Die Immanuelkirche auf der Hamburger Veddel © NDR Foto: Petra Volquardsen

Klangturm auf der Veddel: Neue Sounds aus der Kirche

Stand: 20.07.2021 13:40 Uhr

Für ein Jahr wird der Turm von St. Immanuel auf der Veddel in Hamburg zum Klangturm. Jede Viertelstunde erklingen von dort Töne von internationalen und regionalen Künstlerinnen und Künstlern.

von Petra Volquardsen

8 Uhr morgens am Immanuelplatz auf der Veddel. In den Bäumen zwitschern die Vögel. Eine S-Bahn rauscht vorbei. Benjamin Brunn guckt auf die Zeitanzeige seines Handys. Ein bisschen Aufregung ist immer dabei, erzählt er: "Ich hoffe jedes Mal, dass es funktioniert.“ Es funktioniert: Zur vollen Stunde mischt sich elektronische Musik mit den Alltagsgeräuschen rundherum.

Andrew Pekler heißt der erste Künstler. Den ganzen Juli durch sind seine Klänge vom Turm der Immanuelkirche zu hören. Er ist ein Multi-Instrumentalist und wurde in Usbekistan geboren. Seit vielen Jahren lebt er in Berlin.

Künstler müssen sich an Frequenzbereich halten

Benjamin Brunn steht am Computer in der Immanuelkirche auf der Hamburger Veddel © NDR Foto: Petra Volquardsen
Benjamin Brunn kümmert sich um den Turm der Immanuelkirche.

Um viertel nach gibt es eine kurze Sequenz. 15 Minuten später, um halb, ist sie schon länger und steigert sich dann bis zur nächsten vollen Stunde. Benjamin Brunn lebt seit 15 Jahren auf der Veddel und kommt mit seinen Kindern oft in den Kirchgarten. Im Gemeinderat kümmert sich der Bauingenieur ehrenamtlich um den Turm der Immanuelkirche. Der hat zwar noch Glocken, zu hören sind diese aber nicht mehr: "Weil sie auch nicht mehr richtig funktionierten und weil wir den Turm schonen möchten, um so eine Sanierung nach hinten zu schieben." Wenn die Klänge ohnehin aus Lautsprechern kommen, warum dann nicht mal alternative Klänge, hat sich Benjamin Brunn gefragt. Gerade jetzt in der Corona Zeit, "weil es eben eine gute Möglichkeit ist für Künstler*innen, dass ihre Werke gehört werden können."

Dank finanzieller Unterstützung kann er allen, die mitmachen, eine Gage zahlten. Der Computer mit spezieller Software steht im Turm. Wie sie die kurzen Musik- oder Klangsequenzen gestalten, da haben die Künstlerinnen und Künstler freie Hand. Weil die Anlage für Glockentöne konzipiert ist, müssen sie sich aber an einen bestimmten Frequenzbereich halten.

Sounds mischen sich mit Alltagsgeräuschen

Hamed und seine Kinder Nadya und Omar © NDR Foto: Petra Volquardsen
Hamed und seine Kinder Nadya und Omar sind direkte Nachbarn der Veddeler Kirche

Isabella, die in der Nähe wohnt und gerade an der Kirche vorbei geht, gefällt die Aktion: "Ich finde das eine nette Idee. Es ist nicht so eintönig." Hamed und sein Sohn Omar wohnen direkt neben der Immanuelkirche. Auch ihnen gefallen die neuen Klänge vom Kirchturm: "Es ist gut. Als ich Fußball gespielt habe, habe ich das gehört. Ich war überrascht, dass andere Musik gekommen ist."

Nochmal andere Musik kommt im August von Klangkünstlerin Nika Son. Sie hat ihr Atelier um die Ecke auf der Veddel: "Ich freue mich sehr, Teil des Projekts zu sein. Für mich gibt es da so viele spannende Ebenen. Zum einen die Herausforderung, diese Miniatur-Komposition zu entwickeln, das Thema der Zeitlichkeit und wie vermischen sich die Sounds mit dem Alltäglichen."

Projekt in der Immanuelkirche läuft bis Juli 2022

Wenn Nika Son im August an der Reihe ist, erwartet die Veddeler eine Klangcollage aus Klaviertönen und Stimmen: "Meine Minikomposition beschäftigt sich mit der Plansprache Esperanto. Ich finde diese Idee hinter der Sprache total spannend und finde, es passt auch hier zu der Veddel, weil hier so viele Sprachen aufeinandertreffen."

Insgesamt elf Künstlerinnen und Künstler und eine Veddeler Schulklasse machen mit. Initiator Benjamin Brunn wünscht sich, "dass der Stadtteil zum einen Freude an den Klängen hat und dass es auch positiv wahrgenommen wird, nicht nur im Stadtteil, sondern vielleicht auch jenseits der Stadtteil- oder sogar Stadtgrenzen. Wer Lust hat, sich die Töne vom Veddeler Klangturm mal anzuhören: Zu hören sind sie bis einschließlich Juli 2022 außer montags täglich von 8 bis 20 Uhr.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 20.07.2021 | 19:00 Uhr

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