Laurent Binet: "Eroberung" © Rowohlt

Laurent Binets Alternativgeschichtsroman "Eroberung"

Stand: 20.11.2020 12:55 Uhr

Als Kind hat der Schriftsteller Laurent Binet regelmäßig Heldencomics gelesen und wurde konfrontiert mit Alternativgeschichten innerhalb einer fiktionalen Welt.

von Tobias Wenzel

Laurent Binet hat die Indios, die Opfer der Konquistadoren, literarisch gerächt. Der französische Autor hat nämlich eine Alternativgeschichte geschrieben, in der Kolumbus scheitert, aber die Inkas Europa erobern.

Eine Was-wäre-wenn-Geschichte über die Eroberung Amerikas

"Die Niederlage von Christoph Kolumbus zu schreiben, hat mir großen Spaß gemacht", erzählt der Autor. "Das Prinzip einer Alternativgeschichte besteht darin, dass man an die Geschichte Hand anlegt, indem man einen sogenannten Kippmoment verändert."

Der entscheidende Kippmoment im sehr schön von Kristian Wachinger übersetzten Roman "Eroberung": Binet lässt darin die Wikinger, die tatsächlich Nordamerika entdeckt haben, auch noch bis nach Südamerika vordringen.

Sie bringen den Indios Eisen, Pferde und Krankheitserreger, die letztlich ihr Immunsystem stärken. Als im Roman Kolumbus fünfhundert Jahre später in der Karibik auf Indios trifft, haben sie schon Pferde, sind kampferprobt mit ihren Eisenwaffen und immun gegen die Pockenviren der Europäer.

Kolumbus verliert im Roman alle seine Männer, bleibt als ein gebrochener Mann in der Karibik zurück und notiert das alles in sein Tagebuch - Binets listiges Parodie des realen Bordbuchs.

Kolonialisierung einmal anders herum

Ein paar Jahrzehnte später, im 16. Jahrhundert, segelt der Inkaherrscher Atahualpa mit nur 200 Mann nach Europa, wird durch strategisches Geschick nicht nur König von Spanien, sondern auch noch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs.

Fragt sich, ob wir, wenn es so gekommen wäre, heute in einer besseren Welt leben würden. "Ich habe keine Ahnung", meint der Autor. "Sicher ist aber, dass wir eine andere Welt hätten. Die große Veränderung wäre wohl das Wirtschaftssystem. Die Inkas hatten nämlich eine absolute Planwirtschaft und nicht einmal Münzen. Wäre das nun eine bessere oder schlechtere Welt gewesen? Es wäre jedenfalls besser für den Klimawandel gewesen."

Binets Humor und seine gewitzten Einfälle machen "Eroberung" zu einem wunderbaren Lesevergnügen. Allein, das Europa des 16. Jahrhunderts mit den Augen eines Inkaherrschers zu sehen, für den Schafe "kleine weiße Lamas" sind, ist eine großer Spaß.

Feuerwerk aus Alternativgeschichten und -geschichte

Der Kaufmann und Bankier Anton Fugger leiht Atahualpa für dessen Eroberungspläne Geld, macht allerdings zu einer Bedingung, dass Martin Luther getötet werden müsse, weil der das Geschäft mit dem Ablasshandel zerstöre, weshalb die Kirche Fugger ihre Schulden nicht zurückzahlen könne. Bevor Luther stirbt, muss er noch mit ansehen, wie seine 95 Thesen durch die "95 Sonnenthesen" ersetzt werden.

Mit seinem Roman "Eroberung" hat Laurent Binet Literatur - von den isländischen Sagas bis zu "Don Quijote" - und Geschichte souverän umgeschrieben. Das Ergebnis ist ein äußerst amüsantes Feuerwerk aus Alternativgeschichten und Alternativgeschichte. Auch wenn Laurent Binet damit die Kolonialisierung der Indios natürlich nicht rückgängig machen kann.

Er sagt: "Aber gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass es keine Fatalität der Geschichte gibt. Manchmal braucht es nicht viel, damit die Geschichte anders verläuft. Solange die Geschichte nicht geschehen ist, können wir sie noch verändern."

Eroberung

von Laurent Binet, aus dem Französischen von Kristian Wachinger
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00186-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.11.2020 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Laurent-Binet-Eroberung,eroberung104.html
Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Charles de Coster: "Legende vom Ulenspiegel"

Das Buch schildert den Freiheitskampf der Flamen gegen die spanische Herrschaft im 16. Jahrhundert. Eulenspiegel wird zum flämischen Volkshelden. 5 Min

Mehr Kultur

Nick Tschiller (Til Schweiger) schwerbewaffnet im Speicher. © NDR/Marion von der Mehden

50 Jahre Tatort: Wie realistisch ist die Krimireihe?

Explosionen, Verfolgungsjagden, Schießereien. Wie realistisch wird Polizeiarbeit in der ARD-Krimireihe eigentlich dargestellt? mehr

Lutz Krajenski sitzt an der Hammond-Orgel © NDR.de Foto: Claudius Hinzmann

Lutz Krajenski im Solokonzert

Lutz Krajenski ist aus der norddeutschen Musikszene nicht wegzudenken. Für uns spielte der Hannoveraner ein Solokonzert. mehr

Aeroslo bei Bläsern © Bayerischer Rundfunk

Studie: Blasinstrumente stoßen Aerosole unterschiedlich aus

Wie breiten sich Aerosole bei Blasinstrumenten aus? Eine neue Studie aus München bringt überraschende Erkenntnisse. mehr

In der Zeitung ist ein polemischer Artikel über Brockmöller (Charles Brauer, links) erschienen; es geht um seine Beziehung zu einer angeblich von Harry Mucher erschossenen Polizistin, mit der Brockmöller befreundet war. Zusammen mit Stoever (Manfred Krug, rechts) fragt der verärgerte Brockmöller sich, woher die Presse so detaillierte Informationen hat, ohne je mit ihm gesprochen zu haben? © NDR/Studio Hamburg

Tatort-Jubiläum: Mord ist bei Stoever und Brockmöller Nebensache

Die Schauspieler Manfred Krug und Charles Brauer waren im Film Partner und Freunde - die Freundschaft hielt auch danach. mehr