Stand: 18.07.2020 06:00 Uhr

Junge Norddeutsche Philharmonie feiert 10. Geburtstag

von Lenore Lötsch

So ruhig war bisher kein Sommer der Jungen Norddeutschen Philharmonie. Ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr sind alle Orchesterprojekte wegen der Corona-Krise abgesagt worden, darunter auch das Jubiläumskonzert auf dem Gutshof Woldzegarten. Trotzdem wollen die jungen Musikerinnen und Musiker ihren zehnten Geburtstag nicht völlig abblasen. Und so hat sich ein kleines Team vor zwei Tagen auf den Weg gemacht, um ehemalige und aktuelle Mitglieder der Jungen Norddeutschen Philharmonie zu treffen. Lenore Lötsch hat sich in Rostock mit ihnen verabredet.

Die Junge Norddeutsche Philharmonie bei einem Auftritt bei den Festspielen MV © Georg Tedeschi
Vom studentischen Projekt zu Auftritten in der Elbphilharmonie: Die Junge Norddeutsche Philharmonie hat in zehn Jahren einen beeindruckenden Weg genommen.

Sie sitzen bei Pommes und Apfelschorle im Rostocker Stadthafen und haben gerade den ehemaligen Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling dazu gebracht, Mitglied in ihrem Förderverein zu werden. Der hatte vom ersten Konzert der Jungen Norddeutschen Philharmonie vor zehn Jahren geschwärmt. Damals spielte die Philharmonie Mahlers 5. Sinfonie mit 90 jungen Musikerinnen und Musikern. Es sind diese Erinnerungen, die Konstantin Udert die Gegenwart ohne Orchestermusik nur schwer ertragen lassen.

"Das was wir geplant hatten und das, was uns normalerweise ausmacht, das geht nicht", sagt der Geschäftsführer der Jungen Norddeutschen Philharmonie. "Leute aus der ganzen Republik zusammenzubringen und am Ende 100 Leute auf eine 12 mal 14 Meter große Bühne zu setzen."

Interview-Tour zum Jubiläum

Drei Menschen auf einem Tretboot © NDR Foto: Lenore Lötsch
Tretboot auf der Warnow: Auf ihrer Interview-Tour trafen Konstantin Udert (Mitte) und die junge norddeutsche Philharmonie in Rostock zwei ehemalige Mitglieder.

Was in diesem Sommer geht, ist eine Interview-Tour. Zum Jubiläum soll es ein Buch geben mit vielen Geschichten von ehemaligen und aktiven Mitgliedern des Netzwerks, kleine Videoclips werden gedreht für ihre Homepage. "Der einzige Weg aus der Trauer ist, dass wir uns was einfallen lassen, das geht", sagt Udert.

In Rostock hatten sie sich eigentlich vorgenommen, mit zwei ehemaligen Mitgliedern segeln zu gehen, doch der Segeltörn muss aufgrund des mangelnden Windes ausfallen. Stattdessen weichen sie auf eine Tretboot-Tour aus.

Berufseinstieg für junge Musiker derzeit schwierig

Nora Held © Marcel Alber
Tubistin Nora Held ist Vorstandsvorsitzende der Jungen Norddeutschen Philharmonie.

Nora Held ist die Vorstandsvorsitzende der Jungen Norddeutschen Philharmonie. Nach ihrem Tuba-Studium entschied sie sich, noch ein Masterstudium Kultur- und Medienmanagment zu absolvieren. Auch weil eine Stelle im Orchester für sie als junge Tubistin wie ein Lottogewinn mit Zusatzzahl wäre. Und dieses Pandemie-Jahr macht die Aussichten für junge Profimusiker nicht besser. "Der Markt ist sowieso überschwemmt, weil in Deutschland sehr, sehr viel an den Musikhochschulen ausgebildet wird, die Stellensituation wird jetzt sicher nicht einfacher dadurch", erklärt die Tubistin. Leute, die an der Schwelle zum Berufseinstieg stehen, seien in tiefe, tiefe Löcher gefallen. Jetzt gingen zumindest ein paar Probespiele wieder los.

2021: Moderne Version der Freischütz-Oper geplant

250 Musikstudenten, aber auch Laienmusiker warten in jedem Sommer auf die spannenden musikalischen Projekte der Jungen Norddeutschen Philharmonie.  Und noch ist Nora Held vorsichtig, wenn sie von der musikalischen Aktion spricht, die sie sich vorgenommen haben. Zwar ist das Projekt - eine moderne Lesart der Freischütz-Oper von Carl Maria von Weber - erst für den Februar 2021 im Konzerthaus Berlin geplant, aber ob dann ein großes Orchester gemeinsam spielen darf, weiß niemand. "Praktisch ist es so, dass wir mit einer kleineren Besetzung anfangen, das im Studio aufzunehmen", sagt Nora Held. Nachher solle es dann so klingen wie ein großes Orchester: "Es kommen auch Bläser, die mehrere Stimmen einspielen werden." So habe man die großen Freischütz-Tracks einfach schon einmal im Kasten, "falls wir im nächsten Jahr noch nicht das ganze Orchester ins Konzerthaus setzen können".

Für Konstantin Udert sind die technischen Möglichkeiten nicht nur eine Notvariante, sondern musikalisches Zukunftsexperiment. "Wir stellen uns dann mit großer Besetzung im Wald auf, weil der Wald als Kulisse im Freischütz unheimlich wichtig ist. Dort entsteht ein Video, das Teil der Aufführung im Februar sein wird." 

Viele Erlebnisse und Bindungen bleiben

Sehr viel weniger technischen Aufwand erfordert das, was jetzt zum Jubiläum entsteht:  Ein Videoclip, in dem es natürlich auch um gemeinsames Musizieren in den vergangenen zehn Jahren geht. Aber vor allem um die vielen Erlebnisse abseits des Konzertsaals, den Segeltörn vor einigen Jahren, als inklusive des Dirigenten alle blass über der Reling hingen, den Sommer in Woldzegarten, die Nähe, die immer sofort da ist, wenn sich Mitglieder der Jungen Norddeutschen Philharmonie irgendwo in Deutschland treffen. Und die Familien, die durch die Junge Norddeutsche Philharmonie gegründet würden - mindestens sieben Kinder würde es ohne das Projekt nicht geben.

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Dieses Thema im Programm:

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