Stand: 15.05.2020 13:04 Uhr  - NDR Kultur

Schauspielhaus Hamburg: Probenbetrieb dank Schwimmnudeln

von Katja Weise

Wochenlang tat sich wegen der Corona-Krise nichts auf den Theaterbühnen - jetzt wird zumindest am Hamburger Thalia Theater und am Deutschen Schauspielhaus wieder geprobt. Intendantin Karin Beier hat im Gespräch mit NDR Kultur erzählt, dass sie es mit Schwimmnudeln als Abstandshalter versuchen wolle. Vergangenen Montag hat sie begonnen mit den Proben zu Rainald Goetz neuem Stück "Reich des Todes", mit dem sie die Saison am Schauspielhaus eröffnen will. NDR Kultur Reporterin Katja Weise hat zugeschaut.

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Nur auf der Großen Bühne gibt es genügen Platz, um bei den Proben mit dieser Art "Rock" aus Schwimmnudeln zu proben.

Er spreizt sich gehörig, der Tellerrock aus Schwimmnudeln, Schaumstoff, 75 Zentimeter in jede Himmelsrichtung, lila, rot, grün oder "augenblau, das alles muss ja Ton in Ton sein", sagt Schauspieler Burghart Klaußner augenzwinkernd und verweist damit auf seine leuchtend hellblaue Krawatte. Er arbeitet zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren wieder am Schauspielhaus. Das Wort Schwimmnudel hatte er vorher noch nie gehört: "Ich habe Schwimmen noch anders gelernt".

Proben im Schauspielhaus mit einer Art Nudelrock

Doch kommt er mit dem Rock ganz gut klar. Wie die anderen auch. Rund ein Dutzend Schauspielerinnen und Schauspieler steht an diesem Vormittag auf der Bühne. Alle mit dieser Art Nudelrock: Sandra Gerling trägt Orange. "Es ist merkwürdig, einfach wirklich anders. Komische Coronawelt" sagt sie.

Dieser Prototyp für Schauspielerinnen und Schauspieler mit Schwimmnudeln dient als Abstandhalter für Probenarbeit © Carmen Kindler

Der Beitrag zum Hören

Um den neuen Probenbetrieb am Schauspielhaus Hamburg mit Corona-Abstandsregeln zu vereinbaren, greift Intendantin Karin Beier auf Schwimmnudeln für ihr Ensemble zurück. Ein Probenbesuch.

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Doch sie ist glücklich, endlich wieder arbeiten zu können - und das sogar auf der Großen Bühne im Großen Haus: Nur hier ist es möglich, die Abstandsregeln einzuhalten. Die ersten Reihen im Parkett sind überbaut, Karin Beier und ihr Team sitzen auf einem Podest, zwischen den einzelnen Mitarbeitern sind Plexiglasscheiben. "Wir kommen gut mit der Situation klar. Ich habe seit heute erstmals mein fast vollständiges Team hier".

Es werde auch jemand im Parkett sitzen, der rufe "Abstand halten!", wenn jemand das mal vergessen sollte. "Aber im Großen und Ganzen klappt das ganz gut. Das hat natürlich auch ein bisschen mit dem Stück 'Reich des Todes' zu tun, was einen Grad von Abstraktion hat", erzählt die Intendantin Beier. Im Mittelpunkt stehen die Terroranschläge vom 11. September 2001, Burghart Klaußner spielt einen Kriegsminister.

 Es ist mir egal, wie die Öffentlichkeit reagiert, man kennt ja das Schwankende der Stimmungen, die Unvernunft der herrschenden Meinung. Klaußner in "Reich des Todes" von Rainald Goetz

Burgkhart Klaußner probt im Stück von Rainald Goetz

Immer wieder intoniert er diese Sätze, ganz allein mit Karin Beier, deshalb ausnahmsweise ohne Nudelrock. Sie trägt Maske, wenn sie sich der Bühne nähert. Das Stück von Rainald Goetz hat Klaußner bei der Lektüre tief beeindruckt. "Er scheut sich nicht, explizit und mit großer Leidenschaft die Dinge anzusprechen, man könnte auch etwas schärfer sagen, Verbrechen anzuklagen und Menschen, die zu Verbrechern werden, zu zeigen, zu benennen und anzuklagen", so Klaußner.

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Intendantin Karin Beier will, dass ab September hier erneut Premieren stattfinden. Vor wie viel Publikum ist noch unklar.

Folter, Terror, Krieg, eine Regierung, die harte Maßnahmen ergreift in einer Ausnahmesituation. Daniel Hoevels ist neu im Ensemble und findet es seltsam, seine Kolleginnen und Kollegen jetzt auf Abstand kennenlernen zu müssen: "Ich habe es über zwei, drei Wochen hin gelesen. Langsam, weil man sich da Stück für Stück vor- und reinarbeiten muss." Es beinhalte einen großen Steinbruch an Themen, so Hoevels.

Bei Geschrei Masken auf der Bühne

Wenn auf der Bühne geschrien wird, trägt das Ensemble zusätzlich Maske. Karin Beier hofft, dass alle gesund bleiben und ist in Gedanken schon einen Schritt weiter. Im Moment gehe sie davon aus, dass die Premiere im September wie geplant stattfinden werde, aber sie glaubt auch "dass wir, wenn wir Stücke wieder aus dem Repertoire aufnehmen, die alle um-inszenieren müssen - auf Abstand. Wir müssen da einfach mitgehen."

Sie seien gerade dabei, zu eruieren, welche Stücke sie überhaupt aufbauen könnte, so Beier. "Wir müssen unsere Technik schützen. Die darf auch nicht zu zweit eine Wand tragen, die nur einen Meter breit ist. Das heißt, wir haben jetzt vielleicht fünf oder sechs Stücke, die wir überhaupt zeigen können". Vor wie viel Publikum? Darüber könne sie erst im August nach den Sommerferien entscheiden, sagt die Intendantin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.05.2020 | 06:40 Uhr

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