Stand: 26.11.2018 10:00 Uhr

Chinas Weg in den digitalen Überwachungsstaat

Die Neuerfindung der Diktatur
von Kai Strittmatter
Vorgestellt von Helga Othenin-Girard
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Kai Strittmatter hat ein Buch über Chinas Überwachungsstaat geschrieben.

Beeindruckend und furchteinflößend sind nicht nur die glitzernden Fassaden der Skylines von Schanghai oder Hongkong: Chinas Steuermann Xi Jinping verpasst der Diktatur ein digitales Update und ist angetreten, der Zivilgesellschaft den Garaus zu machen. Das haben schon andere vor ihm versucht, doch keiner verfügte je über derart viele Instrumente der Manipulation wie Xi. Der Westen müsse sich deshalb warm anziehen, sagt Kai Strittmatter, der bis vor Kurzem China-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" war: "Xi Jinping ist der erste seit Mao Zedong, der wieder den Anspruch erhebt, in der Welt eine große Rolle zu spielen. Und er hat gesagt: China muss wieder ins Zentrum der Welt, um das Wirtschaften und die globalen Normen, das Internet mitzubestimmen und chinesisch zu machen."

Totale Kontrolle im "System der sozialen Vertrauenswürdigkeit"

Die chinesische Gesellschaft befindet sich im Umbauprozess. In kürzester Zeit aus dem Boden gestampfte Millionenstädte sind schöne Hüllen für Menschen, die nie mehr unbeobachtet sind. Wirtschaftliche Freiheit und politischer Würgegriff funktionieren. Das gesellschaftliche Gefüge werde durch ein System totaler Kontrolle zunehmend neu justiert, sagt Strittmatter, der mehr als 20 Jahre in China gelebt und gearbeitet hat. Polizisten mit Videobrillen erfassen bereits in Sekunden die Identität von Passanten. Doch den Schlüssel zum Inneren des Menschen liefert ein Sozialkreditsystem, wie Kai Strittmatter erklärt: "Auf Chinesisch heißt es: das System der sozialen Vertrauenswürdigkeit. Mithilfe von künstlicher Intelligenz und Digitalisierung zielt es darauf ab, einen neuen Menschen zu schaffen. Das wollte schon Mao. Der neue Mensch heute ist der 'ehrliche Mensch, der vertrauenswürdige Mensch'. Und wie schaffen wir diesen 'ehrlichen und vertrauenswürdigen Menschen'? Indem wir sein Verhalten 24 Stunden, sieben Tage die Woche in Echtzeit beobachten, auswerten und dann auch möglichst schnell sanktionieren."

Wettkampf um Punkte und Anerkennung

Niemand entgeht dem Blick der Kameras. Bereits minimales Fehlverhalten wird bewertet. Schon wer bei Rot über die Straße geht, erscheint, für alle sichtbar, mit vollem Namen und Foto auf Displays oder Schautafeln. Dazu kommt ein Punkteabzug auf dem persönlichen Bonitätskonto. Der "Nachbar des Monats" hingegen wird mit Urkunde oder Wimpel geehrt. Beim Wettkampf um Punkte und Anerkennung tritt jeder gegen jeden an. Viele Chinesen empfinden die Überwachung sogar als beruhigend, sagt Kai Strittmatter: "Du hast es zu tun mit Bürgern, die aufgewachsen sind in einem System der Gedankenkontrolle und der Propaganda, tagein, tagaus. Es fehlt ihnen der freie Informationsfluss, sie wissen gar nicht, was passiert mit ihnen und es fehlt ihnen die Möglichkeit einer freien Debatte."

Überwachung wird weiter perfektioniert

Während das Sozialkreditsystem noch im Probelauf ist, wird die Überwachung weiter perfektioniert. Schon 2020 soll nach dem Willen der Partei auf zwei Chinesen eine Überwachungskamera kommen. Auch die Einteilung von Menschen in Vertrauenswürdige und Vertrauensbrecher werde schon praktiziert, schreibt Strittmatter in seinem detailreichen und klugen Buch "Die Neuerfindung der Diktatur". Vertrauenswürdige hätten die Chance auf einen günstigen Bankkredit, Vertrauensbrecher dürften zum Beispiel keine Flugtickets kaufen.

Entsteht ein digitaler Totalitarismus?

Kai Strittmatter fürchtet, dass Chinas Zukunft im digitalen Totalitarismus liegt: "Wenn wirklich jede Nische deines Lebens von Behörden, von Ämtern, aber auch von der Privatwirtschaft erfasst wird - dein Online-Verhalten auf Portalen, wie du kommentierst, dein Shoppingverhalten - wenn das alles zusammenfließt in einer Datenbank, dann sind wir im digitalen Totalitarismus angekommen." Die Verstellung werde den "Untertanen" unter diesen Bedingungen zur zweiten Natur, sagt Kai Strittmatter. Die überwachte Welt könne den Menschen keine Heimat mehr sein. Tatsächlich gebe es unter den Chinesen eine zunehmende Verunsicherung: "Der Satz, den ich am meisten gehört habe, ist: 'Ich fühle mich total unsicher.' Und das hörst du von allen - vom Ärmsten bis zum Reichsten", sagt Strittmatter. "Selbst der Reichste ist nicht sicher in China, vor nichts. Satz Nummer 2 lautet: 'Es gibt keine Moral in dieser Gesellschaft.' Weil bei diesem Ringen um Wachstum und Reichtum, um den Profit fast alle ethischen Maßstäbe verloren gingen. Das siehst du dieser Gesellschaft auch an. Und das führt zu Satz Nummer 3: 'Es gibt kein Vertrauen in dieser Gesellschaft mehr.' In gewisser Weise sind die Chinesen reich geworden, wohlhabend, zumindest in den Städten, und haben gleichzeitig den Kompass verloren."

Die Geschichte ist oft ein träger Strom, auf dem wir treiben, ohne überhaupt wahrzunehmen, dass er fließt. Im Moment ist das anders. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, Zeuge zu sein bei einem jener Momente, in denen das Schauspiel, das sich Geschichte nennt, fast physisch greifbar wird. Es geschieht etwas. Mit uns. Und mit China. Und beide Seiten sind nicht mehr voneinander zu trennen. Leseprobe

Folgen auch für den Westen

Strittmatters Buch macht deutlich, dass die chinesische Partei angetreten ist, den Bürger als Quelle für Daten zu nutzen, die aus der permanenten Überwachung von menschlichem Verhalten gewonnen wird. Der Mensch wird gleichsam zum Rohstoff der Wirtschaft. Doch was könnte diese Entwicklung für uns in Deutschland oder Europa bedeuten? Kai Strittmatter sieht es so: "Wir sind gerade ein wenig unter Beschuss und werden in die Zange genommen von unserer eigenen Mitte. Durch den Rechtspopulismus, durch Trump, durch Russland, aber eben auch durch China. Wir können nicht ausschließen, dass das, was die KP plant mit ihrem digitalen Update der Diktatur, sehr erfolgreich wird am Ende. Wenn das so sein sollte, dann haben wir ein großes Problem."

Nach der Lektüre von "Die Neuerfindung der Diktatur" mag man zuerst ungläubig nach China sehen, doch plötzlich wird beim Blick vor die eigene Haustür, ins Google-Land, deutlich: Alles ist möglich.

Die Neuerfindung der Diktatur

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05895-7
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 28.11.2018 | 00:00 Uhr

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