Die Hamburgische Staatsoper © IMAGO / Joko

"Hamburg braucht vertraute Orte": Zu Kühnes Plänen eines neuen Opernhauses

Stand: 29.05.2022 14:47 Uhr

Der Investor Klaus-Michael Kühne möchte gern ein neues Opernhaus in Hamburg bauen. Er möchte das seiner Meinung nach alte Haus am Gänsemarkt abreißen und ein modernes Immobilienprojekt dort realisieren. Ein Gespräch mit Elisabeth Richter.

Frau Richter, Sie haben schon häufig in der Staatsoper gesessen und uns am nächsten Morgen ihre Eindrücke von den Premieren geschildert. Der Unternehmer Klaus-Michael Kühne beklagt, die Hamburgische Staatsoper habe eine schlechte Akustik und sei asbestverseucht. Er sagt, Hamburg habe etwas Besseres verdient. Als ich das las, habe ich mich spontan gefragt, wo er dieses Urteil über die Akustik hernimmt. Ich habe noch nie davon gehört, dass sie besonders schlecht sei. Hat er Recht?

Elisabeth Richter: Wenn ein Haus asbestverseucht ist, muss etwas getan werden, aber ich habe noch von keinen Alarmglocken gehört. Sonst würde das Haus zurzeit nicht bespielt werden - das wäre verantwortungslos. Mir geht es genauso wie Ihnen. Die Akustik ist gut. Sie ist gut auf Sänger ausgerichtet - anders als die Elbphilharmonie. Aber das ist auch ein Konzertsaal. Von Sängern selbst habe ich noch nie gehört, dass sie die Akustik nicht gut finden, dass die Balance von Orchestern oder Sängern nicht stimmen würde. Die derzeitige Leitung lädt viele Gesangsstars ein, die bei Premieren singen, aber auch in Repertoirevorstellungen. Wenn die Akustik so miserabel wäre, würden diese Stars sicher nicht immer wieder kommen. Da war zum Beispiel Benjamin Bernheimer in "Hoffmanns Erzählungen" oder Pretty Yende, die südafrikanische Sopranistin.

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Die Äußerungen von Kühne gehen weiter. Der Staatsoper fehle es an Strahlkraft, sagt er. Wie schätzen Sie das ein?

Richter: Das künstlerische Profil eines Opernhauses wird nicht durch einen neuen Spielort geschärft, sondern durch eine künstlerische Leitung, die gute Ideen hat. Für mich zeigt sich da ein gemischtes Bild. Seit Georges Delnon 2015 das Haus übernommen hat, kann ich mich nur an wenige wirklich gelungene Regiearbeiten erinnern. Da gab es einige mehr oder weniger große Flops muss ich leider sagen - kürzlich gerade der "Tannhäuser" in der Regie von Kornél Mundruczó hatte wirklich ganz wenig Profil. Sehr schade. Sängerisch war es dagegen wirklich gut.

Also erübrigt sich die Frage, ob Hamburg eine neue Oper braucht. Ist es nicht vielmehr so: Der Investor braucht ein neues Projekt, ein Immobilienprojekt in zentraler Lage?

Genau. Es ist unglaublich attraktiv, mitten in der Stadt diese Flächen zu haben. Das ist sicher ein Grund, der dahinter steht. Eine Sache ist mir noch wichtig zu sagen: Ich bedauere es sehr, wenn gewachsene Traditionen und Orte einfach beiseite geschoben werden. Die Hamburgische Staatsoper ist das älteste bürgerliche Opernhaus der Welt, 1678 gegründet. Auch das heutige Gebäude, das nach dem Zweiten Weltkrieg 1955 gebaut wurde, steht in der Nähe dieses ursprünglichen Ortes am Gänsemarkt. Auch dieses Haus von 1955 hat bereits eine gewachsene Tradition. Es steht auch unter Denkmalschutz. Das alles jetzt aus unternehmerischen Interessen in die sehr unpersönliche Hafencity zu verlegen, da frage ich mich wirklich, ob das eine gute Idee ist.

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Eine Schenkung durch Herrn Kühne beziehungsweise seine Stiftung nach dem Vorbild der Kopenhagener Oper wäre ein bemerkenswertes mäzenatisches Engagement, heißt es aus dem Senat. Was würden Sie dem Senat raten?

Richter: Ich brauche als Bürgerin - und ich kann mir gut vorstellen, dass es vielen Hamburgern ähnlich geht - meine Traditionen, meine Orte, die mir vertraut sind. Das fördert das Verhältnis der Bürger zu ihrer Stadt. Der Senat sollte im Kulturbereich dafür sorgen, dass dort echte Kenner der Musik- und Opernszene arbeiten, die selbst künstlerisch innovative Ideen haben, die gute Kontakte zu tollen Regisseuren und Theaterleitern haben und die ein Bewusstsein für Traditionen haben. Die kann man nicht einfach über Bord werfen.

Das Gespräch führte Raliza Nikolov.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 29.05.2022 | 14:20 Uhr

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