Stand: 19.02.2019 10:00 Uhr

Wenn sich die Gefühle wandeln

Die einzige Geschichte
von Julian Barnes, aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Vorgestellt von Jan Ehlert

Als der britische Autor Julian Barnes 2016 den Hamburger Siegfried-Lenz-Preis erhielt, ehrte ihn die Jury als einen der herausragenden europäischen Erzähler unserer Zeit. Tatsächlich zählt der Verfasser von "Der Lärm der Zeit" und "Vom Ende einer Geschichte" zu den erfolgreichsten britischen Schriftstellern und hat auch in Deutschland viele Fans. Nun erscheint sein neuer Roman: "Die einzige Geschichte".

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Auch in Julian Barnes' neuem Roman "Die einzige Geschichte" geht es um die Liebe.

Vermutlich ist über kaum etwas mehr gesagt und geschrieben worden als über die Liebe. "Wer lieben kann, ist glücklich" heißt es bei Hermann Hesse. "Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen, sondern das, was man bereit ist zu geben", wusste die Schauspielerin Katherine Hepburn. Und die Band Rosenstolz fasste es kurz und knapp zusammen: "Liebe ist alles". Weisheiten, die gut klingen. Aber beschreiben sie wirklich dieses große Gefühl, das wir Liebe nennen? Paul, der Protagonist in Julian Barnes' Roman, hat so seine Zweifel.

"Er führte schon seit Jahrzehnten ein kleines Notizbuch. Darin hielt er fest, was andere über die Liebe gesagt hatten. Große Romanciers, TV-Koryphäen, Selbsthilfegurus. […] Und alle paar Jahre ging er sie dann durch und strich alle Sprüche durch, die er nicht mehr für wahr hielt. Im Allgemeinen blieben nur zwei, drei vorläufige Wahrheiten übrig. Vorläufig, weil er die beim nächsten Mal womöglich auch durchstreichen und dann zwei, drei andere stehen lassen würde." Leseprobe

Erinnerungen an die große Liebe

Doch auch wenn er sie nicht fassen kann, sie lässt ihn nicht los, die Liebe. Die eine große Liebe, an die er sich sein Leben lang erinnert und von der er nun erzählt.

"Es gibt unzählige Ereignisse, aus denen wir unzählige Geschichten machen. Aber nur ein Ereignis ist von Bedeutung, nur eins ist letzten Endes erzählenswert. Hier ist meins." Leseprobe

Pauls große Liebe hieß Susan, eine verheiratete Frau, mehr als 20 Jahre älter als er. Zu Beginn ist es eine leidenschaftliche Affäre, bei der der junge Paul nicht an die Zukunft, sondern nur an die Befriedigung denkt. Diesen Teil erzählt Barnes aus der selbstbezogenen Ich-Perspektive. Später, als die Beziehung tiefer und damit auch schwieriger wird - Susan wird alkoholabhängig -, wechselt er zunächst in die zweite Person, lässt die Stimme der Vorwürfe zu Wort kommen. Am Ende schließlich, lange nach Susans Tod, blickt er in der dritten Person zurück. Melancholisch-distanziert, weiser vielleicht, aber immer noch voll Liebe.

"Inzwischen war das Ungetüm der ersten Person in ihm zur Ruhe gekommen. Es war, als betrachte - und lebe - er sein Leben in der dritten Person. Was ihm erlaubte, es richtiger zu beurteilen." Leseprobe

Ein eher philosophischer als witziger Roman

Julian Barnes hat selbst bereits einige andere wunderbar wahre Liebesromane geschrieben. Zum Beispiel "Als sie mich noch nicht kannte", ein erschütterndes Buch über die zerstörerische Kraft der Eifersucht. Oder "Lebensstufen", eine bewegende Liebeserklärung an seine verstorbene Frau.

In seinem neuen Roman geht es nun um "Liebesstufen". Darum, wie sich Gefühle verwandeln. Er hat weitaus weniger Witz, als man es bei Barnes kennt. Dafür ist er philosophischer. Umkreist das Thema Liebe von vielen unterschiedlichen Seiten, in dem Versuch, zu begreifen, wie sie unser Leben verändert.

Das ist sicher nicht "die einzige Geschichte", die man über die Liebe erzählen kann. Aber das macht sie nicht weniger wahr.

Die einzige Geschichte

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05154-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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