Wolf Biermann hält eine Hand in Richtung Kamera © IMAGO / Rainer Unkel Foto: Rainer Unkel

Mauerbau 1961: Erinnerungen von Wolf Biermann

Stand: 13.08.2021 06:00 Uhr

Wolf Biermann hat den Mauerbau vor 60 Jahren hautnah miterlebt. Im Gespräch erinnert sich der Liedermacher an die damaligen Erlebnisse sehr bildhaft.

von Ocke Bandixen

Vor 60 Jahren, am 13. August 1961, wurde die Mauer gebaut - mitten in Berlin zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt. "Ich war so ahnungslos wie alle anderen," erzählt Wolf Biermann. "Ich konnte mir vor allem nicht vorstellen, dass man mitten durch eine Stadt eine Mauer bauen kann. Kann man sich heute kaum noch vorstellen, dass man sich das nicht vorstellen kann."

Wolf Biermann war damals Student der Humboldt-Uni: Mathematik und Philosophie. Er war aufgerufen worden, sich morgens um 6 Uhr in der Eingangshalle zu versammeln. Er tat das - wie viele andere: "Müde, am Morgen, genervt. Und dann erfuhren wir, dass die Grenze dichtgemacht wird. Und dass wir - als geistige Elite der DDR - Philosophiestudenten, wir sollten in die einzelnen Häuser an der Grenze gehen. Ich wurde in die Brunnenstraße geschickt."

Sommer 1961: Es lag was in der Luft

Die Studenten gingen in die Häuser, klingelten und überbrachten die umwälzenden Neuigkeiten - zusammen mit der offiziellen Lesart, der Propaganda: Schutzwall, Maßnahmen zur Sicherheit, um den Klassenfeind abzuwehren. "Die reagierten natürlich überrascht und aggressiv. Wir waren zum Teil die Überbringer der Nachricht. Das Wichtigste war aber: wir überbrachten die Meldung, dass sei alles nur vorübergehend."

Den ganzen Sommer über lag schon etwas in der Luft, erzählt er: "Ich sah eine Familie mit dem Auto vorfahren an der U-Bahn Oranienburger Straße, mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Und einsteigen in die Bahn. Was die machten, das wusste jedes Kind: Die hauten ab. Die hauten ab! Ich wollte nicht, dass die DDR ausläuft wie ein alter Eimer", sagt er.

Biermann: Für ein besseres Deutschland - für den Mauerbau

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Wolf Biermann, damals Mitte 20, war als Schüler von Hamburg in die DDR gegangen. Der Sohn überzeugter Kommunisten, sein Vater war in Auschwitz ermordet worden, wollte dabei sein, beim Versuch, ein besseres Deutschland aufzubauen. Deshalb war er damals auch für den Mauerbau: "Ich wollte damals, kurz nach der Nazizeit, dass die Deutschen gefälligst den Versuch machen, ein besseres, gerechteres Deutschland aufzubauen. Alle meine Freunde waren übrigens auch dieser Meinung: Heiner Müller. Christa Wolf und Sarah Kirsch, oder wie sie alle heißen. Und gleichzeitig waren sie dagegen, weil ihnen klar war, dass es mit Sozialismus oder Gerechtigkeit nichts zu tun hat, wenn man ein Volk einmauert."

Biermann hatte vorher zwei Jahre lang am Berliner Ensemble, dem Brecht-Theater in Berlin gearbeitet. Und fühlte sich so angesprochen, als kurz nach dem Mauerbau Walter Ulbricht sich an die Jugend und die Künstler wendet: "Jetzt wollen wir die kulturellen Bedürfnisse der Menschen auf unsere Art befriedigen." Will heißen: jetzt, wo der Westen nicht mehr unmittelbar lockt.

"Ich wurde zum ersten Mal skandalös"

"Natürlich missverstanden wir das so gut wir nur konnten. Wir erhofften uns ja mehr Freiheiten," beschreibt Biermann. Er gründete eine Theatergruppe, baute mit ihr ein altes Kino um und schrieb ein Proletarierdrama über die Mauer, ja mehr noch: für die Mauer. Titel: "12. August". Also der Tag vor dem Mauerbau. "Ein junger Arbeiter verliebt sich in eine Arzttochter, die mit ihrer Familie am 12. August in den Westen flieht," erzählt der Liedermacher.

Biermann bekommt einen Aufpasser der Partei an die Seite, ändert das Stück mehrfach. Im Politbüro witterte man die eine künstlerische Konterrevolution: Zu genau wurden die Verhältnisse benannt, die Gängelei, die Unfreiheit: "Das Stück wurde verboten. Das Theater wurde uns weggenommen. Wir wurden verjagt wie die Hunde. Wir durften es gar nicht mehr betreten. Und ich begriff, dass ich in der DDR kein Theater haben kann. Dass ich besser Gedichte und Lieder schreiben muss, um mich gegen diese Unterdrückung zu wehren." Kurz: Wolf Biermann wurde zum Liedermacher und die DDR Führung das erste Mal auf ihn, auf diese Weise, aufmerksam. Seine ganz persönliche Folge des Mauerbaus: "Ich wurde zum ersten Mal skandalös."

Der Rest ist Geschichte. Aber Biermann wäre nicht er selbst, wenn er, heute 84 Jahre alt, nicht noch eine besondere Pointe hätte, die direkt zurück führt, an den Morgen des 13. August 1961, als er, der Philosophiestudent, in den Hausfluren in Ost-Berlin die Mauer verteidigen sollte: "Wissen Sie, wer in dem Haus heute wohnt, in dem ich damals war? Meine Freundin Marianne Birthler von der Stasi-Unterlagenbehörde," und lacht.

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