Stand: 02.07.2020 05:57 Uhr  - NDR Kultur

Eine Überlebende kämpft sich durch eine verlassene Welt

Mein Name ist Monster
von Katie Hale, aus dem Englischen von Eva Kemper
Vorgestellt von Marie Schoeß

Die Britin Katie Hale ist bisher vor allem als Lyrikerin bekannt. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie den Roman "My Name Is Monster", der im S. Fischer Verlag auf Deutsch erscheint. Ähnlich wie in Robionson Crusoe" wird in ihrem Roman ein Mensch an den Strand gespült, der zunächst ganz auf sich allein gestellt ist. Wie Daniel Defoe stellt Hale die Frage nach dem Überleben. Aber es ist zum Glück sofort zu spüren, dass zwischen dem einen und dem anderen Text 300 Jahre liegen.

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In Katie Hales Roman "Mein Name ist Monster" geht es um einen archaischen Überlebenskampf.

Eine Frau ist es, die das Meer ausspuckt: Sand und Meersalz stecken ihr im Hals, der Husten schüttelt den ganzen Körper durch. Aber diese Frau ist keine zarte Erscheinung, die sich davon irritieren ließe. Sie ist auch keine nostalgische Seefahrerin, die sich noch einmal nach ihrem zerschellten Schiff umschauen würde. Diese Frau macht und geht schlicht weiter. Das ist ihr Geheimnis, das hat sie - und nur sie - überleben lassen.

Während des Kriegs und später während der Krankheit verließen sich die meisten zu sehr auf die Menschen, die ihnen nahestanden. Aber das Überleben hat seinen Preis. Immer. Man bezahlt es mit dem Alleinsein, damit, Freunde und Familie wie ein Krebsgeschwür aus sich herauszuschneiden und die Wunde zu verschließen. Und wer den höchsten Preis zahlt, überlebt am längsten – deshalb bin nur noch ich übrig, und deshalb muss ich weitergehen. Leseprobe

"Mein Name ist Monster" - Protagonistin ist eine starke Figur

Was aus dem Kontext gerissen noch unangenehm kühl klingen mag, ist eine durchaus erfrischende und immer wieder auch witzige Erzählstimme. Monster, so hat sich die Protagonistin und Erzählerin schon als Kind genannt. Monster ist eine starke Figur: Als Kind machte sie sich wenig aus der Irritation im Gesicht ihrer Mutter, die einfach nicht verstand, warum sich die eigene Tochter so ganz anders entwickelte als die Mädchen in der Nachbarschaft, die mit Zöpfen und Freundinnen durch ihre Kindheit hüpften. Monster hüpft bis heute nicht, aber sie staunt sehr wohl: über die Welt, über Sprache und Kultur. Sie war immer schon gern allein und spürte schnell, dass sie auch das von ihren Altersgenossen unterscheidet, aber sie näherte sich ihrem Anderssein nie mit dem Blick der besorgten Mutter, sondern mit dem der neugierigen Forscherin.

Ich war nicht "asexuell". Das Wort hatte ich im Glossar eines Schulbuchs über Biologie gefunden. Darin stand, asexuelle Menschen seien frei von sexuellem Verlangen. An das "frei von" erinnere ich mich noch, als wäre das sexuelle Verlangen, das meine Altersgenossen verspürten, eine Falle. Asexuelle Menschen, stand in dem Buch, könnten trotzdem eine funktionierende, liebevoll interessierte Beziehung mit ihren Partnern führen, nur ohne sexuelles Begehren. Daher wusste ich, dass ich nicht asexuell war. Ich war nicht frei von Verlangen, sondern frei von liebevollem Interesse. Leseprobe

Das Leben nach dem Überleben

Diese Frau, ihr Weg durch die apokalyptische Welt, ihre Erinnerungen an eine untergegangene Gesellschaft, die nie wirklich warm mit ihr geworden ist - all das prägt den ersten Teil dieses Buches. Und obwohl keine Aussicht auf Zukunft darin liegt, wirkt dieser Teil doch freier und visionärer erzählt als der folgende, in dem eine Zukunft wieder möglich wird: Unverhofft trifft Monster auf ein junges Mädchen, jünger noch als sie und dünn wie ein "Vögelchen aus Haut und Knochen". Doch diese bisher so querdenkende und Konventionen befragende Frau kommt, als sie das Mädchen sieht, nur auf eine Idee: sich mit dem Wort, das mehr Trost und Fürsorge verspricht als jedes andere, vorzustellen:

Ich deute auf mich und sage: "Mutter." Leseprobe

Katie Hales Ende ist unglaubwürdig

Katie Hale weiß und zeigt, dass eine Mutter nicht allein ihre Fürsorge ausmacht, sondern noch einige, düstere Facetten mehr und doch wird der Roman mit dem Wort Mutter konventioneller und infantiler, als man es der Autorin im ersten Teil des Romans zugetraut hätte. Das Mädchen übernimmt jetzt die Erzählung und das hat kaum Erinnerungen, auch nur sehr vage Erinnerungen an die eigene Sprache. Von so einem Mädchen zu erzählen, kann aufregend sein, aber nur schwer wird daraus eine aufregende Erzählerin: Und so sind gerade die Passagen unglaubwürdig, in denen sie feinsinnige und überraschende Bilder findet. Die originelle Sprache, der frische Blick auf menschliche Verhärtungen und die Sehnsucht nach Sinnlichkeit: All das traut man der Dichterin Katie Hale zu, nicht aber einer Erzählerin, die gerade erst den sprachlichen Zugriff auf die Welt wiederentdeckt. Und so wünscht man sich am Ende dieses Romans bloß, dass sich Katie Hale in ihrem hoffentlich nächsten Roman wirklich von einer Erzählerin herausfordern lässt, dass sie festhält an der Stimme, die ihre sprachlichen Stärken teilt, statt sie zu hemmen.

Mein Name ist Monster

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397469-0
Preis:
22,00 €

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