Doppelpremiere an der Staatsoper Hamburg

Stand: 12.10.2020 11:07 Uhr

An der Hamburgischen Staatsoper hat ein Doppelprogramm mit den Miniaturen "La voix humaine" von Francis Poulenc und Arnold Schönbergs Gedichts-Vertonung "Pierrot lunaire" Premiere gefeiert.

von Daniel Kaiser

Kleiner, experimenteller, innovativer: So reagiert die Hamburgische Staatsoper auf die Corona-Pandemie. Weil Aufführungen mit großem Orchester und vielen Sängern gerade nicht möglich sind, war jetzt die Premiere von zwei Miniaturen zu sehen.

"La voix humaine": 90 Jahre alter Stoff, immer noch aktuell

Kerstin Avemo liegt mit einem Telefon auf dem Boden der Bühne. © Brinkhoff/Moegenburg
Die schwedische Sopranistin Kerstin Avemo singt und spielt den Monolog der liebeskranken, lebensmüden Frau unwiderstehlich und ergreifend.

Das Xylophon trillert, das Telefon klingelt, "Hallo?" - dieses Telefonat geht wirklich zu Herzen. Eine Frau spricht ein letztes Mal mit ihrem Geliebten, der sie für eine andere verlassen will. Immer wieder werden sie getrennt, oder das Fräulein vom Amt quasselt dazwischen. Ein Telefongespräch als Tragödie.

Francis Poulenc hat das Theaterstück "La voix humaine", geschrieben im Jahr 1930 von Jean Cocteau, 1959 vertont. Mal erinnert die Musik an einen Hitchcock-Thriller und spiegelt die Verzweiflung und existentiellen Ängste der Frau. Mal ergießen sich die Klänge in schwelgerischer Opulenz. Opernchef Georges Delnon selbst hat das Stück als Kammerspiel sparsam szenisch eingerichtet. Es sieht nach Abschied aus: Der Pelzmantel der Frau liegt schon im Altkleidersack, der Familienhund ist abgeknallt und liegt blutüberströmt am Bühnenrand. Die Schlaftabletten sind in Griffweite. Es ist eine berührende Geschichte über Einsamkeit - mit einer Menge Gefühl und viel "Je t'aime." Als die Frau sagt, dass sie mit dem Telefon ins Bett geht, schafft das Drama mühelos eine Verbindung zu heute: Smartphone-Sucht und Sehnsucht nach Anerkennung in den Sozialen Medien.

"Pierrot lunaire" mit starken Frauenstimmen

Noch etwas älter ist die Gedichtsvertonung "Pierrot lunaire" die Arnold Schönberg 1912 in freier Atonalität komponierte. 21 Gedichte des Belgiers Albert Giraud stellte er zu einer Art Pierrot-Lebensgeschichte zusammen. Die Hamburger Aufführung verteilt die Lieder an drei Sängerinnen, die die aufgeladenen, surrealen Texte eher deklamieren als singen. Atemberaubend ist vor allem, wie die bereits 80-jährige Anja Silja die Gedichte besonders präzise und expressiv gestaltet. Ihre jüngeren Kolleginnen Nicole Chevalier und Marie-Dominique Ryckmanns stehen mit ihrer Stimmfarbe für ein anderes Lebensalter.

Commander Data mit Wackelkontakt

Ein Mann in blau-gelbem Anzug und mit roter Brille liegt auf einem Waldboden. © Brinkhoff/Moegenburg
Künstlichkeit statt Authentizität: Die visuelle Inszenierung passte nicht zu Schönbergs Gedichtvertonung.

Das hätte für Kopfkino schon ausgereicht. Doch die Frauen stehen im Orchestergraben und statt einer Inszenierung ist ein Film zu sehen, der die Gedichte bebildern soll. Der Pierrot aus den Gedichten, der traurige Clown mit aufgemalter Träne, wird zu einem androgynen Wesen, das an einen Andy-Warhol-Clown erinnert. Er bewegt sich in einem Overall wie Commander Data vom Raumschiff Enterprise mit Wackelkontakt. Das alles wirkt wie in einem noch nicht ganz fertigen Computerspiel: Blätter, Berge, Wasser und Gesichter - in jeder Sekunde sieht man die Künstlichkeit. Dieses Opernkino ist ein Totalausfall.

Schönberg meets "Grand Theft Auto"

Der Film des jungen Videoproduzenten Luis August Krawen in "Grand Theft Auto"-Ästhetik war sicherlich gut gemeint. Er hat aus den rätselhaften, überbordenden Bildern der Gedichte aber eine banale Captain-Future-Geschichte gemacht und sich als Botschaft eine Moralpredigt von der Zerstörung der Natur zurechtgezimmert: Man sieht Plastikflaschen im Ozean, statt Schmetterlingen fliegen Drohnen - dieses Opern-Kino war nichts. Nach diesem schwachen Schönberg-Film und dem packenden Telefondrama, nach einem Abend mit vor allem vier starken Frauenstimmen und einem geschrumpften Staatsorchester unter Kent Nagano, gab es freundlichen Applaus für den immerhin teilweise geglückten Versuch, mit der Staatsoper neue Wege zu gehen.

Staatsoper Hamburg © Kurt-Michael Westermann Foto: Kurt-Michael Westermann

AUDIO: Zwei Premieren am Stück in der Staatsoper (4 Min)

Doppelpremiere an der Staatsoper Hamburg

"La voix humaine" von Francis Poulenc und Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" haben am Wochenende ihre Premiere gefeiert.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg - Großes Haus
Dammtorstraße 28
20354  Hamburg
Telefon:
040 / 35 68 68
E-Mail:
ticket@staatsoper-hamburg.de
Preis:
5 bis 79 Euro
Kartenverkauf:
Große Theaterstraße 25
20354 Hamburg
Öffnungszeiten: montags - sonnabends 10.00 - 18.30 Uhr
Hinweis:
Regie: Luis August Krawen
Szenische Inszenierung: Georges Delnon
Musikalische Leitung: Nicolas André
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 12.10.2020 | 19:00 Uhr

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