Stand: 12.12.2019 21:45 Uhr  - NDR Info

Klassik im Knast: Arien für schwere Jungs

von Hans Christian Hoffmann

Gerade in der Vorweihnachtszeit ist das Angebot an klassischen Konzerten riesig. Doch es gibt Menschen, die keine Möglichkeit haben, ein Konzert zu besuchen, etwa weil sie in Pflegeheimen oder Hospizen wohnen. Um genau solche Menschen kümmern sich die "Life Music Now"-Vereine, die einst Star-Geiger Yehudi Menuhin gründete. Die Vereine statten junge Musiker mit einem Stipendium aus und schicken sie zu Konzerten in Einrichtungen wie zum Beispiel die Justizvollzugsanstalt (JVA) Braunschweig.

Das alte Gemäuer der JVA Braunschweig mit seinen Zellentüren aus dickem braunem Holz aus den 1880er-Jahren ist eigentlich immer von Lärm erfüllt. Doch heute fließt der warme Klang einer Mezzosopranstimme durch den Korridor, der durch mehrere Gittertüren zur Kapelle führt. Die meisten in der JVA Braunschweig hören eigentlich eher Schlager oder Heavy Metal.

Konzert in der JVA Braunschweig

Hallo Niedersachsen -

In der Gefängniskapelle der JVA Braunschweig trafen Welten aufeinander: Zwei junge Künstlerinnen der Musikhochschule Hannover gaben ein Konzert für die Insassen.

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Abwechslung vom Knast-Alltag

So ist es auch beim 34 Jahre alten Michael. Er sitzt in seiner Zelle - ein Fernseher, ein Schrank, ein paar Bücher, zwei Handtücher und ein Klo. Das ist derzeit sein Zuhause. "Ich sitze wegen mehrerer Delikte hier: Körperverletzung, Diebstahl und Beleidigung und Bedrohung." Obwohl das mit der Oper nicht so sein Ding ist, das Konzert der beiden Musikstudentinnen aus Hannover will er trotzdem besuchen. 26 Monate Haft sind eben eine lange Zeit. Das Konzert sei "ein bisschen Abwechslung vom Knast-Alltag", sagt Michael.

Viele Gefangene sind Wiederholungstäter

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Michael (r) und Matthias lauschen in der Kapelle der JVA Braunschweig der Musik von Clara Hyerim Byan und Hannah Elisabeth Meyer.

Neben Michael ist auch Matthias zum Konzert in die Kapelle gekommen. Er sitzt nicht zum ersten Mal im Gefängnis, weil er - wie er sagt - Menschen um ihr Geld gebracht hat. Insgesamt lauschen fast 40 Gefangene den ungewohnten Klängen. Viele der Gefängnis-Insassen sind Wiederholungstäter, manche würden sie hoffnungslose Fälle nennen.

"Wir haben hier eine riesige Spannbreite. Von notorischen Schwarzfahrern, Kleinkriminellen bis hin zu organisierter Kriminalität ist hier alles vertreten. Gewaltstraftaten, Sexualstraftaten, es ist alles da", sagt Gefängnis-Seelsorger Franz Josef Christoph. "Wenn man sagen würde, es macht sowieso alles keinen Sinn, das alles hier anzubieten, dann wäre das die Verdoppelung der Hoffnungslosigkeit. Denn Hoffnungslosigkeit gibt es hier schon genug. Und wenn nicht wir hier Angebote machen und die Menschen in Kontakt mit Kultur bringen - wer sollte es sonst tun?"

Unmittelbare Nähe zum Publikum ist außergewöhnlich

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Die Nähe zum Publikum ist für die beiden Musikerinnen außergewöhnlich. "Man sieht alles, was hier passiert", sagt Mezzosopranistin Hannah Elisabeth Meyer.

Genau das ist die Idee von "Life Music Now": Studierende der Musikhochschule Hannover bringen Ihre Kunst zu Menschen, die in keinen Konzertsaal kommen - in Krankenhäuser oder Hospize oder eben in den Knast. Heute sind das die Südkoreanerin Clara Hyerim Byan und Mezzosopranistin Hannah Elisabeth Meyer. Die unmittelbare Nähe zu ihrem heutigen Publikum ist auch für sie etwas Außergewöhnliches. "Man sieht alles, was hier passiert", sagt Meyer. "Man sieht, wenn die Leute sich unterhalten, wenn sie gerade abgelenkt sind, oder wenn sie zuhören. Man sieht, wie es ihnen gerade geht und teilweise kann man sehen, was ihnen gerade durch den Kopf geht."

Besondere Erfahrung für Musikerinnen und Publikum

Bei Michael und Matthias sind das ganz unterschiedliche Dinge. "Ich war überrascht, dass eine Singstimme so laut sein kann. Damit hätte ich nicht gerechnet", sagt Michael und Matthias meint: "Man denkt bewusst über die Situation nach. Man sitzt zwar in einer Kirche, aber man ist trotzdem in Haft." 30 Minuten dauert das Konzert - 30 Minuten, die nachwirken. Bei den Gefangenen und den Musikerinnen. "Da saßen einige und haben sich die Tränen weggewischt", sagt Meyer. "Da ist mir zwischendurch auch die Stimme im Hals stecken geblieben."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 13.12.2019 | 15:55 Uhr

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