Cover Jonathan Franzen, Crossroads © Rowohlt Verlag

"Crossroads": Grandioser Familienroman von Jonathan Franzen

Stand: 13.10.2021 12:08 Uhr

Jonathan Franzens neuer Roman "Crossroads" ist der Auftakt zu einer Trilogie. Ein Familienroman über mehrere Generationen einer Pastorenfamilie in einem fiktiven Vorort von Chicago.

Cover Jonathan Franzen, Crossroads © Rowohlt Verlag
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von Tobias Wenzel

Wie in Thomas Manns "Buddenbrooks" verfolgt Jonathan Franzen in "Crossroads" über mehrere Generationen die Beziehungen von Familienmitgliedern. "Dieser Roman ist behutsamer, als alle meine anderen Bücher", sagt der Autor. Über seine Figuren macht sich Franzen in "Crossroads" nicht lustig. Die Familienmitglieder möchten gute Menschen sein und korrigieren sich selbst, sobald etwas politisch Unkorrektes ausgesprochen wird. Solch ein Roman muss einfach todlangweilig sein, vermutet man. Doch dann verschlingt man die mehr als 800 Seiten und ist fasziniert von Franzens Erzählkunst, so konventionell realistisch sie auch sein mag, und ist berührt von dieser Geschichte.

Im Schaffell-Mantel gegen die Midlife-Crisis

Russ Hildebrandt, Pastor einer protestantischen Gemeinde, hat den Draht zu den Jugendlichen verloren und muss mit ansehen, wie der Leiter der Gemeinde-Jugendgruppe "Crossroads" mit seiner Gruppentherapie begeistert. Das verstärkt nur noch die Midlife-Crisis von Russ. Er verliebt sich in eine zehn Jahre jüngere Frau, die rassistische Vorurteile hat. Mit Blues will Russ ihr die schwarze Musik und Kultur - und natürlich auch sich selber näherbringen:

In gespannter Voraussicht hatte er seine endgültige Auswahl von Blues-Platten und einen schmuddeligen alten Mantel aus dem Haus und in sein Kirchenbüro geschmuggelt, so ein Schafsfellding aus Arizona, das ihm, wie er hoffte, einen gewissen Schneid verleihen würde. In Arizona hatte er Schneid besessen und ob das nun fair war oder nicht - er glaubte, dass es seine Ehe war, die ihm den Schneid genommen hatte. Leseprobe

"Crossroads" konfrontiert die Leserschaft mit moralischen Fragen

Im Roman "Crossroads", den Bettina Abarbanell sehr schön übersetzt hat, wimmelt es nur so von moralischen Fragen, mit denen die Hildebrandts und somit auch die Leser konfrontiert werden. Ist es verwerflich, wenn Clem sein Studium abbricht, um den Militärdienst anzutreten und möglicherweise nach Vietnam geschickt zu werden, obwohl er damit seine pazifistische Familie vor den Kopf stößt? Und kann sein Vater, der Pastor, der sich für die Rechte von Afroamerikanern stark macht und sich dem indigenen Volksstamm der Navajos verbunden fühlt, noch ein guter Mensch sein, wenn er seine ohnehin schon traumatisierte Frau betrügt?

"Als Romanautor ist es nicht wirklich meine Aufgabe, das zu entscheiden. Moralische Mehrdeutigkeit ist eine der Säulen der Literatur. Das ist die Art von Literatur, die ich gerne lese und die ich selber schreiben möchte: Über komplexe Menschen, die sich in einem System der Moral grundsätzlich nicht eindeutig verorten lassen", bekennt Franzen.

Jonathan Franzen beschreibt die USA als ein gespaltenes Land

Das Wort "Crossroads", "Scheideweg", ist auch eine Metapher für die Lebenssituationen der Familienmitglieder. Natürlich fragt man sich bei diesem Titel und bei der Schilderung von Rassismus im Roman automatisch, ob die heutigen USA im Kampf gegen Rassismus auch am Scheideweg stehen.

"Es ist eher ein Kampf oder eine Schlacht als ein Scheideweg", meint der Autor. "Denn ein Scheideweg würde bedeuten, dass wir zusammen als Land vorankommen und uns nur fragen: 'Gehen wir jetzt da oder dort lang?' Das ist aber nicht der Fall. Wir sind ein sehr gespaltenes Land." Jonathan Franzen ist mit "Crossroads" ein grandioser Familienroman über Moral, Religion und Vergebung gelungen.

Crossroads

von Jonathan Franzen, aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Seitenzahl:
832 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-02008-8
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.10.2021 | 12:40 Uhr

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