Stand: 28.07.2020 17:00 Uhr  - NDR Kultur

"Doppelte Spur": Ilija Trojanow in der Welt der Leaks

Doppelte Spur
von Ilija Trojanow
Vorgestellt von Stefan Maelck

Digitalisierung, Überwachung, Freiheit, Wahrheit, Abbau bürgerlicher Rechte  - das sind die großen Themen des Weltensammlers und Weltenbummlers Ilija Trojanow. Der Schriftsteller hat einige mit Preisen überhäufte Romane vorgelegt, versucht sich aber auch immer mal wieder an Sachbüchern - wie gemeinsam mit Juli Zeh in "Angriff auf die Freiheit". In seinem neuesten Roman "Doppelte Spur" geht es erneut um diese großen Themen.

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Ilija Trojanow taucht ein in die große Welt der Leaks über globale dunkle Machenschaften.

Gerade schlägt der Fall um den pädophilen Multimilliardär Jeffrey Epstein wieder Wellen, weil man seine mutmaßliche Gehilfin Ghislaine Maxwell in ein New Yorker Gefängnis verlegt hat, wo man tunlichst darauf achtet, dass sie sich nicht in einem unbeobachteten Moment das Leben nimmt, wie Epstein vor einem Jahr. Epstein heißt Wasserstein im neuen Trojanow und ist neben Vladimir Putin und Donald Trump einer der unzähligen amerikanischen Millionäre und russischen Oligarchen, die so viel Dreck am Stecken haben, dass es zum Himmel stinkt.

Das zumindest behauptet ein weiblicher Whistleblower namens "DeepFBI". Sie spielt einem investigativen Journalisten ein paar Dokumente zu, die die Welt zu einer anderen machen würden, wenn sie ans Licht der Öffentlichkeit kämen und beweisbar wären. Wenig später kommt ein ähnliches Angebot eines russischen Whistleblowers.

Die englischsprachige E-Mail versprach Belege über Machenschaften, die ich in meinen Artikeln schon wiederholt zur Sprache gebracht hatte, Machenschaften, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: Die Mafia ist nicht Teil des Staates, der Staat ist Teil der Mafia. Die russische E-Mail versprach mir Informationen über Verflechtungen zwischen der amerikanischen Regierung und ausländischen Interessen. Die Nachricht endete mit dem Satz: "Bislang haben Sie spekuliert; wir wollen Ihnen helfen, Klarheit zu finden." Ein gewichtiges "wir", ein gewaltiger Anspruch. Ein Geheimdienstler, der Klarheit verspricht, das war so absurd, meine Neugier war angestachelt. Zitat aus "Doppelte Spur"

Wahrheit ist das Thema von Ilija Trojanow

Was steckt dahinter, fragt sich der Journalist und Ich-Erzähler, der den Namen Ilija Trojanow und biografische Züge des Autors trägt und doch fiktionalisiert ist. Verkaufsstrategie, Betrugsversuch, Marketingaktion oder Falle? Natürlich steigt unser Mann darauf ein. Wahrheit - das ist genau das Thema des doppelten Trojanow. Es gibt eine Bedingung: kein Kontakt vorab mit irgendwelchen Medien. Trojanow soll das Material sichten und dann als Buch veröffentlichen. Das ist der Deal.

Die Nacht hindurch las ich in meinem Hotelzimmer Dokument um Dokument. Mein erster Verdacht bestätigte sich. Diese Unterlagen waren eine Fundgrube unverbundener Einzelheiten, eine Anhäufung disparater Details. Ich würde die verstreuten Punkte miteinander verbinden müssen, denn ohne plausible Erzählung hinterlassen Enthüllungen nackte Unverständlichkeit. Leseprobe

Trojanow macht sich an die Arbeit. Er reist von Hongkong nach Wien und bekommt ein ominöses Paket. Dokumente aus dem letzten Jahrhundert, die in die Epoche vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion führen.

Bemerkenswert waren die zunehmend klarer werdenden Unterschiede zwischen den beiden Leaks. Die russischen Dokumente führten mich an der Nase herum, die amerikanischen forderten meinen Spürsinn heraus. Systematisch einerseits, kaleidoskopisch andererseits. Die russischen Dokumente waren fein säuberlich geordnet, ein narratives Verkehrsleitsystem. Die amerikanischen waren here, there & everywhere. Das russische Leak schien eher das Werk einer Gruppe zu sein, das amerikanische ein individueller Akt. Aber sie ergänzten sich, Mal ums Mal. Leseprobe

Erzähler und Leser verlieren den Überblick

Selbst die Leaks sind historisch tradiert kollektiv oder individuell. Was für ein Einstieg: Man liest fieberhaft zusammen mit Trojanow in den geleakten Dokumenten, die bald ein solches Eigenleben bekommen, dass beide den Überblick verlieren - der Erzähler und der Leser.

Namen über Namen, Kurzbiografien, Eigentums- und Besitzaneignungsverhältnisse, Fußnoten. Alle erwähnten Personen besitzen Wohnungen im Trump Tower. Die Zusammenhänge zwischen KGB und FBI, zwischen Zerfall des Sowjetreichs und Oligarchie heute - Piratisierung, von Vertretern der Weltbank und des IWF entworfen, gebilligt und finanziert. Die späte Rache dafür dann Donald Trump, der hier Schiefer Turm heißt. Trojanow braucht dringend einen Gehilfen, damit er neben dem Überblick nicht auch den Leser verliert. Dieser Gehilfe wird Boris.

Boris hat die Materialien anders gesichtet als ich. Er hat sich auf die wirtschaftlichen Verflechtungen konzentriert. "Auffällig, wie viele Mafiosi und Bankiers, Oligarchen und Anwälte, Steuerberater und Lobbyisten auftauchen, selten Politiker, noch seltener Agenten. Und wenn, dann nur ehemalige Agenten." "Was sagt uns das?" "Ein Leak mit angezogener Handbremse. Kaum Informationen über die eigenen Sicherheitsdienste." "Selektive Kloake." Boris lachte. "Selektive Kloake! Das ist gut. Ich dachte, Deutsche haben keinen Sinn für Humor." "Ich bin kein Deutscher." Aus

"Doppelte Spur" wäre ein wundervoller Roman geworden

Wer es bis Seite 100 geschafft hat, wird belohnt. Langsam befreit sich Trojanows Trojanow aus den Daten-Paketen, und der Text wird langsam wirklich zum Roman. Trojanow kann schreiben, er überrascht immer wieder mit wunderbaren Bildern wie dem "Gutzweckmensch, wie er im Scheckbuch steht". Er interagiert mit Boris, der seine Nachrichten mit "4B" unterzeichnet: Boris aus Brooklyn, Brighton Beach. Man bekommt eine Ahnung davon, was für ein wunderbarer Roman "Doppelte Spur" geworden wäre, wenn Trojanow es bei der Hälfte der Dokumente zugunsten von mehr Handlung belassen hätte.

Die große Frage, die sich der doppelte Trojanow bis zum Ende stellt, nämlich ob die Leaks nun echt sind oder Fake, wird im Text zu einem Zeitpunkt beantwortet, als das dem Leser bereits egal ist: "Früher drehten sich die Gedanken im Kreis, heute erschöpfen sie sich in Copy-and-Paste" schreibt Trojanow. Wie recht er hat.

Doppelte Spur

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Veröffentlichungsdatum:
29.07.2020
Bestellnummer:
978-3-10-390005-7
Preis:
22,00 €

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