Stand: 03.04.2019 18:36 Uhr

Zoey Klatt erinnert an Helene Lange

von Juliane Bergmann

Jeden Tag nimmt Zoey Klatt diese Treppenstufen. Jeden Tag geht die 17-Jährige vorbei am Konterfei der Namensgeberin ihres Gymnasiums - Helene Lange, ihr Gesicht geformt aus weißem Stein, ihr Blick fest. Zoey geht in die 12. Klasse, gerade macht sie ihr Abitur. Ihr Profil: Geschichte. Kein Wunder also, dass sie sich irgendwann fragte: Wer war diese Frau, der die Schule im Foyer ein Denkmal gesetzt hat?

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Jeden Schultag kommt Zoey Klatt am Konterfei von Helene Lange, der Namensgeberin ihres Gymnasiums, vorbei.

"Im Unterricht hatten wir gar nichts über sie gemacht", erzählt Zoey Klatt. Als sie dann in der Oberstufe nach einem Thema für eine Facharbeit suchte, fiel ihre Entscheidung auf Helene Lange: "Ich habe mich für sie entschieden, weil ich mich für Frauenrechte interessiere. Und weil ich den Namen jeden Tag lese, aber nicht wusste, was sie eigentlich getan hat."

Kampf um Teilhabe

Bildung ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben - davon ist Helene Lange überzeugt, als Pädagogin, Frauenrechtlerin und Politikerin. 1919 ist sie Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Zeitlebens kämpft sie dafür, dass Frauen endlich teilhaben dürfen an gesellschaftlichen Entscheidungen und an hochwertiger Bildung. Von ihrer Jugend an lässt sie die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen nicht los, schreibt sie in ihren autobiografischen "Lebenserinnerungen":

"Dass es sich in der Tat um die Bewohner zweier Welten handelte, war mir schon ziemlich früh klar geworden. Ich wusste, ich würde meinen Weg durchs Leben zu machen haben. An den Quellen zu schöpfen, die auch dem Dümmsten, nur durch Einpauken durch die Reifeprüfung geschobenen Manne offen standen, war mir verwehrt. Vielleicht war diese Stunde die Geburtsstunde der 'Frauenrechtlerin'." Helene Lange, "Lebenserinnerungen"

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Die Frauenrechtlerin Helene Lange (1848-1930).

Ende des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, in der Frauen grundsätzlich von intellektuellen Diskursen ausgeschlossen wurden und eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung mit Reifeprüfung Jungen vorbehalten war, wird Helene Lange Lehrerin - damals ein Novum. Sie schließt sich den Pionierinnen der Berliner Frauenbewegung an, organisiert sich mit Gleichgesinnten und setzt sich öffentlich für die Verbesserung der Mädchenausbildung ein.

Helene Langes Abitur-Pionierinnen

Auf ihre Initiative hin können 1896 erstmals sechs Schülerinnen in Berlin die Reifeprüfung machen. Außerdem führt Helene Lange mit ihrer Zeitschrift "Die Frau" die theoretischen Diskussionen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung ihrer Zeit an. Zoey Klatt: "Sie wusste ganz genau, was sie wollte, und hat sich dafür auch eingesetzt. Ich glaube, dass ich ohne sie jetzt nicht auf einem Gymnasium wäre und auch später nicht studieren könnte, weil mir diese Chancen gar nicht gegeben wären."

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Auch Zoey Klatt will sich für Frauen stark machen. Sie hat vor, Soziologie zu studieren. In der Hamburger Frauenbibliothek hat sie ein Praktikum gemacht. Ausleihen kann man dort Romane von Autorinnen, Biografien wichtiger historischer Frauen, Sachbücher zu Themen wie Geschlechterrollen, Genderfragen, Sexualität. Für Zoey Klatt ist das wichtiger Input, erzählt sie: "Man braucht Personen, in denen man Dinge von sich selbst wiedererkennen kann. Und das ist einfach für viele Mädchen nicht gegeben. Wenn nur die Geschichte von Männern behandelt wird, kommt man eventuell gar nicht auf die Idee, dass man als Frau auch etwas verändern kann."

Perspektiven für Mädchen

Jeden Tag geht Zoey Klatt an der Helene-Lange-Skulptur in ihrer Schule vorbei. Seit sie deren Lebensgeschichte kennt, ist das Gefühl dabei anders: Perspektiven für Mädchen, also: einen Schulabschluss machen, studieren, einen Beruf ergreifen - vor 100 Jahren war das alles nicht selbstverständlich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 09.04.2019 | 09:20 Uhr

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