Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew" © Hanser Berlin

Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"

Stand: 01.02.2021 12:58 Uhr

In Alter von acht Jahren ist der 1986 in Kiew in der Ukraine geborene Schriftsteller Dmitrij Kapitelman mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen.

von Annemarie Stoltenberg

Er hat in Leipzig Politikwissenschaften und Soziologie studiert, die Journalistenschule in München besucht und arbeitet als freier Journalist. Musiker ist er auch, unter dem Künstlernamen Dheema veröffentlichte er Songs, die er "Querulantenkram" nannte. In seinem ersten Roman "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" hat er eine Reise mit dem Vater nach Israel beschrieben. In seinem neuen Buch erzählt er von einer Reise in die Ukraine: "Eine Formalie in Kiew".

Dmitrij Kapitelman ist das, was man im Journalismus gern eine "Edelfeder" nennt. Mühelos tanzt er mit der Sprache durch verschiedene Genres. In sein neues Buch steigt er satirisch ein, nimmt die Bürokratie zweier Länder auf die Schippe, Deutschland und Ukraine. Dann wechselt der Text in einer Art Kreuzblende zur tief erschütternden Begegnung mit einem kriegsversehrten Land und seinen Menschen, kehrt zwischendurch zu konfliktbeladenen Auseinandersetzungen mit der Mutter und ihren Versäumnissen nach Deutschland zurück.

Besuch bei dem schwerkranken Vater

Er unterscheidet die Damals-Mama seiner Kindheit und die Heute-Mama mit viel zu vielen Katzen, teilt Damals-Papa und Heute-Papa und endet schließlich in einer weich melancholischen Liebeserklärung an beide: Für-immer-Mama und Für-immer-Papa. Solche Passagen, wie sie Kapitelman gelingen, kann kaum ein Gegenwartsautor in dieser heiteren Anmut und Zärtlichkeit unserer Sprache entlocken. Er beschreibt einen Besuch beim inzwischen schwerkranken Vater, der ihn mit allerhand Köstlichkeiten beschenken möchte:

Doch ich schimpfe, dass er sich zu wenig bewegt, seine Übungen nicht macht, unzusammenhängend redet, sich nicht genug ans Leben, nicht mit aller Kraft an uns klammert. Ja, ich schleudere sogar Sachen umher und trete entnervt gegen das Fach mit dem Messer für die Melonen. Er steht da, verschrumpelt und still, nur in Jogginghose, ganz dünn gewordene Ärmchen, rot umkrustete, unsicher flackernde und sich doch ihrer Sache gewisse Augen.
Trotz seiner Verfassung bittet mich Für-immer Papa, neue Heldengeschichten davon zu erzählen, wie ich in Deutschland prosperiere - meinem Deutschland. Die hört er am liebsten. Für-immer-Papa sagt, dass er mich liebt und stolz auf mich ist. Fast hinterherrufen muss er es mir, als ich zur schweren Holztür am Eingang des Grundstücks meiner Eltern haste. Absolut nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten. Leseprobe

Bestechungsgelder im Behördensumpf

Denn darum ging es bei seiner Reise in die Ukraine. Der Ich-Erzähler möchte nach 25 Jahren in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, um sich freier in der Welt bewegen zu können, ohne überall ein Visum beantragen zu müssen. Die Sachbearbeiterin in der deutschen Behörde sagt ihm, dass er dazu eine Apostille braucht.

Das ist die Geburtsurkunde mit einer Bescheinigung einer höheren Behörde, dass diese Geburtsurkunde echt ist. Das wird mit Siegel und richtigem Garn tatsächlich vernäht und ist nur in seiner Geburtsstadt Kiew zu bekommen. Also muss er dorthin, sich durch den Dschungel von Bestechungs- und Behördensumpf kämpfen, mit seiner Heimat beschäftigen, mit dem Verlust, mit Sehnsucht und Erschrecken. Er trifft einen Kinderfreund wieder, isst Berge von Pelmeni und sauren Gurken, trinkt Wodka und besichtigt dieses Land:

Die Ukraine ist schon ein unglückseliges Land, jetzt wird sie auch noch in ihre Einzelteile zerrissen.  Leseprobe

Er könnte noch ein letztes Stück Kiewer Torte speisen und nach Deutschland zurückfliegen. Doch dann ist da noch etwas zu erledigen. Man begleitet diesen Helden und lässt sich verzaubern von einem schier unverwüstlich wirkenden Glauben an Menschlichkeit.

Eine Formalie in Kiew

von Dmitrij Kapitelman
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26937-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.02.2021 | 12:40 Uhr

Simon Annand: "Time to Act " © Prestel Verlag Foto: Simon Annand
4 Min

Simon Annands Theater-Fotos: "Time to Act"

Der Bildband des Theaterfotografen Simon Annand zeigt Bilder von großen Mimen hinter den Kulissen des Theaterbetriebes. 4 Min

Hans Pleschinski: "Am Götterbaum" (Cover) © C.H. Beck Verlag
5 Min

Hans Pleschinski: "Am Götterbaum"

Hans Pleschinskis neuer Roman "Am Götterbaum" ist dem wenig bekannten Literaturnobelpreisträger Paul Heyse gewidmet. 5 Min

Mirko Bonné: "Seeland Schneeland" © Schöffling & Co.
5 Min

Mirko Bonné: "Seeland Schneeland"

Mirko Bonné erzählt in seinem neuen Roman "Seeland Schneeland" von einer schwierigen Liebe auf einem Auswandererschiff. 5 Min

Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew" © Hanser Berlin
5 Min

Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"

Der Ich-Erzähler möchte nach 25 Jahren in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen und kämpft mit den Behörden. 5 Min

Franzobel: "Die Eroberung Amerikas" © Zsolnay bei Hanser
4 Min

Franzobel: "Die Eroberung Amerikas"

In "Die Eroberung Amerikas" geht es um eine jahrelange Expedition durch das heutige Florida, angeführt von Hernando de Soto. 4 Min

Mehr Kultur

Frank Schätzing lächelt in die Kamera © picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt

Schätzings neuer Roman: "Was, wenn wir einfach die Welt retten?"

Am 22. April ist World Earth Day. Jeder kann etwas für den Umweltschutz tun, schreibt Frank Schätzing in seinem neuesten Buch. mehr