Colson Whitehead: "Harlem Shuffle" (übersetzt von Nikolaus Stingl)  (Cover) © Hanser

Colson Whiteheads "Harlem Shuffle": schmerzhaft klarer Blick auf Amerika

Stand: 23.08.2021 14:51 Uhr

Für "Underground Railroad" und "Die Nickel Boys" wurde Colson Whitehead mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sein neues Buch "Harlem Shuffle" ist eine rasante Gangstergeschichte, die im New York der 1960er-Jahre spielt.

von Martina Kothe

In der Tat. Nur ein wenig nach links oder nach rechts muss man sich wenden, um in einer anderen Welt zu sein. Und damit ist nicht nur die 1960er Jahre-Welt des New Yorker Stadtteils Harlem gemeint, in der Colson Whiteheads neues Buch spielt, sondern auch die Welt von Legalität und Illegalität. Der Held des Romans, der Möbelhändler Ray Carney, bewegt sich in beiden Realitäten.

Wenn es eines gab, das er in den letzten Tagen gelernt hatte, dann, dass Vernunft und praktische Veranlagung bei der Durchführung von kriminellen Unternehmen ein großer Segen sind. Außerdem, dass es Nachtstunden gibt, in denen andere Menschen weniger sichtbar sind, so lebhaft sind die eigenen privaten Gespenster. Leseprobe

"Harlem Shuffle": New York in den 1960er Jahren

Harlem, New York, 1959 bis 1964. Die Sommer sind heiß, die Zeiten - wie die Zeiten eben sind und die Stadt ist die Stadt. Ein immer größer werdender Moloch, der seine Bewohner frisst und sie dennoch, wenn sie es schlau anstellen, ihr ganz normales Leben leben lässt.

So wie er sah, lehrte einen das Leben, dass man nicht so leben musste, wie es einen gelehrt worden war. Man kam von einem bestimmten Ort, aber wichtiger war, wo man landen wollte. Leseprobe

Vom Möbelhändler zum erbarmungslosen Gangster

In der 125. Straße, die heute zum Teil "Martin Luther King-Boulevard" heißt, betreibt Ray Carney seinen kleinen Möbelladen. Mit der Welt des Verbrechens, in der sein Vater, Big Mike, sich bestens auskannte, will er eigentlich nichts zu tun haben. Eigentlich. Denn da ist ja noch Cousin Freddie, der ihn immer wieder in krumme Geschichten reinzieht.

Carney entdeckt, dass er durchaus die Nerven und den Verstand hat, um in beiden Welten zu überleben. Für Größen aus dem Viertel vertickt er Diebesgut, er ist an einem spektakulären Raub beteiligt, rächt sich erbarmungslos und begibt sich immer wieder in Gefahr, nicht zuletzt, um seinen Cousin Freddie zu beschützen. Gleichzeitig führt er ein solides Familienleben, erweitert den Möbelladen und beschäftigt Angestellte.

Schwarz und Weiß, damals und heute

In die Fiktion mischt sich die Realität. Zum Beispiel die Unruhen 1964, als es nach dem Tod eines Teenagers, in Harlem zu Straßenschlachten kommt.

Der Barkeeper blickte von seiner Rennzeitung auf. 'Ein weißer Cop wandert in den Bau, weil er einen schwarzen Jungen gekillt hat? Du glaubst bestimmt auch an die scheiß Zahnfee:'
'Buford weiß was Sache ist', sagte Pepper.
'Die Zeitungen quatschen von 'Plünderungen', fuhr Buford fort. 'Die sollten mal die Indianer nach Plünderungen fragen. Dieses ganze Land ist darauf gegründet, anderen Leuten ihren Scheiß wegzunehmen.' Leseprobe

Schatten und Licht, Schwarz und Weiß, damals und heute. Colson Whitehead erzählt spannend, lässig, mit sprachlicher Eleganz und mit einem mitunter schmerzhaft klaren Blick auf Amerika.

Harlem Shuffle

von Colson Whitehead
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Veröffentlichungsdatum:
23. August 2021
Bestellnummer:
978-3-446-27090-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.08.2021 | 12:40 Uhr

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