Dirigentin Oksana Lyniv © picture alliance/dpa/Bayreuther Festspiele Foto: Oleh Pavliuchenkov

Oksana Lyniv ist erste Dirigentin bei den Bayreuther Festspielen

Stand: 26.07.2021 16:45 Uhr

Zum ersten Mal in der 145-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele dirigierte am Sonntag eine Frau zur Eröffnung den "Fliegenden Holländer", die Ukrainerin Oksana Lyniv. Peter Jungblut vom Bayerischen Rundfunk war bei der Premiere dabei.

Dirigentin Oksana Lyniv © picture alliance/dpa/Bayreuther Festspiele Foto: Oleh Pavliuchenkov
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Herr Jungblut, Bundeskanzlerin Angela Merkel entlockte der Fakt ein lapidares "Endlich". Ist damit wirklich alles gesagt? Für Bayreuth ist es doch tatsächlich ein Dammbruch, oder?

Peter Jungblut: Na ja, ein Dammbruch ist es vielleicht nicht gerade. Aber die Zeit war natürlich überreif, denn es gibt tatsächlich sehr wenige Wagner-Dirigentinnen. Simone Young, die frühere Chefin der Hamburger Staatsoper, war eine der ganz wenigen, die international mit ihren Wagner-Dirigaten für Aufsehen gesorgt hat. Und jetzt Oksana Lyniv, die ja überhaupt nicht neu ist im Geschäft. Sie war jahrelang in Odessa beschäftigt, sie war an der Bayerischen Staatsoper Assistentin von Kirill Petrenko, dem jetzigen Chef der Berliner Philharmoniker. Es war also höchste Zeit, dass so eine Frau jetzt endlich mal eine Chance im Graben in Bayreuth bekommt.

Katharina Wagner sagte bei einem Empfang am Rande der Festspiele, es gäbe nun eine Generation, die "mutig genug sei". Das klingt fast so, als seien die Frauen bisher zu feige gewesen, ans Dirigentenpult zu gehen. Ist das wirklich so?

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Jungblut: An den Musikhochschulen war es schon viele Jahre so, dass es fähige Frauen, tolle Frauen gab, die geeignet waren, Dirigentinnen zu werden, vor allem auch bei großen Orchestern. Bei Richard Wagner gibt es ja immer sehr viele Musiker, die zu koordinieren sind. Tatsächlich war gesellschaftlich die Zeit in vielen Ländern der Erde noch nicht richtig reif dafür. Es gab sexistische Witze von den Männern, es gab Blockaden, Männer wurden bevorzugt, auch wenn sie nicht die besseren an den Hochschulen waren. Insofern hat sich da einiges durch "MeToo" und so weiter geändert. Es ist einiges vorangekommen, fortschrittlicher geworden. In der sehr konservativen Klassikszene ist der Fortschritt bis heute eine Schnecke. Es ist höchste Zeit, dass es so gekommen ist.

Hat das Publikum in Bayreuth in irgendeiner Form darauf reagiert, dass da am Dirigentenpult eine Frau steht?

Jungblut: Die Reaktionen auf Oksana Lyniv waren begeistert, es gab Fußgetrampel. Vielleicht nicht ganz so viel Begeisterung als für die Sängerin der Senta, aber es war doch sehr viel Zustimmung zu spüren. Mir persönlich war das Dirigat etwas zu passiv: Es fehlten so ein bisschen die wuchtigen Kanten. Aber es gab auch sehr erschwerte Bedingungen: Der Chor wurde von der Probebühne eingespielt, es standen einige Chormitglieder stumm auf der Bühne, die haben gespielt, und die andere Hälfte des Chors hat gesungen. Und wenn man das einspielen muss, es also elektronisch verstärkt hört, ist das schon eine wahnsinnige Koordinationsaufgabe. Ganz abgesehen davon, dass der Orchestergraben in Bayreuth auch sehr schwierig ist, weil er verdeckt ist. Das heißt, der Klang schwingt erst auf die Bühne, mischt sich dort mit dem Klang der Solisten, im optimalen Fall auch mit dem Klang des Chores, und geht dann in den Zuschauerraum hinein. Das ist alles nicht ganz einfach zu koordinieren.

Oksana Lyniv hat vor der Premiere gesagt, sie wolle sich an Wagners forschem Jugenddrang orientieren, und dieses Forsche, dieses Wilde, dieses Ungestüme hat mir noch ein bisschen gefehlt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.07.2021 | 18:00 Uhr

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