Stand: 15.03.2019 19:06 Uhr

Privatschulen: Der neue Bildungsmagnet?

von Reinhard Kahl

Auf die Atmosphäre kommt es an

Andererseits: Private Schulen beziehungsweise "Schulen in freier Trägerschaft" sind tatsächlich freier, aber nicht alle nutzen ihre Freiheit. Eine, die von ihrer Freiheit Gebrauch gemacht hat, ist die evangelische Martinschule in Greifswald. Sie beschreibt sich als eine, in der alle Kinder und Jugendlichen willkommen sind: "Mädchen und Jungen mit Begabungen aller Art, mit Handicap und Kinder aus verschiedenen Kulturen, mit und ohne Religionen". Diese Schule begeisterte die Jury des Deutschen Schulpreises im vergangenen Jahr so sehr, dass der Hauptpreis an sie ging. Und tatsächlich nimmt sie die Besucher sofort für sich ein. Man spürt eine freundliche Atmosphäre, fühlt sich willkommen.

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Die Martinschule war ursprünglich eine Sonderschule. Sie hat sich Schritt für Schritt zu einer allgemeinbildenden, die bis zum Abitur führt, weiterentwickelt. Und nicht nur die Atmosphäre ist gut, die Schülerleistungen sind es auch. Das Geheimnis ist, dass diese Einrichtung ursprünglich für Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen und kognitiven Handicaps immer mehr auf die Beziehung zu den Kindern und zwischen ihnen gesetzt hat, als auf den sogenannten Stoff, das Schulwissen. Und nun zeigt sich, dass dieser Primat der guten Atmosphäre, der Anerkennung, eben der Beziehungen, den Leistungen bekommt und sogar zu besseren Ergebnissen führt als der vermeintlich direkte Weg des Lernens, der so häufig gleich wieder zum Vergessen führt.

Es kommt auf den Mut von Schulen an

Um die Metapher von "Bildung" als DNA der Gesellschaft noch einmal aufzunehmen: Schulen können DNA-Werkstätten der Gesellschaft sein, Zukunftswerkstätten, die wir heute brauchen und für die neuerdings Schülerinnen und Schüler freitags auf die Straße gehen, unterstützt jetzt auch von Wissenschaftlern und von ihren mitprotestierenden Omas und Opas. Es kommt also auf den Mut von Schulen wie der preisgekrönten Martinschule in Greifswald an, sich das Recht auf eine eigene Biografie zu nehmen. Das können nichtstaatliche Schulen leichter, und sie könnten staatliche Schulen mit einer ansteckenden Gesundheit infizieren. 

So etwas findet derzeit offenbar in China statt, wo so viele Waldorfschulen gegründet werden wie sonst nirgendwo. In China, das sich in wenigen Jahrzehnten zur Werkbank der globalisierten Industrie entwickelt hat, blicken einige bereits auf nachindustrielle Horizonte. Man wird hellhörig, wenn Jack Ma, der Boss des Digitalkonzerns Alibaba, das ist der größte Handelskonzern der Welt, im Hinblick auf künftige Arbeitskräfte die Lehrer auffordert, die Schüler das zu lehren, was die Maschinen nicht können, nämlich: "Musik, Sport, Kunst, Theater!"

Intelligente Produzenten - idiotische Konsumenten?

Ähnlich tönt es aus dem Silicon Valley und könnte doch auf etwas ganz anderes hinauslaufen. Auch dort werden in großer Zahl Waldorfschulen gegründet, auf die allerdings ausgerechnet die Bosse der Internet-Giganten ihre Kinder schicken, um ihnen einen medienfernen Schonraum zu gönnen. In diesem Schonraum sollen sie die oft beschworenen intelligenten und kreativen Zukunftsscouts werden. Das könnte allerdings die Spaltung der Gesellschaft noch weitertreiben, wenn wenige Kreative die Hardware und Software für die ruhiggestellte Masse erfinden. Intelligente Produzenten auf der einen Seite und idiotische Konsumenten auf der anderen? Und dazwischen die Maschinen? So könnte der große Riss durch die Gesellschaft noch vertieft werden. Wunderbare Schulen für wenige, auf der Sonnenseite des tätigen Lebens, und auf der anderen Seite die vielen Konsumenten und Endverbraucher, die mit Brot und Spielen abgefunden werden.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.03.2019 | 19:05 Uhr