Stand: 18.04.2020 06:00 Uhr

Corona: Volkstheater Rostock im Krisenmodus

von Matthias Schümann

Die Spielzeit der Theater des Landes Mecklenburg-Vorpommern 2019/2020 ist beendet, das hat gestern Abend die Landesregierung verkündet. Ein wohl erwartbarer, aber doch schwerer Schlag für die Bühnen des Landes - natürlich auch für das Volkstheater Rostock. Dort ruht seit Mitte März der Spielbetrieb, aber ganz ausgestorben ist das Haus nicht. Vor und hinter den Kulissen wird noch gearbeitet. Wie es jetzt mit dem Spielplan und den angekündigten Premieren weitergehen könnte - ein Ausblick.

Das Volkstheater in Rostock, aufgenommen am 13.09.2019. © picture alliance/Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Bernd Wüstneck
Das Volkstheater in Rostock bereitet sich auf die kommende Saison vor, auch wenn nicht klar ist, wann sie startet.

In der Kostümschneiderei rattern die Nähmaschinen. Was gerade am Fließband hergestellt wird, ist nicht viel mehr als ein rechteckiges Stück Stoff mit Bändern an beiden Seiten. "Im Moment nähen wir Schutzmasken für unsere Angestellten. Damit haben wir reichlich zu tun", erklärt Cornelia Junge. Die Kostümschneiderin nimmt die Situation mit Humor, auch wenn ihre Fähigkeiten gerade überhaupt nicht gefordert werden. "Jetzt ist es im Gegensatz zu dem, was wir sonst machen, etwas langweilig", findet sie.

Kostümschneiderei: Mundschutz statt Rüschenrock

Für mehrere hundert Exemplare des Mund-Nase-Schutzes müssen die Nähmaschinen noch eine Weile rattern. Nicht nur im Theater, sondern auch bei etlichen Kolleginnen im Home Office. Cornelia Junge erinnert sich bei der Arbeit noch gut an das letzte richtige Kostüm, das sie im vergangenen Monat in ihren Händen hatte: "Das letzte war ein großer Rock mit viel Rüschen. Mit viel Chichi und Glitzer und ein bisschen frivol." Das Musical "Cabaret" sollte in diesem Frühjahr eine der schillernden Premieren des Volkstheaters Rostock sein. Jetzt hängen überall in der Stadt Plakate mit dem Zusatzvermerk "kommt, aber später".

Inszenierung von "Cabaret" wird weiter vorbereitet

Im Großen Saal des Volkstheaters wird weiter an der Inszenierung gearbeitet. Das Bühnenbild ist schon fertig, den Hintergrund bildet ein gewaltiger Vorhang aus glitzernden Fäden. Regisseur Daniel Pfluger ist mit Technikern dabei, die Beleuchtung einzurichten. "Das habe ich noch nie in meiner Karriere gemacht: Bevor ein Stück nur ansatzweise inszeniert ist, schon das Licht dafür zu machen. Aber leider sind wir im Moment dazu gezwungen, kreativ mit der Situation umzugehen", erklärt Pfluger.

Gesamter Spielplan liegt auf Eis

Die Proben für "Cabaret" mussten im März nach nur einer Woche abgebrochen werden. "Es ging relativ schnell, dass meine Regieassistentin damit angefangen hat, jeden Tag alle Requisiten zu desinfizieren. Es wurde immer absurder und dann war klar, so kann man nicht weiterproben", berichtet Pfluger. Noch härter traf es die Oper "Eugen Onegin". Die stand unmittelbar vor der Premiere, als die Theaterschließung kam. Sie liegt nun auf Eis, genau wie der gesamte Spielplan.

Zwangspause bedeutet das Ende für einige Stücke

Klar ist schon jetzt: Nicht alle Stücke werden die Zwangspause überstehen. Intendant Ralph Reichel erklärte dazu: "Man kann nicht alles aufheben. Dinge, die noch ganz frisch waren und sehr wenige Vorstellungen hatten, die viele noch nicht gesehen haben, kann man nochmal rausbringen", so Reichel. "Bei Vorstellungen, die schon viel gelaufen sind und jetzt noch drei Vorstellungen gehabt hätten macht man nicht den Aufwand, die in der nächsten Spielzeit nochmal hochzuholen. Die sind dann auch aus dem Bewusstsein raus."

Abstand wahren: Mehr Vorstellungen vor kleinerem Publikum

Von den Premieren fällt das Kammerstück "Das Pflichtmandat" komplett aus, und aus der nun beendeten laufenden Spielzeit bekam die Komödie "Der nackte Wahnsinn" den Totenschein, wie es makaber im Theaterjargon heißt. Derzeit wird zudem im Haus über Kurzarbeit verhandelt. Dennoch gehen die Theatermacher kreativ mit der Situation um. "Wir versuchen, relativ früh viele Produktionen fertig zu machen, um sie dann später verstärkt spielen zu können. Denn wir müssen damit rechnen, dass wir den Großen Saal nicht wieder dicht an dicht besetzen können. Stattdessen wird es wahrscheinlich eine Phase geben, in der man zwei oder drei Vorstellungen braucht, um dieselbe Menge Zuschauer, die man vorher hatte, hereinzulassen", erklärt Reichel die Planungen.

"Pippi Langstrumpf" und "Gisela" wohl erst im Sommer 2021

Unklar ist, was mit der Sommerbespielung in einer Rostocker Werfthalle passiert. "Pippi Langstrumpf" und Messeschlager "Gisela" sollten da laufen. Diese Inszenierungen werden wie geplant fertig gestellt, kommen aber möglicherweise erst im Sommer 2021 auf die Bühne. Intendant Reichel hofft auf baldige Normalität, denn ein Theater könne er nicht im Homeoffice betreiben. "Ich kann nicht von zu Hause probieren, ich muss gemeinsam musizieren, das wird sich nicht grundsätzlich ändern."

Digitale Clips sollen Wartezeit verkürzen

Etliche digitale Ausflüge des Theaters gibt es aber doch, seien es Inszenierungen in Kurzfassung oder kleine Konzerte, die die Wartezeit auf die echten Inszenierungen verkürzen. Im Volkstheater Rostock bereiten sich trotz Spielpause alle Gewerke auf die nächste Spielzeit vor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 17.04.2020 | 19:00 Uhr