Sitzplatz-Nummerierung © NDR Foto: Helge Krückeberg

Theater- und Konzerthäuser öffnen - kommen die Zuschauer?

Stand: 29.06.2021 12:00 Uhr

Fast ein halbes Jahr lang war es still auf den Bühnen in Norddeutschland. Seit gut zwei Monaten läuft der Spielbetrieb in den Theater- und Konzerthäusern nach und nach wieder an. Zwar noch vorsichtig, mit verringerten Platz-Kontingenten und den üblichen Abstands- und Hygieneregelungen. Doch werden die Angebote im Norden auch wahrgenommen?

von Anina Pommerenke

In Schleswig-Holstein konnte das Theater Kiel dank des Modellversuchs Kultur bereits ab dem 20. April wieder Besucherinnen und Besucher empfangen. Nach erstem Zögern waren die Vorstellungen im Mai gut besucht, berichtet Pressesprecherin Ulrike Eberle. Gerade die Eigenproduktionen im Schauspielhaus seien allesamt ausverkauft gewesen. Im Juni zeige sich nun ein anderes Bild: "Das ist eigentlich nicht anders, als in anderen Spielzeiten. Da gehen die Leute bei gutem Wetter auch lieber abends zum Grillen oder in den Park", erklärt Eberle.

Draußen ist mehr möglich als drinnen

Weiße Plastikstühle stehen mit klarem Abstand in einem Park, im Vordergrund sieht man ein Absperrband. © photocase.de Foto: streifenkaro
Auch draußen müssen nach wie vor Abstandsregeln eingehalten werden.

Richtig gut sehe es hingehen beim Sommertheater aus. Auf der Open-Air-Bühne auf dem weitläufigen MFG-5-Gelände in Kiel Holtenau wird im August "Kabale und Liebe" gezeigt - mit Livemusik der Band Kettcar. Der Kartenvorverkauf sei in diesem Jahr besonders gut angelaufen. Viele Aufführungen seien bereits ausverkauft. Das Interesse daran, draußen Kultur zu erleben sei besonders groß, erklärt Eberle den guten Start. Die Menschen würden sich draußen sicherer fühlen. Nun hoffe man in Kiel darauf, dass man schnell wieder vor mehr Publikum spielen darf und Auflagen wie Corona-Tests und die Maskenpflicht nicht mehr nötig sind. Dann könnte man im Januar 2022 auch die Abos wieder reaktivieren.

Häuser versuchen den Ausfall zu kompensieren

Ähnlich sieht es zurzeit auch in der Hamburger Elbphilharmonie aus. War es jahrelang so gut wie unmöglich, Karten für die Elphie zu ergattern, so gibt es derzeit für viele Veranstaltungen auch noch kurzfristig Tickets. Dabei können auch in der Elbphilharmonie zurzeit nur 50 Prozent der Sitzplätze überhaupt belegt werden. Sprecher Tom R. Schulz führt das unter anderem darauf zurück, dass der Vorverkauf sehr kurzfristig begonnen hat. Außerdem werden die meisten Konzerte zwei Mal an einem Abend gespielt. Da die Elbphilharmonie ein volles Programm bei begrenzter Saalkapazität spiele, entstehe aktuell ein höheres Defizit, gibt Schulz zu Bedenken. Gerade werde geprüft, ob die Hamburg Musik GmbH als Konzertveranstalterin von einem neuen Fonds des Bundes profitieren kann. Der Sonderfonds soll es Spielstätten trotz der Kapazitätbegrenzungen ermöglichen, wirtschaftlich zu arbeiten. Unterm Strich überwiege aber bei den Künstler*innen und dem Publikum die Freude darüber, wieder Live-Veranstaltungen vor Ort erleben zu können.

Auch am Volkstheater Rostock ist laut Sprecherin Ute Fischer-Graf an eine normale Auslastung nicht zu denken. Besonders zu Schaffen machen den Theatern die kurzfristigen Erhöhungen der Platzkapazitäten. Teilweise sei diese zwei Tage vor einer Vorstellung kommuniziert worden. Zu kurzfristig, um die maximale Auslastung zu erreichen. Auch für das Sommertheater im August, bei dem in der Halle 207 auf der alten Neptunwerft die Operette "Die lustige Witwe" und das 70er-Jahre-Musical "Disco-Fieber" gezeigt werden, gäbe es noch Unsicherheiten in Hinblick auf die Planung: "Wir wissen noch nicht, wie viele Menschen wir einlassen dürfen, deshalb erfolgt die Reservierung derzeit über eine Wartliste", erklärt Fischer-Graf. Dennoch blickt man in Rostock optimistisch in die Zukunft. Die kommende Spielzeit ist ganz normal geplant. 27 Premieren und 40 symphonische Programme stehen auf dem Plan.

Das Interesse ist nicht überall gleich

Am Oldenburgischen Staatstheater hätte man sich mehr Zuspruch nach der Wiedereröffnung erhofft. Die derzeitige Auslastung sei deutlich hinter den Erwartungen zurück geblieben, bedauert Sprecherin Ulrike Wisler. Sie hatte erwartet, dass das Publikum besonders kulturhungrig sei. Sie kann sich nicht erklären, ob die Menschen noch nicht so weit seien oder ob es am Wetter oder gar der Fußball-Europameisterschaft liegen könnte. Der Betrieb rechne sich dadurch noch weniger, als in den vergangenen sieben Monaten. Dennoch steckt man in Oldenburg den Kopf nicht in den Sand. Auch intern müsse man erst mal wieder in die gewohnten Abläufe finden und hoffe dann auf einen positiven Neustart vor und hinter der Bühne nach der Sommerpause, resümiert Ulrike Wisler.

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Das Staatstheater Braunschweig bei Nacht von außen gesehen © Björn Hickmann/ Stage Picture Foto: Björn Hickmann

Kulturpartner: Staatstheater Braunschweig

Das Staatstheater Braunschweig ist ein Fünfspartenhaus und vereint die Bereiche Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, JUNGES! Staatstheater und Staatsorchester. extern

Deutlich optimistischere Töne kommen dagegen vom Staatstheater Braunschweig. Bei bislang 31 Vorstellungen konnten knapp 3000 Besucherinnen und Besucher dabei sein. Die Auslastung lag bei um die 85 Prozent. Besonders begehrt waren laut Pressesprecher Johannes Ehmann die Opernkonzerte, die Sinfoniekonzerte und die Open-Air-Vorstellungen des Schauspiels. Viele der Vorstellungen waren schnell ausverkauft. Generaltintendatin Dagmar Schlingmann ist sehr zufrieden mit dem Neustart: "Ich bin begeistert, bei uns ist alles voll!" Dabei hatte auch das Theater Braunschweig nur wenige Tage Zeit für den Vorverkauf, weil bis zuletzt unklar war, ob gespielt werden darf oder nicht.

Besonders gut läuft es auch beim Martha-Argerich-Festival der Symphoniker Hamburg in der Laeiszhalle. Viele der sechzehn Konzerte seien ausgebucht, freut sich Sprecher Olaf Dittmann. Dass bei einigen Konzerten doch noch Plätze frei bleiben, erklärt er sich mit den politischen Auflagen. Nur getestet oder geimpft das Haus betreten zu können, schrecke eventuell doch den ein oder anderen ab, mutmaßt Dittmann. Auch das Martha-Argerich-Festival hatte mit der kurzfristigen Entscheidung der Politik zu hardern, Zuschauerinnen und Zuschauer doch noch zuzulassen. Insgesamt sei man aber sehr zufrieden. Die Resonanz des Publikums sei überwältigend.

Auch wenn die Auslastung der Theater- und Konzerthäuser im Norden also noch nicht an Prä-Pandemische Zeiten anknüpfen kann, so sehen sich die meisten Häuser doch auf einem guten Weg und schauen positiv in die Zukunft. Unterm Strich sind alle froh und dankbar, endlich wieder ihre Türen für das Publikum öffnen zu können.

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NDR Info | 28.06.2021 | 08:55 Uhr