Stand: 21.09.2020 13:48 Uhr

Ein Künstler und seine bewundernden Fans

von Annemarie Stoltenberg

Der Schriftsteller Kristof Magnusson beherrscht die Gabe, gut lesbare und anspruchsvolle Romane zu schreiben, die durchaus etwas über unsere Zeit erzählen. Er kann "intelligent" unterhalten. Dafür steigt er gern auch in Gesellschaftsfelder ein, die er genau erkundet, ehe er sie zu Handlungsorten seiner Texte macht.

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"  (Cover) © Kunstmann
Kristof Magnussen nimmt in diesem Roman Kunst und Bildungsdünkel aufs Korn.

Die Finanzkrise hatte er schon als Thema und sein vorheriger Roman erschien unter dem Titel "Arztroman", wo er mit den Klischees dieses Genres spielte. Nun also "Ein Mann der Kunst". Das ist der Titel seines neuen Romans und er führt uns die in Welt der Kunstszene, der Kulturfördervereine und ihren ehrenwerten Bildungsbemühungen.

KD Pratz ist der Name des Künstlers, der in diesem Roman im Mittelpunkt steht. Ein offenkundig schwieriger Mensch.

Ein neues Museum für den bekannten Künstler

Inzwischen Ende sechzig, war er einer der letzten verbliebenen Old-School Künstler, der sich von Anfang an jeglicher Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb verweigert hatte und allgemein als sperrig galt und zu keiner Gefälligkeit bereit, kurz: Er war ein ziemliches Ekel. Seit zwanzig Jahren lebte er vollkommen zurück gezogen auf einer Burg im Rheingau. Wenn er einmal auf Presseanfragen antwortete - per Rückruf über Festnetz-Telefon oder handschriftlich per Postkarte -, waren das Schimpftiraden gegen alles, was der heutigen Zeit lieb oder zumindest teuer war: Gegen E-Mails, Handys, E-Zigaretten, E-Autos, vegane Ernährung und, am liebsten: gegen das Internet an sich. Leseprobe

Aber just dieser Künstler hat eine Art Fan-Club. Ein Museums-Förderverein, dessen Mitglieder ihn unglaublich verehren. Durch eine Erbschaft hat dieser Verein nun die Möglichkeit bekommen, dem großartigen Werk von KD Pratz Ausstellungsräume, ja einen ganzen Musemsneubau zu widmen.

In den letzten Wochen vor dem Ende einer Ausstellung musste das Museum inzwischen bis Mitternacht geöffnet haben, um der Besucherflut Herr zu werden. Insofern war es geradezu logisch, dass sie nun auf dem Nachbargrundstück anbauen wollten. Ingeborg sah die große Stunde des Engagements gekommen, das nun endgültig zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden war. "Stell dir das vor, Consti. Ein neues Gebäude. Wir bauen da etwas ganz Modernes hin als Kontrast zu dieser ollen Patriarchenvilla. Was wir da alles zeigen könnten!" Leseprobe

Die Fans wollen den Künstler persönlich treffen

Aber die Vereinsmitglieder möchten auch belohnt werden für ihre kulturell wertvollen Taten. Kontakt mit dem Künstler persönlich wird gewünscht. So macht sich eine kleine Gruppe von Fördermitgliedern auf den Weg zur Burg, zu ihrem Idol. Die Mutter des Ich-Erzählers ist leider verhindert, an dem legendären Ausflug teilzunehmen, sie hat ihren Sohn gebeten, sie zu vertreten.

Es wird dann urkomisch, wie der Sohn beschreibt, was sich alles ereignet. Der Vereinsvorsitzende managt das Ganze wie ein mittelständisches Unternehmen, indem er den anderen Vereinsmitgliedern zeitüblich suggeriert, alle Entscheidungen im Förderverein würden im Team gefunden mit den berühmten flachen Hierarchien.

Ein ironischer Blick auf den Kunstbetrieb

Aber der Besuch bei KD Pratz wird, wie man es in der Managersprache nennen würde: eine Herausforderung. Kristof Magnusson beschreibt seine Figuren mit mildem, liebenswürdigem Spott. Nicht so, dass es beleidigend wirkt, eher so, dass man meint, wirklich jeden in dieser Truppe persönlich zu kennen.

Die zentrale Frage ist: Nützt denn unser Streben zur Kunst? Führt es zu einem sinnvollen Leben? Sind Kunstwerke Trostpflaster, Ablenkung, dienen nur der Unterhaltung gelangweilter Seelen? Was ist mit all dem kritischen Getue, das um sie herum inszeniert wird?

Diesen Fragen stellt man sich während der Lektüre dieses hochvergnüglichen Romans, der mit der Nadel der Erkenntnis in allerlei aufgeblähten Bildungsdünkel sticht.

Ein Mann der Kunst

von Kristof Magnusson
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Antje Kunstmann
Bestellnummer:
978-3-95614-382-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.09.2020 | 12:40 Uhr

Cover von Thomas Hettches "Herzfade" © Kiepenheuer & Witsch
5 Min

Thomas Hettche: "Herzfaden"

Wer Thomas Hettches zauberhaften Roman einmal in die Hand genommen hat, möchte das Buch nicht mehr weglegen. Die Illustrationen darin stammen von Matthias Beckmann. 5 Min

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"  (Cover) © Kunstmann
4 Min

Kristof Magnusson: "Ein Mann der Kunst"

"Ein Mann der Kunst" ist ein vergnüglicher Roman, der mit der Nadel der Erkenntnis in aufgeblähten Bildungsdünkel sticht. 4 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Marcel Proust lebte abgeschieden und kränklich in einem Zimmer. Seine präzise Beschreibung von Erinnerungen wie der „Madeleine“ lässt Vergangenes gegenwärtig erscheinen. 5 Min

Richard Ford: "Irische Passagiere" © Hanser Berlin
5 Min

Richard Ford: "Irische Passagiere"

Allen Geschichten in Richard Fords Buch ist gemein, dass die Protagonisten irische Wurzeln, irische Ehefrauen und Ehemänner oder irische Reiseziele haben. 5 Min

Mehr Kultur

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier © Pichture Alliance/ dpa Foto: Henrik Josef Boerger

Karin Beier: "Kurz einknicken und dann wieder aufbäumen"

Die Bundesregierung hat einen erneuten Kultur-Lockdown beschlossen. Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier im Interview. mehr

Eine Frau mittleren Alters mit dunkelblonden Haaren. - Ursula Haselböck, die Intendantin der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern © picture alliance/Danny Gohlke/dpa Foto: Danny Gohlke

"Ohne Kultur wird es still" - Reaktionen auf Corona-Maßnahmen in MV

Differenziert reagierten Kulturschaffende in MV auf die erneute Schließung der Kultureinrichtungen, darunter Festspielintendantin Ursula Haselböck. mehr

Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, im Porträt. © picture alliance Foto: Christian Charisius

Joachim Lux: "Neue Corona-Regeln müssen für alle gelten"

Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters kritisiert mangelnde Fairness bei den Corona-Maßnahmen. mehr

Leere Sitze in einem Theater © picture alliance / Geisler-Fotopress

Corona-Lockdown: "Theater sind sichere Orte"

Bis vorerst Ende November müssen wir auf Kultur verzichten. Ein Gespräch mit der Theaterintendantin Amelie Deuflhard. mehr