Stand: 14.10.2013 15:05 Uhr  | Archiv

Hafenstraße: "Das war wie eine Dauerdroge"

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Die Polizei zeigt ständig Präsenz, um die Besetzer einzuschüchtern.

Trotzdem bleiben der Senat und auch die Medien auf Konfrontationskurs. Die Stimmung in der Stadt ist 1986/1987 zum Zerreißen gespannt. Ein großer Teil der Hamburger Presse bezeichnet die Besetzer als "Terroristen" und "Chaoten", mit denen man kurzen Prozess machen müsse. Als Gegengewicht hält ein Radio-Sender aus der "Festung Hafenstraße" den großen Kreis der Unterstützer auf dem Laufenden: "Wir sind ein neuer Freiheitssender. Wir nehmen uns das Recht, unsere Meinung frei zu sagen und uns darzustellen. Mit Radio Hafenstraße haben wir uns diese Möglichkeit geschaffen. Mit Radio Hafenstraße sind wir in der Lage, das Meinungsmonopol zu durchbrechen."

Nachtwachen sollen vor Polizeieinsätzen warnen

Die ständige äußere Bedrohung und die innere Anspannung geht an den Besetzern, auch an den sogenannten starken Männern, nicht spurlos vorüber, erinnert sich Simone: "Es gab Situationen, da hast du gedacht, wenn die Polizei jetzt kommt, dann ist es gerade richtig doof. Bei uns im Haus waren etliche krank. Von wegen starke Männer, einige hat es einfach umgehauen. Ich bin Suppe kochen gegangen. Gott, was für eine Situation: Man hat gedacht, gleich geht die große Konfrontation ab und was machst du, du stehst und machst Süppchen."

Um nicht unvorbereitet zu sein, gibt es Nachtwachen. Scholeh, die auch im Frauenhaus lebte, erinnert sich: "Ich habe gleich versagt. Ich bin eingeschlafen und dann gab es einen schlimmen Einsatz. Dann stand die Polizei vor der Tür und alle waren im Schlafanzug - das war echt scheiße."

Das große Aufräumen

Bis heute werden die Häuserfassaden für politische Statements genutzt.

Am 17. November 1987 bietet Oberbürgermeister Klaus von Dohnanyi den Besetzern schließlich einen Pachtvertrag an. Die rund 200 Besetzer nehmen das Angebot an. Nach dem großen Aufatmen beginnt das große Aufräumen. Für die Bewohner stellt sich die Frage, wie es für sie weitergeht. Scholeh verlässt wie andere die Hafenstraße, Simone wohnt bis heute dort, es kommen neue Bewohner hinzu. Alle, die damals dabei waren, eint, dass die Jahre der Auseinandersetzung sie zutiefst geprägt haben. “Viele haben den ganzen Stress psychisch nicht so gut weggesteckt“, resümiert Simone.

Kein Nachwuchsmangel, aber Veränderungen

Es dauert etwa zehn Jahre, bis die Bewohner der einst besetzten Häuser von der Politik in Ruhe gelassen werden. Die Solidarität reicht längst ins hanseatische Bürgertum hinein, dessen Kinder sich zum Teil unter den Besetzern finden. Schließlich weigert sich sogar die Gerichtsvollzieher Räumungsurkunden zuzustellen.

Eine neu gegründete Genossenschaft - "Alternativen am Elbufer" - kauft der Stadt Mitte der 90er-Jahre elf Häuser ab. 2007 entsteht auf einer Freifläche sogar ein Neubau: Plan B. Hier leben 40 Bewohnerinnen und Bewohner, unter anderem Sabine. An Nachwuchs mangelt es nicht: Die 36-jährige Melli wohnt in einem der einstmals besetzten Häuser. Sie ist über eine Antirassismus-Initiative in die Hafenstraße gekommen.

Die mit Parolen bemalten Fassaden gibt es bis heute. Und dennoch hat sich das Viertel verändert. Das Frauenhaus existiert nicht mehr, Gesamtversammlungen der Bewohner sind häufig nur spärlich besucht. Die Volxküche, 1982 eröffnet und staatlich anerkannter Unruheherd, wie Simone sagt, gibt es aber noch. Neben Menüs für wenig Geld ist sie immer noch das informelle Zentrum der Hafenstraße und Hamburgs bekannteste Politkantine.

Weitere Informationen

Der Kampf um die besetzten Häuser

Jahrelang schwelt der Streit um besetzte Häuser an der Hamburger Hafenstraße. Am 19. November 1987 beendet das "Dohnanyi-Ehrenwort" den teils gewalttätigen Konflikt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 20.10.2013 | 17:30 Uhr

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