Jennifer Saint: "Ich, Ariadne" © List bei Ullstein

"Ich, Ariadne" - eine Emanzipationsgeschichte aus der Antike

Stand: 29.11.2021 13:01 Uhr

Wer in Jennifer Saints Buch "Ich, Ariadne" eintaucht, gerät in ein Labyrinth. Eine abgründige Welt an der Schwelle zum Totenreich, zwischen Blutrausch und Liebesidyll, Götterzorn und Heldentum.

von Peter Helling

Ich bin Ariadne, Prinzessin von Kreta, obwohl meine eigene Geschichte mich weit von der felsigen Küste meiner Heimat fortführen wird. Leseprobe

In einer grauen Vorzeit lebt Ariadne als Tochter des grausamen Königs von Kreta und Schwester des Minotaurus, eines Monsters, halb Mensch, halb Stier. Das haust tief in einem Labyrinth und fordert alljährlich ein blutiges Opfer.

Aber heute schaute ich hin. Vielleicht lag es an dem Wissen, dass es die letzte Opferung sein würde, die ich auf Kreta erleben würde. Leseprobe

14 unschuldige Jugendliche sollen sterben, Theseus ist einer von ihnen, Prinz von Athen. Mithilfe des sprichwörtlichen Ariadne-Fadens kann er das Ungeheuer töten, seine Mit-Geiseln aus dem tödlichen Labyrinth befreien und mit Gold und Silber türmen. Ariadne soll seine Braut werden, aber dann kommt alles anders.

Sagengeschichte zwischen Mythos und Kitsch

Wer hier psychologisch-ausgearbeitete Charaktere mit fein ziselierten seelischen Brüchen erwartet, wird enttäuscht. Zunächst leistet sich Jennifer Saint in "Ich, Ariadne" eine grob geschnitzte Handlung mit muskulösen Helden und schmachtenden Prinzessinnen. Die Götter müssen verrückt sein.

Dann küsste er mich, und es war, als würde ein Blitz den Himmel zerreißen und die Erde und alles, was sich darauf befand, erzittern lassen. Und als er sich von mir löste, mein Gesicht in beide Hände nahm und mich mit eindringlichem Blick ansah, wurde die Welt wieder still. Leseprobe

Das liest sich seitenweise wie ein Sandalenfilm. Hier wird der alte Mythos mit viel Brimborium wiederbelebt, bereichert um einige grelle Gefühlsregungen und blutige Keulenhiebe. Wie im Vorbeiflug stürzt der berühmte Ikarus vom Himmel und dass die Sonne, also Gott Helios, höchstpersönlich Ariadnes Großvater ist? Muss man einfach schlucken. Mythos halt.

"Ich, Ariadne": Klassische Sage als Emanzipationsgeschichte

Theseus mit den grünen Augen setzt Ariadne auf der Insel Naxos aus und segelt davon. Hier beginnt die eigentliche Geschichte. Die Geschichte einer Emanzipation. Von Geschlechterrollen, aber auch vom Mythos selbst. Der Prinz heiratet Ariadnes jüngere Schwester Phädra, aber es ist eine Ehe ohne Liebe. Ariadne dagegen wird die Ehefrau eines waschechten Gottes mit blonden Locken, Dionysos nämlich.

Er schuf auf Naxos ein Paradies für uns; eine blühende, glückliche Gemeinschaft außerhalb der Gesetze und Begrenzungen der Welt, die wir hinter uns gelassen hatten. Leseprobe

Klingt nach purem Hippie-Glück. Bald werden Kinder geboren, der milde Dionysos zeigt aber nachts sein zweites, grausames Gesicht. Leg' dich mit keinem Gott an, will uns Jennifer Saint sagen, wer würde ihr widersprechen?

Jennifer Saint interpretiert den Mythos neu

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive, mal aus Sicht Ariadnes, mal aus Sicht Phädras. Zwei Schwestern, zwei Versuche, aggressive Männerdominanz, ob irdisch oder göttlich, zu überwinden. Jennifer Saint will den Mythos neu erfinden: als Erzählung kluger, selbstbewusster Weiblichkeit.

Der Preis, den wir für den Rachedurst, die Lust und die Gier arroganter Männer bezahlten, war die Quelle unseres Schmerzes, blank, scharf und glänzend wie eine Messerklinge. Leseprobe

Selbst wenn Jennifer Saints Figuren holzschnittartig wirken, kann sie spannende Szenen entwerfen, dunkle Gänge graben, Cliffhanger bauen, Rausch und Panik zeigen, vor allem: Der Verrat lauert hier überall. Der Autorin gelingt es, die Welt der Sagen in eine Wirklichkeit zu überführen, die nichts krampfhaft Modernes hat. Irgendwann ist man im Labyrinth und kann nicht aufhören zu lesen.

Ich, Ariadne

von Jennifer Saint, aus dem Englischen von Simone Jakob
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
List
Bestellnummer:
978-3471360255
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.11.2021 | 12:40 Uhr

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