Stand: 22.09.2019 07:30 Uhr

Blog: So lief das Reeperbahn Festival 2019

von Matthes Köppinghoff

Endlich wieder aussehen wie Wolle Petry und B.A.

Der Start in den ersten Tag des Reeperbahn Festivals ist traditionell entspannt, so auch 2019: Ein paar vereinzelte Medienmenschen kommen mir entgegen, als ich mir meine neuen Festivalbändchen und -pässe abhole. Endlich wieder aussehen wie ein Hybrid aus Wolle Petry und B.A. Baracus, hurra. Als ich vom Heiligengeistfeld Richtung Reeperbahn loslaufe, bekomme ich dazu bestes Hamburger Wetter ab: erst strahlenden Sonnenschein, dann fliegt mein Hut fast bei einer Windböe weg. Es folgt unangekündigter Regen, bevor es knallend warm wird und ich in meiner Lederjacke ordentlich schwitze. Immerhin, ein Regenbogen ist noch drin. Aber ohne unser geliebtes Wetter wäre Hamburg schließlich nicht Hamburg - oder?

Frühe Highlights

Normalerweise ist es bei Festivals üblich, dass man sich erstmal sehr viel anschaut bis man etwas entdeckt, das einem wirklich gefällt. Heute muss ich aber nur bis kurz nach 18 Uhr warten: Meine persönlichen Mittwoch-Highlights entdecke ich allesamt in der Alten Liebe. Den Anfang macht Mattiel: Die Künstlerin aus Atlanta arbeitet sonst als Illustratorin in einer Werbefirma, heute hat sie ihr neues Album "Satis Factory" im Gepäck und ich bin schockverliebt. Auch, wenn sie während ihres kleinen Auftritts bei NDR Blue Backstage eher sparsam gelaunt bis desinteressiert dreinblickt: Die Mischung aus Lo-Fi, 60ies Flair und traurig-schönem Indie-Rock - das ist genau meine Baustelle.

Wenige Minuten später legen dann Sketches On Duality nach: Die klingen wie die Erben von Gil Scott-Heron und ein bisschen nach A Tribe Called Quest, kommen aber tatsächlich aus Wien. Jazz vermischt mit HipHop, noch kaum bekannt, finde ich ganz stark. Für mich steht fest: Mattiel oder Sketches On Duality; eines von beiden muss ich mir später noch in einer Einzelshow anschauen.

Sleaford Mods - das gute Gewissen der UK-Musikszene

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Frust gegen den Brexit: Sleaford Mords auf dem RBF.

Später am Abend stehe ich im Docks und lasse das "Bühnenbild" von Sleaford Mods auf mich wirken, und das ist auch schnell in allen Details beschrieben: Andrew Fearn steht links, seinen Laptop hat er auf ein paar leeren Bierkisten drapiert. Dazu trinkt er ein Bier. Rechts neben ihm schimpft sein Kollege Jason Williamson voller Inbrunst ins Mikrofon. Dafür haben alle Anwesenden die Band aus Nottingham auch sehr lieb; sie gelten als das gute Gewissen der englischen Musikszene. So faucht Jason seinen Frust gegen den Brexit raus und giftet unprätentiös gegen alles Schlechte in der Gesellschaft.

Das alles ist schon ganz unterhaltsam, den Leuten gefällt’s; so richtig Spaß macht ein Konzert der beiden aber glaube ich erst, wenn man sich völlig verausgabt und nicht noch zu diversen anderen Konzerten gehen möchte. Daher verlasse ich bald das Docks und schlendere über den Spielbudenplatz, sehe, wie auf der Spielbude bei dem französischen Rapper Mal Élevé die Hölle los ist: Die komplette Zuschauerschar hüpft wie angezündet und hat offensichtlich sehr viel Spaß.

Lange Schlange bei Feist

Eigentlich hatte ich weit oben auf meiner To Do Liste Feist stehen; allerdings bekomme ich relativ früh mit, dass die Warteschlange schon anderthalb Stunden vor Konzertbeginn utopisch lang ist. Ein Blick auf die Festival-App, ein kurzer Abgleich mit den anderen Künstler*innen auf meiner Liste - und so verabschiede mich leider von Feist. Zu viele Sachen müsste ich ausfallen lassen, nur um für sie anzustehen.

Also gehe ich weiter und schaue kurz bei dem Londoner Oscar Jerome im Moondoo vorbei; ist ganz okay. Irgendwo zwischen Jamiroquai und Loyle Carner, wie vermutet kann man hier entspannt auf den Sofas sitzen oder ein bisschen hin und her schunkeln. Das macht mich in Anbetracht der Uhrzeit aber eher etwas müde, daher geht’s weiter zu Mattiel ins Imperial Theater. Gut gefüllt ist es hier, trotzdem schaut Mattiel Brown nicht fröhlicher aus der Wäsche. Vorhin in der Alten Liebe hat es mir mit dem etwas reduziertem Sound noch besser gefallen; trotzdem ist sie, die ein bisschen nach Joan Baez im Garage-Rock-Gewand klingt, mein heutiges Highlight: Die Band macht einen guten Job, ihre Stimme ist der Wahnsinn und zugleich eine kleine Zeitreise. "Keep The Change" wird wohl mein Ohrwurm für die nächsten Wochen sein.

Déjà-vu auf dem Weg zur U-Bahn

Als letzte offizielle Station schaue ich noch kurz bei den Leoniden im Docks vorbei: Wie erwartet - hier läuft alles nach Plan, das Publikum hüpft und feiert die großartige Indie-Rockband aus Kiel. Zufrieden mache ich mich auf den Weg zur U-Bahn und habe dabei noch einen schönes Déjà-vu: Vor dem Mojo bleibe ich kurz stehen, ein paar Straßenmusiker spielen "Some Might Say" von Oasis. Lustigerweise ist das der Song, den ich damals von der Straße schallen hörte, als ich meine Wohnung auf dem Hamburger Berg bezogen habe. Ich als leidenschaftlicher Gallagher-Brüder-Fan muss schmunzeln, werfe Kleingeld in den Gitarrenkoffer der Band und mache mich endgültig auf den Nachhauseweg.

Darauf freue ich mich am Donnerstag

Auch wenn ich Feist gar nicht und Sketches On Duality nicht noch ausführlicher gesehen habe, war das ein angenehmer Start in das Reeperbahn Festival 2019. Trotzdem freue ich mich gleich auf mein Bett, hier aber noch kurz meine Empfehlungen für Donnerstag: Say Yes Dog aus Berlin und Luxemburg machen Electronic-Pop, den ich mir seit Monaten fest im Kalender eingetragen habe - hoffentlich schaffe ich es um 19.40 Uhr ins Uebel & Gefährlich. Anschließend muss ich mich zwischen Sparkling (Indie-Pop aus Köln, 20 Uhr, Kaiserkeller) und Rikas aus Stuttgart entscheiden - letztere treten um 20.05 Uhr beim NDR 2 Abend im Docks auf. Auf Foreign Diplomats aus Montreal bin ich gespannt (22.50 Uhr, Grüner Jäger); Gurr (22.50 Uhr, Knust) und Hundreds (23.10 Uhr, Uebel und Gefährlich) werde ich vermutlich nicht schaffen (kann ich aber empfehlen). Stattdessen werde ich zwischen Soul-Pop von Celeste aus Brighton (23.15 Uhr Imperial Theater, gibt’s aber auch noch mal am Freitag) und Pop von Georgia aus London (23.45 Uhr im Mojo Club) pendeln. Je nach Energiereserve versuche ich noch zu Von Spar (im Nochtspeicher 0.20 Uhr) zu gehen.

Oha. Wieder viele Namen, wieder gibt’s viel zu sehen. Vorher gehe ich aber noch kurz schlafen - bis später!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 19.09.2018 | 00:05 Uhr

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