Stand: 03.01.2018 15:47 Uhr

Nienburg stellt restaurierten Sachsenspiegel vor

von Johannes Avenarius
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Einige Inhalte des Sachsenspiegels sind bis heute geltendes Recht.

Der Sachsenspiegel gilt als bedeutendstes Rechtsbuch des späten Mittelalters in Deutschland. Vermutlich Anfang des 13. Jahrhunderts wurden darin erstmals detaillierte Regelungen zum täglichen Zusammenleben aufgeschrieben. Das Werk hat die deutsche Rechtsprechung bis in die Moderne beeinflusst. Wenn heute zum Beispiel Autofahrer um einen Parkplatz streiten, gilt noch immer "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" - ein Rechtsgrundsatz, der sinngemäß dem Sachsenspiegel entnommen wurde. Im Museum Nienburg gibt es ein gedrucktes Exemplar aus dem Jahr 1560 mit vielen handschriftlichen Notizen. Es stand zwar kurz vor dem Zerfall, wird nun aber nach einer Restauration wieder der Öffentlichkeit präsentiert.

Erschreckender Zustand

Seit 2010 ist Regina Steudte die Leiterin der Museumsbibliothek. Als sie damals den Sachsenspiegel im Fundus entdeckte, erschrak sie erst einmal. "Ich war schon ein bisschen bestürzt und natürlich auch ein bisschen besorgt, weil man sich ja fragt: Wie kommt es zu diesem Zustand? Und sind vielleicht die anderen Bücher in der Bibliothek im Bestand auch betroffen? Was kann da sein, was ist los? Und dann packt man das betreffende Buch erst mal in Quarantäne."

Komplett auseinandergenommen

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Das Werk war vor der Restauration in einem schlechten Zustand.

Schimmeliges Papier, dunkle Flecken an den Seitenrändern, die ohnehin in weiten Teilen zerfleddert waren, der Holzwurm hat sich am Buchdeckel aus Buchenholz durchgefressen - viel Arbeit für Stefan Schubert. Er restauriert Bücher. Und so hat Schubert auch den Sachsenspiegel komplett auseinandergenommen, jede Seite chemisch behandelt, gereinigt, getrocknet und sorgsam wieder ergänzt. Mehr als ein halbes Jahr hat er an dem Sachsenspiegel gearbeitet. "Die größte Herausforderung war tatsächlich die Ergänzung mit Japanpapier", sagt Schubert. "Weil sie fast an jeder Seite stattgefunden hat. Hier musste ich aufpassen, dass das Japanpapier nicht aufträgt, damit das Buch nicht vorne viel dicker ist als hinten."

Ein besonderer Patient

Zum Abschluss hat er noch den Bücherdeckel ersetzt und zwei Schnallen angebaut, die ursprünglich schon lange verloren waren. So kann das Buch nun wieder ganz im ursprünglichen Sinne aufgeschlagen werden. Mit einem Schlag auf den schweren Buchdeckel springen die Schnallen auf. Schubert hat sich auf Bücherschnallen spezialisiert. Aber nicht nur deshalb war der Sachsenspiegel ein besonderer Patient. "Am Anfang pochte schon das Herz", sagt Schubert. "Man verschmilzt mit einem solchen Buch, wenn man es restauriert. Es wird einem immer sympathischer. Am Anfang ist es noch sehr zerstört und nachher ist das Ergebnis dann so, dass man sich sagt, man würde es sich lieber selbst ins Regal stellen."

Noch immer geltendes Recht

Bis heute ist der Sachsenspiegel teilweise noch immer geltendes Recht. 1.200 Seiten vollgedruckt mit mitteldeutscher Sprache, dazu viele Illustrationen, die nicht zur Zierde, sondern bei der praktischen Anwendung des Regelbuches helfen sollen. Das Buch enthält viele Geheimnisse: So stammte es aus der Renaissance, komme aber im Stile der Spätgotik daher, sagt Schubert. Auf dem Buchrücken hat er bei seiner Arbeit kleine Pergamentfragmente mit karolingischen Minuskeln gefunden. Diese sind mindestens fünf Jahre älter als der vorliegende Sachsenspiegel und wurden für das Buch einfach wiederverwendet. Quasi als Polstermaterial.

Beliebtes Forschungsobjekt

Nicht nur deshalb sei der Nienburger Sachsenspiegel ein beliebtes Forschungsobjekt für Rechtswissenschaftler, sagt Museumsleiterin Kristina Nowak-Klimscha: "In diesem Buch sind verschiedene handschriftliche Ergänzungen und Bemerkungen an den Rändern zu sehen gewesen, bei denen wir davon ausgehen, dass sie von einem ortsansässigen Juristen angefügt wurden, der dieses Buch benutzt und möglicherweise die Grafen-Familie hier vor Ort beraten hat." Diese Anmerkungen stammen vermutlich aus dem 16. Jahrhundert. Da das Buch nun wieder zu lesen ist, hat die Museumsleiterin klare Pläne: "Wir möchten in der Zukunft diese Anmerkungen editieren und erschließen, um noch mehr über das Buch herauszufinden, um noch mehr auch den lokalen Bezug herstellen zu können."

Buch-Paten geben Geld

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Die aufwendigen Arbeiten am Buch haben 5.000 Euro gekostet.

Möglich wurde das alles nur durch Menschen, die bereit waren konkret für den restaurierten Sachsenspiegel zu spenden. Denn die alleine für dieses Buch notwendigen rund 5.000 Euro sind nur mit der Hilfe von Buch-Paten zusammengekommen. Und von denen hat jeder sein eigenes Motiv, Geld für das alte Buch zu geben. "Ich finde es wichtig, dass solche alten Bücher gerettet und für die Zukunft aufbewahrt werden", sagt einer der Buch-Paten. "Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, sich an solchen Dingen zu beteiligen." Eine der Buch-Patinnen meint: "Alten Büchern gilt meine Liebe. Ich bin in der Buchbinder-Werkstatt meiner Tante groß geworden und habe eine intensive Beziehung dazu." Und ein anderer Buch-Pate sagt: "Ich bin Jurist und wenn die Heimatstadt so ein Werk hat - und es besteht die Möglichkeit, dafür etwas zu tun - dann tut man das gerne. Die Verbindung ist also die Juristerei."

Der Sachsenspiegel, ein echter Schatz

Nun ist er also wieder da, der Nienburger Sachsenspiegel. Für Bibliotheksleiterin Regina Steudte ein Tag der Freude: "Ich liebe Bücher nicht nur, weil man darin lesen kann - sondern auch die Haptik und Optik", sagt sie und lobt die Arbeit des Restaurators Stefan Schubert. "Das alles fertig zu sehen, das ist sehr befriedigend."

Der Nienburger Sachsenspiegel wird eher selten ausgestellt werden, weil er sehr empfindlich ist. Letztlich könne auch immer nur eine Seite unter Glasschutz aufgeschlagen sein, sagt Museumsleiterin Nowak-Klimscha. Aber für Rechtswissenschaftler an den Universitäten bietet er in Zukunft einen Blick in das Rechtsverständnis des Mittelalters in Norddeutschland. Diesbezüglich ist das Buch ein echter Schatz.

Dieses Thema im Programm:

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