Stand: 16.11.2019 13:36 Uhr

"Orfeo ed Euridice": Sieg der Liebe

von Karin Erichsen

Der Choreograph Stefano Giannetti hat am Mecklenburgischen Staatstheater die Oper "Orfeo ed Euridice" auf die Bühne gebracht. Seine Schweriner Inszenierung überzeugt zwar nicht durch Stringenz, ist aber dennoch sehenswert.

Eurydike ist tot und bereits ins Reich der Schatten hinabgefahren. In untröstlicher Trauer beweint der Sänger Orpheus seine Geliebte. So beginnt Glucks Oper "Orfeo ed Euridice". Die griechische Mythologie erzählt, Eurydike sei an dem giftigen Biss einer Schlange gestorben. Sie war auf der Flucht vor Aristaios, dem wilden Imker der Antike, den die Lust erfasst hatte, die schöne Frau zu besitzen, die zuvor auf seiner Wiese Blumen für Orpheus gepflückte hatte. Eurydike starb an ihrer Liebe und Schönheit.

"Orfeo ed Euridice" in Schwerin

Auch die Inszenierung von Stefano Giannetti hat eine Vorgeschichte. Sie ist so trist, dass mancher Zuschauer das Theater gleich wieder verlassen mochte: Auf nackter Bühne tanzte das Liebespaar in großer Gesellschaft unter einem Himmel von Bühnentechnik. Die schlichten Kostüme in allen Nuancen von Grau gehalten. Aus dem Zuschauerraum nähert sich ein Attentäter und erledigt Eurydike mit einem gezielten Schuss aus der Pistole.

Spielerische Hilfe von Liebesgott Amor

Der Alptraum, den Orpheus nun durchlebt, wird auf der Bühne nicht nur durch sein Klagelied spürbar, sondern auch sichtbar durch die verzerrten Bewegungen des Ballett-Ensembles und durch düstere, unscharfe Bilder, von Krankenhausfluren oder Gefängniskorridoren, die im Hintergrund auf Großleinwand projiziert werden.

Orpheus' Schmerz und sein verzweifelter Appell an die Götter, ihm die Liebste zurückzugeben, locken den Liebesgott Amor an. Er ist die Karikatur einer Rokoko-Figur mit weißer Löckchenperücke, überschminktem Gesicht und einem Kostüm, das die überspannten Elemente der spätbarocken Kleidermode auf die Spitze treibt. Natürlich ist er als typischer Vertreter seiner Epoche zu einem Spielchen aufgelegt: Er ermutigt Orpheus, in die Unterwelt hinabzusteigen, um seine Eurydike zurückzuholen. Dabei dürfe er sie aber keinesfalls ansehen, sonst fiele sie wieder in die Schatten hinab.

Treibende Furien in nebeliger Unterwelt

So macht sich Orpheus auf die Reise - und auch Giannettis Inszenierung beschreitet neue Wege: Orpheus, der bis dahin in schlichter, hellgrauer Kleidung erschienen war, erhält einen dramatischen, roten Samtmantel um die Schultern und den unvermeidlichen Lorbeerkranz aufs Haupt. Auch er wirkt nun fast wie eine Karikatur seiner selbst.

Die Unterwelt schleicht aus dem Zuschauerraum auf die Bühne hinauf. Der Chor in schwarzen Gewändern mit Kapuzen zeigt die Gestalten der Nacht, die sich hinter Orpheus zu einer wabernden Masse formieren. Die Furien treiben den Sänger im Nebel vor sich her und umschließen ihn, sie greifen ihn an, während sich der Höllenschlund in roten Farbspielen auf der Leinwand öffnet. Orpheus bezwingt das Grauen mit seiner Kunst.

Doch kein glückliches Ende für "Orfeo ed Euridice"

Mit dem Eintritt ins himmlische Elysium verändert sich die Bildsprache erneut, sie wird mit jeder Szene klassischer. Ausstatter Alexander Mudlagk wählt nun für Chorsänger und Tänzer fließende, transparente Stoffe, goldene Farben, warmes Licht, heitere Himmelsprojektionen.

Ein glückliches Ende ist in der griechischen Mythologie für die Liebenden nicht vorgesehen. Die Barockoper aber kommt nicht ohne aus. Orpheus erhält seine Eurydike zurück. Das opulente Schlussbild mit Lorbeerreigen und Lobgesang will Regisseur Giannetti allerdings noch einmal brechen. Unvermittelt betreten Soldaten die Bühne und führen den erstaunten Orpheus in den Krieg. Eine unglückliche Überraschung zum Schluss.

Schwächen bei Inszenierung und Besetzung

Die Inszenierung will viel erzählen und wechselt dabei häufig das Konzept. Was als düstere Regieoper beginnt, endet im transparenten Faltenrock der klassischen Ballett-Ästhetik. Der unvermittelte Versuch, den Bogen zumindest andeutungsweise zurückzuschlagen, misslingt.

Auch die Hauptrolle ist nicht ideal besetzt. Hanna Larissa Naujoks ist der Rolle des Orpheus weder stimmlich noch darstellerisch gewachsen. Der Mezzosopranistin fehlen die dunklen Schattierungen des Altus oder Countertenors. Gerade in der Tiefe bietet ihre Stimme kaum Facetten und trägt nicht über das Orchester. Ihr Spiel wirkt hölzern. Felicitas Frische überzeugt dagegen als eine strahlende und anrührende Eurydike, die Freude wie Leid wunderbar Ausdruck geben kann. Für Katrin Hübner ist der Amor keine Herausforderung. Sie singt den fröhlichen Spielleiter und Beobachter in gewohnter Kühnheit und Frische.

Orchester und Ballett können überzeugen

Und auch das Orchester überzeugt in überschaubarer Besetzung. Es bietet unter Leitung des Barockmusik-Experten Manfred Mayrhofer den transparenten Klang, den das Werk fordert und setzt immer wieder effektvolle, überraschende Akzente. Die wenigen barocken Instrumente sind gut hörbar, insbesondere Friedemann Braun am Cembalo. Aber auch die historische Gewittermaschine im Bühnenhimmel kommt zum Einsatz. Eine herausgehobene Rolle hat die Harfe als Begleiterin des Sängers. Sie steht für die antike Lyra, mit der Orpheus die Welt bezaubert und die Unterwelt besänftigt. Verena Lorenz spielt deswegen nicht im Orchestergraben, sondern an exponierter Stelle in der Seitenloge im ersten Rang ihr Duett mit dem Sänger.

Über das Ballett-Ensemble ist bislang zu wenig gesagt. Es trägt die Aufführung in gleicher Weise wie Chor und Solisten. Klar und berührend interpretieren die Tänzer die Emotionen oder bestimmen die Handlung als Furien der Unterwelt oder Seelen im Elysium. Ihr Ausdrucksreichtum zwingt den Zuschauer zur Achtsamkeit, wo er sich sonst vielleicht der Musik ergeben hätte. Das Ballett ist hier kein ästhetisches Beiwerk, sondern eine entscheidende Größe für den Erfolg dieser Oper über die Liebe und die Kunst, die den Tod bezwingen.

"Orfeo ed Euridice": Sieg der Liebe

Am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin hat die Oper "Orfeo ed Euridice" Premiere gefeiert. Die Inszenierung überzeugt zwar nicht durch Stringenz, ist aber dennoch sehenswert.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater
Alter Garten 2
19055  Schwerin
E-Mail:
service@mecklenburgisches-staatstheater.de
Preis:
12 - 56 Euro
Kartenverkauf:
Kartentelefon: 0385 5300-123

Kasse:
Dienstag - Freitag: 10-18 Uhr
Samstag: 16-18:30 Uhr

Abendkasse öffenet jeweils eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung.
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 18.11.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

65:06
NDR Info
05:31
Schleswig-Holstein Magazin
03:21
Schleswig-Holstein Magazin