Protestierende Menschen auf der Straße © picture alliance/AA Foto: John Rudoff

US-Wahlkrimi im Endspurt: "Die Demokratie hat gewonnen"

Stand: 06.11.2020 16:54 Uhr

Das finale Ergebnis der US-Präsidenten-Wahl lässt noch immer auf sich warten - aber Biden ist klar auf der Überholspur. ARD-Korrespondent Sebastian Hesse beobachtet die Wahlen in Washington.

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Herr Hesse, in Georgia muss neu ausgezählt werden - wann bekommen wir endlich Gewissheit?

Sebastian Hesse: Wenn Georgia tatsächlich dem Druck nachgibt, dass noch einmal nachgezählt wird, dann zieht sich das weiter in die Länge. Aber Pennsylvania ist im Grunde viel wichtiger, denn da sind mehr Wahlmänner zu holen. Wenn Biden Pennsylvania knackt - und im Moment sieht das so aus -, dann hat er auch die Präsidentschaft gewonnen.

Aus Trumps Wahlkampfteam heißt es - entgegen aller offiziellen Zahlen -, man glaube an dessen Sieg. Der Präsident geriert sich ohnehin als Sieger, der um seinen Triumph betrogen werden soll. Was ist das für eine Strategie?

Sebastian Hesse © mdr/Karsten Möbius
ARD-Korrespondent Sebastian Hesse

Hesse: Das ist eine merkwürdige Strategie, weil er in denjenigen Staaten, wo er hinten liegt, weiterzählen lassen will in der Hoffnung, dass da noch mehr Stimmen für ihn auftauchen mögen. In allen anderen Staaten aber, wo Biden vorne ist, will er den Auszählprozess stoppen lassen. Das ist eine Logik, die wenige nachvollziehen können. Auch in seiner Partei steigt die Verwunderung über diese Strategie, vor allen Dingen auch, weil er die Behauptung aufgestellt hat, dass es in diesem Jahr massenhaften systematischen Wahlbetrug gegeben habe, dafür aber bislang keinerlei Beweise auf den Tisch gelegt hat. Auch alle Wahlbeobachter, die nicht parteipolitisch gebunden sind, haben das nicht bestätigt. Der Druck wächst, auch aus seinem eigenen Lager, aber auch von den Trump-freundlichen Medien, dass endlich Beweise auf den Tisch kommen.

Die gestrige Pressekonferenz von Trump wurde nach und nach von diversen Medien ununterbrochen, seine Behauptungen einem Faktencheck unterzogen. Selbst Trumps inoffizieller Haussender Fox News scheint nicht mehr vorbehaltlos hinter ihm zu stehen. Was passiert da gerade medial in den USA?

Hesse: Dieses Sich-Ausklinken aus der Pressekonferenz ist das Pendant zu den Tweets von Trump, die von Twitter gesperrt werden, in denen er auch immer wieder diese Verschwörungstheorien wiederholt. Dass es einen Effekt hat, was er sagt, erleben wir gerade bei der Briefwahl, wo ihm seine eigene Strategie auf die Füße fällt. Trump hat über viele Monate hinweg seine Anhänger vor der Briefwahl gewarnt, hat gesagt, dass das ungenau sei und man lieber in die Wahllokale gehen solle. Das haben dann auch alle gemacht. Bei den Briefwahlunterlagen, die jetzt noch ausgezählt werden, erklärt sich dieser deutliche Trend zu Biden dadurch, dass demokratische Wähler keine Scheu vor der Briefwahl hatten, republikanische Wähler dagegen schon. Es ist eine bittere Ironie für Trump, dass er jetzt Opfer seiner eigenen Strategie wird.

Wie beurteilen Sie den Umgang der deutschen und der internationalen Medien mit den US-Wahlen?

Hesse: Es ist ja völlig klar, dass die nicht neutral auf diese Wahl geguckt haben, sondern dass alle gehofft haben, dass Joe Biden das Rennen macht. Man kann davon ausgehen, dass der Umgangston im transatlantischen Verhältnis - gerade zwischen Deutschland und den USA - wieder besser wird. Ob es einen radikalen Politikwechsel gibt, bin ich mir nicht ganz sicher, aber ganz sicher wird das Miteinander wieder angenehmer. Es gibt einige Politikfelder, auf denen dann auch mehr Kooperation wieder möglich sein wird, allen voran beim Kampf gegen den Klimawandel.

Joe Biden übt sich noch in vornehmer Zurückhaltung, wirkt fast wie eine Randfigur, obwohl er - so, wie es derzeit aussieht - in Kürze als zukünftiger Präsident der USA zu den mächtigsten Figuren der Welt gehören dürfte. Wie erleben Sie ihn gerade?

Hesse: Seine Strategie scheint aufzugehen, obwohl es lange Zeit Zweifel gab, ob das funktioniert. Es war ja ein totaler Kontrast, wie die beiden auf Stimmenfang gegangen sind. Trump war unglaublich präsent, war am Tag drei-, viermal bei irgendwelchen Wahlkampfauftritten überall im Land. Und das, obwohl er gerade die Covid-Erkrankung hinter sich gebracht hatte. Dieses Ausmaß an Energie war bewundernswert.

Biden hat genau das Gegenteil gemacht. Er hat den Wahlkampf quasi aus seinem Hobbykeller heraus gesteuert und sehr stark auf soziale Medien gesetzt. Man wurde geradezu bombardiert mit Tweets, mit Mails und allen möglichen anderen Kommunikationsformen elektronischer Art aus dem Biden-Lager. Da habe ich mich zwischenzeitlich gefragt, ob das wirklich eine Alternative sein kann zum Präsenzwahlkampf. Aber offensichtlich war es das.

Wenn Biden tatsächlich an die Macht kommen sollte, wird er einen guten Job machen?

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Hesse: Er wird einen interessanten Job machen, weil erst mal bei einigen Politikfeldern abzuwarten ist, ob es da Kurskorrekturen gibt. Werden die Vereinigten Staaten am Höhepunkt einer Pandemie, die längst nicht vorbei ist, wieder in die Weltgesundheitsorganisation eintreten? In welchem Ausmaß werden sie versuchen, China verantwortlich zu machen? Beim Klimawandel wird es spannend, wie sich die USA neupositionieren werden, sowohl im Land als auch in der Bereitschaft, international zu kooperieren. Es gibt also eine lange Liste von Politikfeldern, wo es interessant wird, was da passiert.

Personell ist die spannende Frage, wie der Übergang von Biden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit keine zweite Amtszeit ansteuern wird, hin zu Kamala Harris ablaufen wird. Wird Kamala Harris früher präsent sein als Vizepräsidenten es normalerweise sind? Denn die demokratische Strategie ist, sie als die Kandidatin für die nächste Wahl aufzubauen.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die von mancher Seite befürchtet worden waren, bleiben bislang aus. Als wie gefährlich beurteilen Sie die derzeitige Situation?

Hesse: Die bürgerkriegsähnlichen Zustände habe ich immer für übertrieben gehalten. Aber klar ist, dass, wenn die Wahl an Biden geht, die Argumentation von Trump bei seinen Anhängern ziehen wird. Es ist ja faktisch so, dass Trump von über sechs Millionen Menschen mehr gewählt wurde als 2016. Er hat also zulegen können, hat aber wahrscheinlich verloren, weil es Biden effektiver geschafft hat, seine Wählerbasis zu mobilisieren und auch all diejenigen an die Wahlurne zu bekommen, die Hillary Clinton vor vier Jahren nicht wählen wollten. Aber das empfinden die Anhänger von Trump nicht unbedingt als Niederlage, und sie glauben auch die wildesten und krudesten Verschwörungstheorien. Wenn Trump sagt, bei der Wahl ist es nicht mit rechten Dingen zugegangen, dann glauben sie erst einmal Trump bis zum Beweis des Gegenteils. Es wird also bei dieser Sympathiewelle für ihn aus dem eigenen Lager bleiben, und entsprechend wird es dann auch einen gewissen Rückenwind für das vermutliche juristische Nachspiel geben.

Wenn Sie die gesamte Gemengelage betrachten, sind die Entwicklung in Ihren Augen ein gutes Zeichen für Amerikas Demokratie oder ein Hinweis auf deren Straucheln?

Hesse: Ich finde, dass die Demokratie hier gewonnen hat. Eine Rekordzahl von Menschen ist an die Wahlurne gegangen. Das war schon bei den Vorwahlen so und erst recht unter Covid-Bedingungen. Die Menschen haben von ihrem demokratischen Grundrecht Gebrauch gemacht und hier eine Entscheidung getroffen. Ich glaube nicht, dass die Politik Trumps abgewählt wurde - dann wäre auch der Senat zu Ungunsten der Republikaner gekippt. Seine Person ist abgewählt worden, und das ist ein sehr mündiges politisches Signal, das die amerikanischen Wähler da nicht zuletzt auch in die Welt geschickt haben.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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NDR Kultur | Journal | 06.11.2020 | 18:00 Uhr