Stand: 23.07.2020 18:59 Uhr

CD der Woche: Beethoven trifft auf C.P.E. Bach

von Marcus Stäbler

Um Beethovens Musik für die Hörer von heute zum Leben zu erwecken, setzt die Harmonia-Mundi-Edition vor allem auf Interpretationen von Originalklangensembles - und konfrontiert die berühmten Sinfonien von Beethoven mit Werken anderer Komponisten, die ihn beeinflusst haben. Auf dem aktuellen Album der Akademie für Alte Musik Berlin trifft Beethoven auf Carl Philipp Emanuel Bach.

CD-Cover: Akademie für Alte Musik Berlin - Beethoven: Symphonies nos. 1 & 2 © harmonia mundi
Die Aufnahme der Akademie für Alte Musik Berlin vereint ein klares Klangbild und kammermusikalische Sensibilität mit Präzision und Feuer.

Es ist eine Musik voller Überraschungen und unerwarteter Richtungswechsel. Man weiß nie so genau, wohin der nächste Tonschritt führt. Carl Philipp Emanuel Bach überschüttet seine Hörerinnen und Hörer zu Beginn der F-Dur-Sinfonie mit einer Fülle an Einfällen. Und die Akademie für Alte Musik Berlin zündet diese Ideen mit einer diebischen Freude am Kontrast. Manche Forte-Einsätze springen einen förmlich an, wie ein kleiner Überfall.

Kein Wunder, dass Ludwig van Beethoven die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach so schätzte. Bachs Fantasiereichtum dürfte Beethoven ebenso inspiriert und in seinem Eigenwillen bestärkt haben wie die emotionale Kraft. Der langsame Satz aus Bachs G-Dur-Sinfonie vergräbt sich tief in den Ausdruck von Klage und Schmerz. Ein Affekt, den das Orchester expressiv auskostet.

Schwebende Transparenz

Mit ihren historischen Instrumenten und einer Besetzung von nur 35 Musikerinnen und Musikern erzielt die Akademie für Alte Musik einen schlanken und zugleich sehr farbigen Klang. Der kommt auch den beiden Sinfonien von Ludwig van Beethoven zugute. Dieser besondere Charakter tritt etwa in der Einleitung zur ersten Sinfonie deutlich zu Tage. Die Mischung aus vibratolos gespielten Streichern, Holzbläsern und Hörnern bekommt hier eine wunderbar schwebende Transparenz.

Die Aufnahme vereint ein klares Klangbild und kammermusikalische Sensibilität mit Präzision und Feuer. Unter Leitung ihres Konzertmeisters Bernhard Forck entfacht die Akademie für Alte Musik über weite Strecken eine mitreißende Energie.

Jugendliche Angriffslust

Obwohl das Orchester im Stehen musiziert, wirken manche Passagen, als säße das Ensemble auf glühenden Kohlen. Durch die hitzigen Tempi und den knackigen Zugriff betont die Aufnahme die Aufbruchsstimmung der Sinfonien, die manchmal fast eine Art jugendliche Angriffslust bekommt. Trotzdem stürmt die Interpretation nicht einfach blind voran, sondern fesselt mit ihren weit gespannten Steigerungswellen.

Dass die Einspielung nicht in jedem Moment diese hohe Spannungsdichte erreicht, dass die Intonation der Bläser manchmal Fragezeichen hinterlässt, gehört zu den wenigen Einschränkungen. Vielleicht offenbaren sich da auch die Nachteile des Verzichts auf einen Dirigenten oder eine Dirigentin. Aber das ändert nichts am packenden Gesamteindruck der Aufnahme, die die Sinfonien von Ludwig van Beethoven und seinem Vorgänger Carl Philipp Emanuel Bach lebendig macht.

Beethoven: Sinfonien 1 & 2 / C.P.E. Bach: Sinfonien Wq 175 & 183/4

Label:
harmonia mundi

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 26.07.2020 | 15:20 Uhr

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