Stand: 01.09.2020 16:15 Uhr

Historiker Brechtken über den Wert der Geschichte

Als Historiker wendet man den Blick zurück, bohrt man in der Vergangenheit, um die Welt besser zu verstehen, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. Für seine Biografie über Albert Speer hat Magnus Brechtken 2017 den NDR Kultur Sachbuchpreis erhalten - jetzt hat der Historiker ein neues Buch geschrieben: "Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart".

Herr Brechtken, wie verstehen Sie als Historiker den Wert der Geschichte? Hat die Beschäftigung mit der Vergangenheit zwangsläufig auch etwas mit der Gegenwart oder der Zukunft zu tun?

Magnus Brechtken © imago
Magnus Brechtken arbeitet am Münchner Institut für Zeitgeschichte.

Magnus Brechtken: Es gibt ja die bekannte Frage: Kann man aus der Geschichte lernen? Die einen sagen: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber Geschichte reimt sich." Oder: "Man kann nur vergangene Fehler wiederholen." Das ist alles so nicht richtig, denn wir können nur aus der Geschichte lernen - etwas anderes steht uns gar nicht zur Verfügung. Das Wissen, das in der Vergangenheit angesammelt wurde, durch das Denken, das Handeln, das Forschen der Menschen, die vor uns gelebt haben, ist uns verfügbar, und wir können diesen großen Fundus täglich nutzen und anzapfen. Wir müssen uns dessen nur bewusst sein und uns dieses vorhandene Wissen in der Gegenwart klarmachen.

In der Technik ist das selbstverständlich: Niemand würde heute mit der Postkutsche von Hamburg nach München fahren, sondern benutzt den ICE, fliegt oder nutzt sein Auto. Das ist ein Wissensfortschritt, der sich über die vergangenen Jahrzehnte entwickelt hat. Genauso kann man in der Welt der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft Wissensfortschritte erkennen. Menschen haben in der Vergangenheit experimentiert - das hat zum Teil geklappt, zum Teil nicht so gut geklappt, und wir können davon profitieren.

Sie machen das sehr anschaulich: Wer sich heute den Blinddarm operieren lässt, kann auf ein sehr viel größeres Know-how vertrauen als die Menschen vor 50 Jahren. Ganz anders aber sind die Erfahrungen aus dem Bereich Politik und Gesellschaft auszuwerten - Sie sprechen von der "weichen Welt". Warum ist es so viel komplizierter, Geschichtserfahrungen aus der "weichen Welt" abzuleiten?

Buchcover: Magnus Brechtken - "Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart" © Siedler Verlag
Magnus Brechtkens Buch "Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart" ist im Siedler Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Brechtken: Das liegt in erster Linie daran, dass sich viele Menschen dieser historischen Dimension oft nicht bewusst sind und nicht genötigt sind, darüber intensiver nachzudenken. Das Nachdenken kommt in der Regel nur dann, wenn man sich in Krisenzeiten befindet oder wenn man selbst vor persönlichen Herausforderungen steht, die man bewältigen muss. Gegenwärtig ist das Beispiel Corona eine anschauliche Möglichkeit, sich dieser Dinge bewusst zu werden, denn es gab immer wieder solche Seuchen, Herausforderungen medizinischer Art. In der Vergangenheit haben die Wissenschaft, die medizinische Forschung und die damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Regeln dafür gesorgt, dass man weiß, wie man am besten mit solchen Herausforderungen umgehen kann: durch Forschung, durch rationale Analyse, durch Vorsichtsmaßnahmen, sodass möglichst wenig Menschen davon betroffen werden. Das kann man in der Geschichte bei vielen anderen Erfahrungen so sehen, und daraus kann man auch in der Gegenwart profitieren.

Andere Beispiele wären die Auseinandersetzungen in der internationalen Welt, beispielsweise zwischen der Türkei und Griechenland um die Gasvorkommen, oder die Auseinandersetzung mit Russland um die Frage des Umgangs mit Oppositionspolitikern. All das sind Erfahrungen, die vielen Menschen in der Gegenwart zunächst unerklärlich erscheinen und man nicht weiß, wie man darauf reagieren soll. Aber wir können aus unserer eigenen Geschichte erkennen, welche Muster und Verhaltensweisen dem zugrunde liegen und was wir selbst tun können, um unsere Gesellschaft stabil zu halten und vielleicht auch für andere hilfreich zu sein.

Wichtige Werte wurden erkannt und erkämpft: Freiheit, Selbstbestimmung, Teilhabe. Werte, die wiederum im Jahr 2020 durch Nationalisten und Populisten infrage gestellt werden. Was kann nicht nur der Mensch, was kann eine Gesellschaft aus der Geschichte lernen?

Brechtken: Das ist im Grunde der Kern dessen, was der Wert der Geschichte ist: Wir wissen, wohin Nationalismus führt. Wir wissen, wohin dogmatische Ideologien führen, die behaupteten, die Gesetze der Geschichte erkannt zu haben - ob das der Kommunismus ist oder der Nationalsozialismus. Wir wissen, dass diese Ideologien zu millionenfachen Opfern führen und dass wir uns davor hüten müssen, solche Dinge zu wiederholen. Wir sollten alles dafür tun, eine freie Gesellschaft mit Rechtsstaatlichkeit, mit parlamentarischer Demokratie, mit einer freien Presse, mit freier Meinungsäußerung, mit einer offenen Gesellschaft zu erhalten, damit alle Menschen mit ihren individuellen Lebensrechten die Möglichkeit haben, sich darin, im Rahmen der Rücksichtnahme auf alle anderen Menschen, zu entfalten. Wir müssen nicht die Fehler wiederholen, die Menschen vor 100 oder 150 Jahren noch als Glücksversprechen in der Zukunft, beispielsweise im Nationalismus, im Nationalsozialismus oder im Kommunismus sahen. Das Ganze können wir uns ersparen, und wir können das verteidigen, was sich in den letzten 75 Jahren in Deutschland, in Mitteleuropa und in vielen anderen Ländern der Welt etabliert hat, um diesen Frieden, den es erstmals in dieser langen Zeit gegeben hat, zu sichern.

"Zehn Lektionen für die Gegenwart" fügen Sie Ihrem Buch zum Schluss bei. Welche Lektion ist Ihnen am wichtigsten?

Brechtken: Dass Menschen verstehen, dass sie fehlbare Wesen sind und dass es keine perfekte Welt gibt. Dass wir aber Möglichkeiten haben, mit unserer Fehlbarkeit eine Gesellschaft, politische Strukturen und einen Rechtsstaat zu schaffen, in dem alle - an gewisse Regeln gebunden - ein recht freies, gesundes, fortschrittliches und im gewissen Sinne glückliches Leben leben können, wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen und diese Regeln einhalten. Das ist etwas, was sich als Wissensfundus in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Diesen Wissensfundus sollten wir uns täglich bewusst machen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Magnus Brechtken © imago

AUDIO: Historiker Brechtken über den Wert der Geschichte (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.09.2020 | 18:00 Uhr