Stand: 03.03.2017 16:12 Uhr

79 Minuten impressionistisches Glück

Miroirs. Ravel Piano Works
von Alexander Krichel
Vorgestellt von Daniel Kaiser
Bild vergrößern
Alexander Krichel erhielt 2013 den ECHO Klassik in der Kategorie "Nachwuchskünstler des Jahres". "Miroirs" ist sein viertes Album.

Ravel ist viel mehr als nur der Bolero. Das beweist der junge Hamburger Star-Pianist Alexander Krichel mit seiner neuen CD "Miroirs" (Spiegel) mit drei Klavierzyklen des Komponisten, der vor 80 Jahren starb. Die Aufnahmen sind 79 Minuten impressionistisches Glück.

Nachtfalter flattern, Zwerge toben und traurige Vögel singen, wenn Krichel Ravel spielt. Diese Musik erzählt Geschichten, macht sie lebendig und bunt. Krichels atemberaubende Technik vergisst man beim Hören schnell und lässt sich einfach mitreißen. Dieser Ravel atmet und lebt.

Helle Trauermusik

Der Zyklus "Le Tombeau de Couperin" (Couperins Grabstein) ist eine Hommage an die goldene Zeit französischer Musik. Krichel bewegt mit traumwandlerischer Leichtigkeit Ravels neoklassizistischen Figuren, die im 1. Weltkrieg entstanden sind. Sie klingen hell und süß und haben doch einen Abgrund. Ravel hat jeden der sechs Sätze einem im Krieg gefallenen Freund gewidmet, wollte die Toten in ihrer ewigen Ruhe, wie er in einem Interview einmal sagte, aber nicht noch trauriger machen.

Ein Flügel wie ein Orchester

Der 27-jährige Krichel hat für das Projekt Orchesterversionen der Klavierstücke studiert, die Ravel selbst instrumentiert hatte, um genauer zu verstehen, wie der Komponist sich den Klang wünschte. "Gleich im ersten Stück entdeckt man eine der schönsten Oboenpassagen. Mir wurde klar, dass ich dort also am besten wie eine Oboe klingen sollte", sagt er. Mit dem Anschlag allein wird aus einem Flügel noch kein Holzblasinstrument, doch Alexander Krichel gelingt es, seinem Instrument Schattierungen eines ganzen Orchesters zu entlocken.

Der Nachtfalter im Schlafzimmer

Weitere Informationen

SHMF widmet sich Maurice Ravel

Eine musikalische Abenteuerreise vom Barock bis heute hat das SHMF für die diesjährige Saison angekündigt. Im Mittelpunkt stehen der Komponist Maurice Ravel und der Mandolinenvirtuose Avi Avital. mehr

Bei "Une barque sur l´océan" (Eine Barke auf dem Ozean) im zweiten Zyklus ("Miroirs") hört man wirklich die Wellen rauschen und sieht ein Bötchen auf weißbekrönten Wogen schaukeln. Man versteht, dass da im ersten Satz eben kein Papillon (Schmetterling) flattert, sondern warum Ravel das Stück "Noctuelles" (Nachtfalter) nennt. Krichel spielt den Nuancenreichtum der Musik aus.

"Einige Wochen vor der Aufnahme hatte ich tatsächlich einen Nachtfalter bei mir im Schlafzimmer", erinnert er sich. "Da habe ich gemerkt, dass diese Nachtfalter wirklich Geräusche machen, wenn sie fliegen, und eben nicht so grazil und fein sind wie ein Schmetterling." Krichels Ravel ist aber mehr als nur eine naturalistische Beschreibung von Insekten. Er ist kein Entomologe, sondern er fängt auch die psychologische Spannung, Tiefe und Doppelbödigkeit der Stücke ein. Leichter Hall liegt auf dem Klang, denn bei den Aufnahmen im "Erholungshaus" der Bayer AG, Leverkusens ältestem Konzerthaus, stand der Flügel im leergeräumten Zuschauerraum. Mit Wolldecken hat man die Akustik leicht gedämpft und so den genau richtigen Ton für diese Musik gefunden.

Knarzen des Galgens

Im dritten Zyklus "Gaspard de la Nuit" vertont Ravel lyrisch-schaurige Gedichte des Franzosen Aloysius Bertrand. Ein Schuss ETA Hoffmann erklingt, wenn in "Le Gibe. Très Lent" ein Mann am Galgen baumelt. Dunkle, pulsartige Töne, die manche Experten als Totenglocke deuten, spielt Krichel als Knarzen des Galgens unter der schwingenden Bewegung des Leichnams.

Diese Stücke gehören zum schwersten, was je für Klavier geschrieben wurde. Für Ravel war der Schwierigkeitsgrad ein sportlicher Anreiz, den Krichel schon als 16-jähriger Klavierschüler aufnahm, als er den infernalischen letzten Satz "Scarbo" seinem Lehrer präsentierte - weil er es konnte. Heute sieht er den Reiz woanders. "Man muss all das Technische, die Sprünge und Repetitionen vergessen, um das Grausame des Albtraumes in dem Gedicht darzustellen", sagt er.

Liebe gegen Sicherheit

Man spürt, wie tief Krichel für diese CD in die Noten, Texte und Kontexte eingetaucht ist. Man hört mit jedem Ton seine umfassende Bildung und Neugier auf die Welt. Krichel ist kein Klavier-Nerd. Er umarmt Ravels Musik intellektuell aber vor allem auch emotional - Herz über Kopf. Schon als Schüler in Hamburg-Eißendorf war Krichel, der heute in London lebt, multibegabt und hat Preise bei der Mathe-Olympiade, beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen und bei Jugend forscht im Bereich Biologie gewonnen.

Am Ende ist es damals nach dem Abitur doch die Musik geworden. "Es war eine Entscheidung zwischen Kopf und Herz", lacht er. "Mein Kopf und meine Familie sagten: Medizin. Das wäre bestimmt auch die sicherere Option geworden. Ich hätte mich aber mein Leben lang gefragt: Was würde ich jetzt spielen? Und wo? Wie wäre meine Karriere verlaufen? Deshalb habe ich die Unsicherheit in Kauf genommen und mache das, was ich liebe." So ist dieser Ravel auch ein berührender Soundtrack zu einem jungen Künstlerleben - im Kraftfeld zwischen Kopf und Herz.

Miroirs. Ravel Piano Works

Genre:
Klassik
Label:
Sony Classical
Veröffentlichungsdatum:
3. Februar 2017
Preis:
16,99 €
Länge:
1:18:40

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 03.02.2017 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

28:30

2852 Pfeifen für Neubrandenburg

20.12.2017 18:15 Uhr
NDR Fernsehen
03:02

Adventstür 16: Das Ammerländer Schinken-Museum

16.12.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen