schon machen, als ich ganz jung war."

  • Philippina, 24, Buffet-Service, MSC
    “Das Gute ist als Kellnerin, wenn ich zum Beispiel zwei Weinflaschen verkaufe, bekomme ich eine Extra-Pause. Das kommt vielleicht einmal im Monat vor. Dann habe ich vier Stunden Pause plus vier Stunden frei, wenn ich nicht den Mittagsdienst machen muss. Das ist toll und ich kann mich ausruhen. Im Schnitt schlafe ich vier Stunden. Abends arbeite ich bis 23 Uhr und morgens stehe ich um 5 Uhr wieder auf. Das Gute ist, dass unsere Chefs aufpassen, dass wir unsere Arbeitszeiten einhalten. Sie verstehen, dass wir uns ausruhen müssen, besonders bei elf Stunden, sieben Tage die Woche. Das ist mein erster Vertrag. Vorher habe ich in einem Hotel an Land gearbeitet, da hatte ich einen freien Tag. Hier an Bord leider nicht. Aber wir wussten es vorher, also können wir uns nicht beschweren. Wenn man Herausforderungen liebt, ist die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff passend für einen. Und das Gute: Man reist umsonst um die Welt. Eigentlich sollte ich schon früher nach Hause fliegen, aber die Agentur hat meinen Vertrag um zwei Monate verlängert. Ich mache es vor allem für meine Familie. Ich bin sozusagen die Ernährerin. Sie glücklich zu sehen, ist meine ganze Motivation."

  • Indonesier, 35, Kellner, MSC
    "Das hier ist mein erster Vertrag. Es ist toll, ich kann umsonst durch Europa reisen, ohne Geld auszugeben. Ich bin das erste Mal im Ausland. Hier an Bord verdiene ich vier Mal so viel wie zu Hause. Die erste Zeit an Bord war hart. Aber jetzt mag ich meinen Job, ich habe Freunde und ich kenne mich im Schiff jetzt aus. Zum Beispiel, wo der Waschraum ist oder die Crew-Bar. Nur am Anfang war es schwierig. Ich arbeite so zehn, elf Stunden. Ich bin Einzelkind und brauche das Geld für meine Eltern und für meine Zukunft. Das Internet an Bord ist sehr teuer. Zu meinem Geburtstag habe ich 500 MB geschenkt bekommen."

  • Inder, 40, Koch, MSC
    "Ich arbeite seit 13 Jahren auf Kreuzfahrtschiffen. Das reicht. Ich mache noch diesen Vertrag und dann ziehe ich zu meiner Frau und den Kindern. Sie vermissen mich immer. Jetzt muss ich einen neuen Job finden. Am Anfang ist es schwierig, sich an das Leben an Bord zu gewöhnen. Aber es ist auch interessant, mit so vielen internationalen Leuten zusammenzuarbeiten. Wir arbeiten jeden Tag. Freie Tage bekommen wir nur, wenn wir krank sind. Wir halten durch für unsere Familie, aber wir bekommen ein gutes Gehalt, Essen und Unterkunft. Dass wir keinen freien Tag im Monat haben, das ist hart. Man muss es als Herausforderung sehen."

  • Philippino, 40, Kellner, AIDA
    "Ich habe noch vier Monate an Bord, im Dezember reise ich zurück. Früher als üblich. Aber dieses Jahr möchte ich an Weihnachten bei meiner Familie sein. Seit zwölf Jahren arbeite ich auf AIDA-Schiffen.  Meine Motivation ist meine Familie. Ich möchte, dass meine drei Töchter eine gute Zukunft haben. Wir telefonieren jeden Tag. Es ist schon schwierig, so lange unterwegs zu sein. Als ich das erste Mal so lange an Bord gegangen bin, war meine Tochter sechs Jahre alt, inzwischen ist sie 18. Als Vater habe ich die Zeit nicht wirklich miterlebt, wie sie groß geworden ist. Aber wir haben trotzdem ein gutes Verhältnis. Unsere Chefs an Bord achten darauf, dass wir keine Überstunden machen, aber manchmal passiert es doch. Ich fühle mich oft sehr müde, aber dann denke ich an meine Familie und motiviere mich wieder. Ich glaube, ich arbeite noch fünf Jahre, so lange wie meine Töchter in der Schule sind."

  • Inder, 32, Koch, AIDA
    "Ich habe mit 20 Jahren angefangen auf Kreuzfahrtschiffen. Immer zehn bis elf Monate bin ich an Bord, arbeite bis zu zwölf Stunden am Tag. Manchmal arbeite ich länger, aber die Überstunden sind schon in einer Pauschale für uns verrechnet. Wir bekommen sie nicht extra bezahlt. Nur wegen meiner Familie halte ich durch. Immerhin ist das WLAN inzwischen etwas günstiger für die Crew. Hier an Bord verdiene ich viel mehr als in Indien. Damit kann ich meine Familie unterstützen und noch etwas für mich sparen. Das Leben an Bord ist anstrengend, vor allem mit den vielen Menschen aus verschiedenen Ländern. Man muss lernen, geduldig zu sein. Wenn man wütend ist, geht man am besten irgendwo anders hin."

  • Junge Frau aus Bhutan, 26, Spa-Bereich, AIDA
    "Ich wollte immer auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten und die Welt sehen. Ich arbeite zehn Monate, jeden Tag circa acht Stunden, manchmal zwölf. Wenn die Passagiere zufrieden sind, geben sie Trinkgeld. Manchmal, in unserer Pause, gehen wir auf das Außendeck ans Tageslicht. Ich teile mir eine Kabine auf Deck 2, das ist in Ordnung. An den Seegang habe ich mich inzwischen gewöhnt. Wir sagen uns immer: Wir müssen positiv bleiben, auch wenn wir manchmal traurig sind. Aber wir müssen zufrieden sein, weil wir unsere Familien unterstützen. Ich versuche regelmäßig mit ihnen zu telefonieren."

  • Junger Mann aus Honduras, 28, Buffet-Service, TUI Cruises
    "Ich arbeite als Büffet-Kraft in einem Restaurant an Bord für Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Am Tag arbeite ich zwischen neun und elf Stunden. Von fünf Uhr morgens bis 22.30 Uhr abends. Dazwischen haben wir Pausen. Meine Kollegen im Restaurant haben es gut. Wenn die viele Weinflaschen verkaufen, bekommen sie auch mal eine längere Pause. Hier an Bord verdiene ich mehr als in Honduras. Das Geld ist meine Motivation, auch wenn ich dafür weit weg von meiner Familie bin. Seit drei Jahren habe ich Weihnachten und Neujahr nicht mehr zu Hause gefeiert. Da bin ich immer an Bord. Und wenn es zu Hause einen Notfall gibt, musst Du selbst den Flug zahlen. Die Firma zahlt nur den Hin- und Rückflug vor und nach einem Vertrag. Das Leben ist schon schwierig, ohne einen freien Tag in neun Monaten und ohne Privatsphäre. Meine Kabine teile ich mir mit einem Kollegen. Er hat aber andere Schichten und so ist es schwer durchzuschlafen. Aber ich wusste, worauf ich mich eingelassen haben. Man muss sich einfach mental darauf einstellen."

  • Indonesier, 24, Küchenhilfe, TUI Cruises
    "Ich habe zu Hause in Indonesien Werbung gesehen, auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. Daher bin ich auf die Idee gekommen. Meinen Vertrag habe ich mit einer Agentur in Indonesien abgeschlossen. Im Moment arbeite ich als Spüler in der Küche, aber ich würde gerne Kellner werden. Manchmal fühle ich mich müde. Jeden Tag habe ich die gleiche Routine. Ich wollte immer Europa sehen. Und hier verdiene ich das Dreifache von zu Hause. Ich unterstütze meine Familie, meine Eltern und meine drei Brüder. Sie sind Bauern und haben nicht viel. Einen Vertrag mache ich vielleicht noch."

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Kein freier Tag im Monat bei TUI Cruises

Philippinos wie Daniel arbeiten mindestens acht Monate, anders als die Europäer mit kürzeren Vertragslaufzeiten und meist höheren Positionen. Alle arbeiten - wie üblich auf See - durch, ohne einen freien Tag, auch die Europäer. Warum TUI Cruises der Besatzung keinen freien Tag im Monat einräumen kann, darauf antwortet das Unternehmen nicht.

Maya Schwiegershausen-Güth von ver.di kritisiert, dass die Reedereien ihrer Fürsorgepflicht für die Beschäftigten nicht nachkämen: "Die Reedereien brüsten sich damit zu sagen, das ist ganz wunderbar, wir machen Green Shipping und wir stellen um auf Landstrom. Das ist wichtig und richtig. Aber ich finde es genauso wichtig, wenn man sagt, wir belasten auch nicht die Menschen, die bei uns an Bord arbeiten."

Aus Sicht von Maya Schwiegershausen-Güth nutzen die Reedereien die Globalisierung. Das Argument, dass Menschen wie Daniel besser verdienten als in ihren Heimatländern, findet sie zu kurz gegriffen: "Die Frage ist, inwiefern sie das tun würden, wenn sie zu Hause eine Alternative hätten. Und das kann man sich angucken, wie wenig deutsche Seefahrer es gibt und wie wenig europäische Seefahrer es gibt.

WLAN an Bord für Crew-Mitglieder nicht kostenlos

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Kontakt zu seiner Familie hält Daniel via Smartphone. Das ist an Bord allerdings eine teure Angelegenheit.

In der Seafarer's Lounge in Kiel hält Daniel das Smartphone vor sein Gesicht. Auf dem kleinen Bildschirm ist das verwackelte Bild seiner Tochter zu sehen. Seit fünf Monaten halten sie so Kontakt. Inzwischen ist sie eineinhalb Jahre alt.

Hier ist das WLAN kostenlos und schnell, an Bord müssen Crewmitglieder für drei Gigabyte 40 Euro bezahlen. Für Daniel sind das einige Stunden Arbeit. Auf die Frage nach kostenlosem WLAN für die Crew-Mitglieder geht TUI Cruises nicht ein. Viele decken sich in der Seafarer's Lounge mit günstigeren Sim-Karten ein, für die nächste Fahrt. 

"Ein schwerer Job, wenn man seine Familie vermisst"

Daniel hat noch ein paar Monate an Bord. Seinen Geschwistern rät der 28-Jährige, lieber einen Job an Land zu suchen. Er erinnert sich an seine erste Fahrt: "Im ersten Monat fand ich es gut. Aber auf lange Sicht wird es immer schwerer. Vor allem, wenn man seine Familie vermisst. Man muss geduldig sein. Und das versuchen wir. Ich überlebe diese Art Job nur wegen ihnen."

Seemannsmission hilft den Seefahrern

Auch Markus Wichmann merkt den Seefahrern die Arbeitsbelastung an. Er leitet die Seafarer's Lounge in Hamburg. An diesem Tag ist er am Kreuzfahrtterminal in Hamburg-Steinwerder. Eben hat er für einen Seefahrer aus Samoa Geld an dessen Frau überwiesen.

Im vergangenen Jahr betreuten er und sein Team Mitarbeiter von 200 Kreuzfahrtschiffen: "Wir können tatsächlich den Crew-Mitgliedern dabei zusehen, wie sie in der Saison körperlich abbauen, älter werden. Am Anfang kommen sie halt noch alle recht motiviert bei uns an und man sieht schon, wie denen das zusetzt. Aber ich habe größten Respekt vor diesen Leuten, wie sie das schaffen, jeden Tag zu arbeiten. Ich weiß: Unsere Kultur hier in Europa, wir würden das nicht durchhalten, diese Leistung zu erbringen."

Viele sind nach einiger Zeit sehr müde

Einmal hat die Seemannsmission eine Optiker-Sprechstunde angeboten. Viele Seeleute hätten ziemlich schlechte Werte gehabt. Diese seien aber keine tatsächlichen Augenschwächen gewesen, sondern kämen von der chronischen Übermüdung, so Wichmann.

Manchmal würden die Seefahrer auch mehr erzählen, wenn sie eine längere Pause hätten. Erzählen von der Anspannung an Bord, gerade auch mit den vielen verschiedenen Nationalitäten an Bord: "Das ist natürlich auch ein Thema: Suizid an Bord. Aber das ist natürlich - verständlicherweise, um die Stimmung nicht zu verderben - auch ein Thema, worüber nicht so geredet wird."

In einem Internetblog, in dem sich Beschäftigte von Kreuzfahrtschiffen weltweit austauschen, sind im Juli vier Todesfälle gemeldet worden. In drei Fällen schreibt das Blog von Herzinfarkten als Todesursache.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 13.09.2019 | 07:38 Uhr

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