Stand: 15.01.2019 16:05 Uhr

Elphi-Akustik sorgt für erneute Diskussion

Über die Akustik in der Elbphilharmonie ist eine neue Diskussion entbrannt. Beim Konzert von Star-Tenor Jonas Kaufmann am Wochenende kam es zu nahezu eklathaften Zuständen. Kaufmann war beim opulenten "Lied von der Erde" von Gustav Mahler oft nicht zu verstehen. Und es gab Zuschauer, die sich im Saal darüber laut beklagten.

Frage an Burkhard Glashoff vom Konzertveranstalter ProArte: Was ist da am Sonnabend schiefgelaufen?

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Burkhard Glashoff ist Geschäftsführer und Programmplaner der Konzertagentur ProArte.

Burkhard Glashoff: Es war am Sonnabend eine Verkettung verschiedener unglücklicher Umstände. Die Akustik der Elbphilharmonie ist nicht über Nacht schlechter geworden, sie ist nach wie vor ganz hervorragend. Was so besonders war am Sonnabend: Wir hatten ein Programm, das für Jonas Kaufmann eher ungewöhnlich ist: "Das Lied von der Erde" von Gustav Mahler. Also kein Arien-Abend, wie man ihn sonst von Star-Tenören oft hört, sondern eine große Sinfonie mit Solopart. Ich glaube, das hat schon einige der Kaufmann-Fans leicht irritiert, weil sie vielleicht mit einer anderen Erwartung gekommen sind. Dazu kommt, dass bei einem sehr groß besetzten Orchester-Werk eine Schwäche der Elbphilharmonie deutlich wird: dass nämlich auf den Plätzen hinter der Bühne, also in dem Bereich hinten und seitlich, Gesangsdarbietungen schlechter zu hören sind als im Parkett.

Dann kam es ja tatsächlich auch noch zu besonderen Situationen, weil Menschen aufgestanden sind, den Saal verlassen und sich auch lautstark geäußert haben. Haben Sie dafür Verständnis?

Glashoff: Ich habe Verständnis für alle Besucher, die enttäuscht waren, weil sie eine andere Erwartungshaltung hatten, weil sie vielleicht mit einem Arien-Abend gerechnet haben oder weil sie den - berechtigten - Eindruck hatten, Jonas Kaufmann nicht so gut hören zu können, wie sie sich das vorgestellt hatten. Ich habe aber kein Verständnis für laute Zwischenrufe. Obwohl das nur vereinzelte waren, finde ich das dem Künstler gegenüber respektlos. Das gilt auch für den Rest des Publikums, das in der großen, überwältigenden Mehrheit diesen Abend genossen hat und durch die Zwischenrufe wirklich gestört wurde.

Jonas Kaufmann war richtig sauer. Haben Sie mit ihm noch gesprochen?

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Startenor Jonas Kaufmann verärgerten die Zwischenrufe der Zuschauer am Sonnabend.

Glashoff: Wir haben natürlich direkt nach dem Konzert mit ihm gesprochen. Natürlich war Jonas Kaufmann sauer und enttäuscht - auch gerade von denen, die ins Konzert gekommen waren und ihm und dieser wunderbaren Musik von Gustav Mahler gar keine Chance gelassen haben. Das hat ihn geärgert. Seine Kritik bezieht sich gleichermaßen auf die kleinen Teile des Publikums, die da lautstark ihren Unmut geäußert haben - und auf die Tatsache, dass ein Werk wie "Das Lied von der Erde" tatsächlich nicht so leicht in der Elbphilharmonie aufzuführen ist.

Auf Ihrem Schreibtisch liegen ausgedruckte Mails mit Reaktionen auf den Konzertabend. Wie viele waren es?

Glashoff: Weniger als man erst mal vermuten würde. Es ist ja der Eindruck entstanden, das Konzert sei komplett gekippt und es hätte niemand Herrn Kaufmann verstanden. Das ist sicherlich nicht der Fall gewesen. Es gibt eine kleine zweistellige Anzahl von Kommentaren - auch Beschwerden, Enttäuschungen und Gedanken zu dem Thema, die wir alle sehr ernst nehmen. Wir lesen das und antworten auch, weil ich es wichtig finde, dieses Feedback aufzugreifen.

Dass die Elbphilharmonie eine besondere Akustik hat, ist ja schon seit zwei Jahren weltbekannt ...

Glashoff: Das stimmt. Die Akustik der Elbphilharmonie ist eine sehr sensible Dame -  zu allen Seiten. Das heißt, es ist auch immer ein schmaler Grat: Es können auch Konzerte mit Sängern äußerst gut gelingen. Den Fall hatten wir unlängst mit Cecilia Bartoli oder mit dem konzertanten "Don Giovanni" mit Erwin Schrott. Am Sonnabend war die Balance vielleicht nicht hundertprozentig ideal: Das Orchester sehr laut, das Werk sehr groß orchestriert - und schon gerät das Ganze aus dem Gleichgewicht. Das ist passiert, aber die Reaktionen der vereinzelten Störer waren sehr, sehr unglücklich. Und wie gesagt: Nichts rechtfertigt eine solche Reaktion.

Die Elbphilharmonie will ja ein Haus für alle sein und macht deshalb auch viele Sachen, für die sie möglicherweise gar nicht gebaut wurde - nämlich für ein symphonisches instrumentales Werk. Rächt sich das? 

Glashoff: Nein, überhaupt nicht. Ich finde, Kunst muss auch scheitern können. Das klingt jetzt sehr pathetisch, aber die Elbphilharmonie kann in Wahrheit sehr, sehr viel und ist sehr flexibel. Wir haben schon ganz herausragende Konzerte gehört - mit Sängern, mit Orchestern, mit Jazz-Bands. Die Elbphilharmonie kann nicht alles gleichermaßen gut, aber das geht auch überhaupt gar nicht.

Wie sehr schadet jetzt diese Diskussion der Elbphilharmonie? Immerhin: Jonas Kaufmann kritisiert den Saal und sagt: nächstes Mal lieber Laeiszhalle.

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Der Veranstalter hält die Laeiszhalle bei Liederabenden inzwischen für geeigneter.

Glashoff: Na ja, das hat er so nicht gesagt. Er hat gesagt: Es kommt sehr darauf an, was man macht. Also zum Beispiel für einen Liederabend, der nur mit dem Klavier begleitet wird, hält Kaufmann wie auch die meisten Sänger und inzwischen auch wir die Laeiszhalle für geeigneter. Nichtsdestotrotz funktioniert ein Arien-Abend, bei dem große Tenor-Arien auf dem Programm stehen, sehr, sehr gut in der Elbphilharmonie. Das heißt, Kaufmanns Kritik ist keine Pauschalkritik, sondern lediglich die Feststellung, dass nicht alles gleichermaßen gut in der Elbphilharmonie funktioniert - was ja auch physikalisch gar nicht möglich ist.

Sie sprechen ja auch mit den Musikerinnen und Musikern, die nach Hamburg kommen oder nach Hamburg kommen wollen. Welchen Ruf haben denn die Elbphilharmonie und ihre Akustik?

Glashoff: Einen ganz herausragenden. Das hat sich sogar im Laufe der Zeit eher noch gebessert. Es gab am Anfang schon ein paar kritische Stimmen an der Akustik der Elbphilharmonie. Es bestätigen mir viele Künstler, die zum wiederholten Male nach Hamburg kommen, dass sich die Akustik auch verändert, verbessert. Dass der Klang ein bisschen nachdunkelt, wärmer wird, nicht mehr ganz so klinisch ist. Aber sie bleibt natürlich immer noch sehr transparent, was sie auch so besonders macht und was von der überwiegenden Anzahl der Künstler als sehr positiv gesehen und bewertet wird.

Nach diesem Wochenende: Gibt es für Sie als Programmplaner Konsequenzen? Ändert sich jetzt etwas?

Glashoff: Es gibt natürlich Konsequenzen. Wir sind noch vorsichtiger, was die Auswahl der Spielstätten für die verschiedenen Themen anbelangt. Wir sind da auch im engen Dialog mit den großen Künstlern unserer Zeit, die auch zunehmend sensibilisiert werden für das Thema: Welche Konzert-Formate funktionieren besser in der Elbphilharmonie? Welche funktionieren vielleicht besser in der Laeiszhalle? Von daher werden wir immer wieder prüfen, uns jedes Thema genau anschauen und mit den Künstlern reden, ob sie das eine oder andere Programm vielleicht auch künftig in der Laeiszhalle machen.

Das Interview führte Daniel Kaiser.


23.01.2019 14:42 Uhr

In der ersten Antwort von Burkhard Glashoff hieß es zunächst: "Dazu kommt, dass bei einem nicht sehr groß besetzten Orchester-Werk ..." Korrekt müsste es heißen: "Dazu kommt, dass bei einem sehr groß besetzten Orchester-Werk ...". Das Wort "nicht" ist fälschlicherweise bei der Abschrift des Interviews hineingeraten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 15.01.2019 | 19:00 Uhr

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