Buchcover: Mohsin Hamid - Der letzte weiße Mann © Dumont Verlag

"Der letzte weiße Mann": Mohsin Hamids interessantes Gedankenspiel

Stand: 17.08.2022 06:00 Uhr

In Mohsin Hamids Roman "Der letzte weiße Mann" werden Menschen über Nacht dunkelhäutig, bis die Weißen eine kaum noch auszumachende Minderheit sind. Ein anregendes Gedankenspiel.

Buchcover: Mohsin Hamid - Der letzte weiße Mann © Dumont Verlag
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von Claudio Campagna

Der Autor Mohsin Hamid stammt aus dem pakistanischen Lahore. In den USA hat er Jura und Literatur studiert. Heute lebt und arbeitet er zwischen London und Pakistan. Er gilt als einer der interessantesten Autoren der Gegenwart. Seine Romane setzen sich meist mit dem Verhältnis zwischen globalem Osten und Westen auseinander. Jetzt ist sein neuer Roman auf Deutsch erschienen.

Über Nacht dunkelhäutig

Es beginnt mit einer Verwandlung im Kafka-Stil:

Eines Morgens wachte Anders, ein weißer Mann, auf und stellte fest, dass seine Haut sich unleugbar tiefbraun gefärbt hatte. Leseprobe

Anders meldet sich krank, will die Wohnung nicht mehr verlassen. Doch irgendwann ist der Kühlschrank leer. Er muss einkaufen gehen und erfahren, wie es ist, in einer weißen Gesellschaft dunkelhäutig zu sein. Anders fühlt sich beobachtet, verdächtigt, kritisch beäugt. Mohsin Hamid hat das selbst erlebt. Nach den Anschlägen vom 11. September habe er seinen Status als "teilweise Weißer" verloren - so beschreibt der pakistanische Autor es selbst. Auf einmal wurde er öfter kontrolliert, stundenlang am Flughafen aufgehalten und ihm wurde klar, was die Vorstellungen von Volkszugehörigkeiten mit Menschen machen.

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Mohsin Hamids präzise, elegante Sprache

Der Protagonist im Roman zweifelt an seiner Identität.

Als Anders ins Auto stieg, kam ihm der Gedanke, dass die Leute, die er gesehen hatte, alle weiß waren und er vielleicht paranoid war und in manchen Gesten eine Bedeutung las, die sie gar nicht hatten, und an der nächsten Ampel schaute er in den Rückspiegel und suchte in seinem Blick nach etwas Weißem, irgendwo musste es doch sein, vielleicht in seinem Gesichtsausdruck, aber da war nichts, und je länger er hinsah, desto weniger weiß kam er sich vor, als wäre das Suchen danach das genaue Gegenteil von Weißsein, als rückte es dadurch nur noch weiter weg, es ließ ihn verzweifelt wirken, unsicher, so als gehörte er nicht hierher (...). Leseprobe

Hamid erzählt oft ganze Geschichten und komplexe Gedankengänge in einem Satz. Doch seine Sprache ist sehr präzise und von einer schlichten Eleganz, sodass man der Erzählung mühelos und auch gerne folgt. Als der plötzlich dunkelhäutige Anders zu seiner Arbeitsstelle in einem Fitnessstudio zurückkehrt, sagt ihm sein Chef, wenn ihm eine solche Verwandlung passiert wäre, hätte er sich umgebracht.

Die Weißen werden zur Minderheit

Doch Anders ist nicht der einzige. Immer mehr Menschen werden über Nacht dunkelhäutig. Bald sprechen die Nachrichten davon. Der Wechsel der Hautfarbe wird zum gesellschaftlichen Phänomen. Während die einen sich damit arrangieren, geraten andere in Panik, wittern eine Verschwörung, irgendeinen finsteren Plan. Es kommt zu Unruhen, Bürgermilizen machen Jagd auf Schwarze. Doch schließlich sind die Weißen selbst eine kaum noch auszumachende Minderheit.

(...) nur ein paar blasse Versprengte geisterten noch durch die Straßen, als gehörten sie nicht hierher, diese Geister hatten begriffen, dass ihre Tage gezählt waren, und so verbreiteten nicht sie Angst und Schrecken, sondern andersherum, die Leute musterten sie im Vorbeigehen (...). Leseprobe

Unaufhaltsam vollzieht sich die Veränderung. Sie anzunehmen, ist nicht leicht. Als Dunkelhäutiger muss Anders seine Affäre Oona noch einmal neu kennenlernen und sie ihn. Doch gerade dadurch wird aus ihrer oberflächlichen Beziehung eine innigere, tiefere. Auch Anders‘ angespanntes Verhältnis zu seinem todkranken Vater wird durch sein neues Erscheinungsbild auf eine harte Probe gestellt. Doch in der Krise kommen die beiden sich näher. Und als der Vater stirbt, geht mit ihm: "Der letzte weiße Mann".

"Der letzte weiße Mann": Ein anregendes Gedankenspiel

"Die Vorherrschaft der Menschen mit weißer Haut wird eines Tages zu Ende gehen", scheint uns diese Geschichte sagen zu wollen: "Aber das ist nicht schlimm. Machen wir etwas draus!" Im Roman ist es die Kraft der Liebe, die Grenzen überwindet und bewirkt, dass aus dem Alten etwas Neues und Gutes hervorgehen kann.

Ein anregendes Gedankenspiel. Und doch hält sich beim Lesen das Gefühl: Die Wirklichkeit ist etwas komplizierter.

Der letzte weiße Mann

von Mohsin Hamid
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8213-7
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.08.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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