Stand: 23.09.2018 07:30 Uhr

Blog: Furioses Finale auf dem Reeperbahn Festival

von Matthes Köppinghoff

Vier Tage und Nächte hat in den Clubs auf und rund um die Reeperbahn Europas größtes Clubfestival stattgefunden: Seit 2006 steigt das Reeperbahn Festival, das sich auch in diesem Jahr NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff nicht entgehen ließ. Für seinen Blog erzählt er von den großen und kleinen Musikperlen auf dem Hamburger Kiez.

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Gerade erst hatte sich unser Blogger Matthes Köppinghoff an den Festivalalltag gewöhnt, da ist das Reeperbahn Festival schon wieder vorbei. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Kaum ist man den Festival-Alltag gewöhnt, da ist das Spektakel auch schon fast wieder vorbei. Doch nur weil der letzte Tag angebrochen ist, heißt es nicht, dass alle schon so langsam einpacken. Im Gegenteil, auf St. Pauli wird richtig aufgedreht: Im Schnelldurchlauf wandere ich herum und besuche am Sonnabend ein letztes Mal die NDR Blue Backstage. Frankreich ist 2018 das Partnerland; doch nicht nur deswegen ist die französische Singer-Songwriterin Nina Attal zu Gast. Wie sie machen heute alle Gäste einen guten Job: Nach ihr folgen Mélissa Laveaux aus Kanada und D/troit aus Dänemark und spielen reduzierte Sets auf der kleinen Bühne. Die Alte Liebe ist bis auf den letzten Platz gefüllt - allgemein scheint der heutige Tag sehr voll zu werden. Am Freitag sind die letzten Tagestickets verkauft worden; damit bekommt das Reeperbahn Festival 2018 den Stempel "ausverkauft".

Prall gefüllte Clubs - dann doch lieber wieder raus

Im Indra beschlägt zum ersten Mal seit Monaten meine Brille; doch selbst als der Schleier weg ist, sehe ich D/troit immer noch nicht. Diagnose: Absolut voll hier; das einzige, was ich mit meinen 1,86 Metern sehe, sind Rücken und Köpfe. Wenn ich nicht wüsste, dass da hinten irgendwo eine Bühne wäre, könnte ich auch in einer Soul-Disco gelandet sein. Ich habe es zwar reingeschafft in den Club, in dem die Beatles am 17. August 1960 ihr erstes Hamburg-Konzert gegeben haben; aber so ganz ohne Bild macht es mir dann doch keinen Spaß.

Zurück zum Security-Mann am Eingang, wir nicken uns wissend zu: Jeder, der hier aus der Wartschlange noch nachrücken wird, die oder der wird auch relativ zackig wieder kehrtmachen. Dennoch, weil ich sie ja vorhin in der Alten Liebe kurz gesehen habe: D/troit sind eine fantastische Live-Band. Diese Typen leben den Soul, müssen sich dabei aber nicht profilieren und verkleiden als kämen sie direkt aus einem Motown-Biopic.

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Immer mehr Einlassstops

Die Festival-App meldet immer mehr Einlassstops: Auch bei WhoMadeWho kommt keiner mehr rein; immerhin, hier habe ich einen guten Platz erwischt. Die dreiköpfige Band aus Kopenhagen ist live eine Macht, vor ein paar Monaten erst habe ich sie zuletzt beim Sziget-Festival in Budapest gesehen. Allerdings meine ich, dass das Trio da nicht so seltsame Kostüme anhatte: Drummer Tomas Barfod kommt in einer Art Kleid-Kittel an sein Schlagzeug. Gitarrist Jeppe Kjellberg und Bassist Tomas Hoffding wiederum kommen mit grünen Filzhüten und Tuch-Gewändern auf die Bühne. Wenn Sie immer noch kein Bild vor Augen haben: Sie sehen aus wie eine Mischung aus Waldschrat und Schlumpf, nur eben in grün. Komplettiert wird das schräge Bild von einer riesigen aufgeblasenen Hand auf dem rechten Bühnenrand, in den Fingern werden zwei große Augäpfel festgehalten. Pink Floyd lassen grüßen, allerdings nur optisch.

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Musikalisch bewegen sich die Dänen irgendwo zwischen The Whitest Boy Alive, "Flat Beat" von Mr. Oizo und Feedback-Geräusche-Disco - und machen unfassbar viel Spaß. Fette, treibende Bässe, darüber schwingende Gitarren, blubbernde und fiepende Synthesizer ergeben einen tollen analogen Rave. Die Große Freiheit 36 tanzt, nicht zuletzt weil die Band es sehr gut versteht, ihre Songs aufzubauen und in Ekstase enden zu lassen.

Immer wieder grinsen sich die drei an; auch ihnen macht das offensichtlich Spaß, sie sind gleichzeitig aber auch so demütig und glücklich darüber, dass den Gästen ihre Show gefällt. "We really love you", sagt Kjellberg gerührt. Der letzte Song ist natürlich das endlos lässige "Keep Me In My Plane" - aber hey, den wollen hier auch alle hören. Der Applaus ist ohne Übertreibung frenetisch; hier wurde getanzt, gehüpft, ausgelassen gefeiert. So eine Party-Band braucht jedes Festival, vielleicht sogar ein bisschen eher und nicht erst am letzten Tag.

Ein letzter Ausflug - zur Elbphilharmonie

Auch wenn ich gern in der Großen Freiheit 36 geblieben wäre, um mir Metronomy anzuschauen, mache ich mich besser auf den Weg. Draußen auf der Straße stehen die Leute eng gereiht; das sieht jetzt schon nach Einlassstop aus. Der Mantelkragen wird hochgeklappt, ich mache mich auf den Weg durch St. Pauli: Durch die Schmuckstraße an Wildpinklern vorbei, rechts abbiegen in die Talstraße. Hier bemerke ich drei Schotten, die offensichtlich einen Junggesellenabschied feiern, mit ihren Lederhosen (und sonst nichts) aber denkbar unpassend gekleidet sind bei diesem Herbstwetter. In einem Kiosk auf der Reeperbahn, Ecke Hamburger Berg, ist eine Spontanparty im Gange.

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Über den Spielbudenplatz komme ich zum Docks, wo gerade der N-JOY Abend läuft, traditionell am letzten Tag des Reeperbahn Festivals, heute mit Hugo Helmig, Zak Abel und Jess Glynne. Ich gehe aber weiter, vorbei an den Imbiss-Ständen und am Panoptikum laufe ich zum Ersatzbus der U3, steige am Baumwall aus und gehe zur Elbphilharmonie. Jetzt nur noch die berühmte Rolltreppe hoch, und ich bin drin - und ich habe tatsächlich einen sehr guten Platz bekommen! Ein paar Reihen direkt vor der Bühne freue mich auf Bear's Den. Allerdings drohe ich kurz vor Beginn des Konzerts einzuschlafen; die Sitze sind sehr verlockend, und die letzten Tage mit wenig Schlaf liegen mir in den Knochen.

Große Gefühle zum Abschluss mit Bear's Den

Voll ist es in der Elphi. Fast ein Jahr hat die Folk-Rock-Band aus London kein Konzert mehr gegeben. Umso mehr freuen sie sich auf ihr kleines Comeback und haben zusätzliche Bläser, Streicher, einen Pianisten und natürlich ein Rudel Gitarristen und Drums mit dabei. Was hier passiert, ist natürlich das komplette Kontrastprogramm zu WhoMadeWho. Es ist aber auf eine andere Art großartig: Ihre Musik haben sie gelungen für die Elbphilharmonie "übersetzt". Die Songs klingen opulent, doch immer noch zerbrechlich, zart, und bleiben dabei Bear's Den.

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Ein einmaliger Auftritt für die Band - und für die Besucher in der Elbphilharmonie: Bear's Den bilden den krönenden Abschluss des Reeperbahn Festivals.

Neue Songs gibt es auch; wenn ich es richtig verstanden habe heißt einer davon "Crown" und ich kann es jetzt kaum noch erwarten, die Platte bei mir zuhause zu haben. Mehrfach bedankt sich Sänger Andrew Davie beim Publikum, sagt, dass es ein einmaliger Moment in ihrer Geschichte sei; ein Traum sei wahr geworden, in so einer Philharmonie spielen zu dürfen. Man glaubt es ihm, die Zuschauer applaudieren - und, nicht ganz unwichtig bei Elphi-Konzerten: Sie bleiben bis zum Ende. Bei anderen Konzerten hier habe ich schon Leute gehen sehen. Die Musiker sind sichtlich aufgewühlt, es werden sogar ein paar Tränchen vergossen.

Einziger Wehrmutstropfen: Ausgerechnet beim letzten Song "Above The Clouds Of Pompeii" wird mitgeklatscht. Gut, das ist kein Verbrechen, passt aber weder zur Stimmung noch zu Song und Band, aber nun gut. Das ist jetzt auch wirklich Jammern auf sehr hohem Niveau, muss ich zugeben. Um etwa 1.10 Uhr ist dann Schluss, trotz meiner Müdigkeit finde ich es schade. Ich lasse mich die berühmte Rolltreppe der Elphi hinunterfahren, schleppe mich zum Ersatzbus der Linie U3 (ich hoffe, die neue Weiche, die unbedingt während des Festivals mit mehreren Zehntausend Besuchern installiert werden musste, ist eine ganz tolle Weiche) und mache mich auf den Weg nachhause.

Bis nächstes Jahr!

Und schon ist es wieder vorbei. Einmal mehr gab es über vier Tage tolle Konzerte. Mein altes Zuhause St. Pauli hat mehrere Zehntausend Musikfans aufgenommen und dabei eine gute Figur gemacht. Vom 18. bis 21. September 2019 gibt es die nächste Ausgabe. Wird es genauso voll werden wie dieses Jahr? Ich glaube schon. Das Reeperbahn Festival hat sich als Clubfestival und Branchentreff etabliert; ich freue mich jetzt schon auf die neuen Künstler und Bands, die da kommen werden. Doch jetzt gehe ich erst mal schlafen und bedanke mich fürs Lesen - bis zum nächsten Jahr, gute Nacht!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 19.09.2018 | 09:55 Uhr

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