Stand: 28.05.2019 18:23 Uhr

"Respekt für den YouTuber Rezo"

"Was wäre eigentlich in diesem Land los, wenn 70 Zeitungsredaktionen zwei Tage vor der Wahl einen gemeinsamen Aufruf gemacht hätten: Wählt bitte nicht CDU und SPD! Es wäre klare Meinungsmache vor der Wahl gewesen." So die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer als Reaktion auf ein YouTube-Video, in dem YouTuberinnen und YouTuber vor der Europawahl gemeinsam dazu aufgerufen hatten, nicht CDU und SPD zu wählen. Kramp-Karrenbauers Worte wurden vielfach so aufgefasst, dass sie eine freie Äußerung von Meinungen reguliert haben wolle. Alles nur ein Missverständnis - hatte Kramp-Karrenbauer sofort zurückgerudert: Was bleibt, ist aber eine Aussage, die zumindest irritierend wirkt. Wie ist sie zu deuten? Fragen an den Netzaktivisten Markus Beckedahl.

Herr Beckedahl, Annegret Kramp-Karrenbauer wird vorgeworfen, sie wolle die Meinungs- und Pressefreiheit regulieren beziehungsweise einschränken. Kramp-Karrenbauer fühlt sich missverstanden. Trotzdem hat sie eine Debatte über Meinungsfreiheit losgetreten. Wie nehmen Sie das wahr?

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Markus Beckedahl ist Chefredakteur von netzpolitik.org.

Markus Beckedahl: Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob Annegret Kramp-Karrenbauer lediglich überfordert war, etwas verwechselt hat, weil Medien und Netzpolitik für sie möglicherweise etwas kompliziert wirken können, oder ob das eine Drohung in Richtung der YouTuber war, als Dankeschön für ihren Wahlaufruf, diese zukünftig mehr zu regulieren und damit auch deren Meinungsfreiheit etwas einzuschränken.

Was wäre los, wenn 70 Zeitungsredaktionen einen Aufruf wie Rezo und die 70 YouTuber gestartet hätten? Stichwort Meinungs- und Pressefreiheit - was spräche denn dagegen?

Beckedahl: Wenn sich 70 Zeitungen in Deutschland zusammenschließen und gemeinsam verkünden, dass die aktuelle Bundesregierung bei der Wahl nicht unterstützt werden sollte, dann hätte die Bundesregierung ein ganz anderes Problem und sollte eigentlich zurücktreten. Es ist aber gar nicht so ungewöhnlich und nicht illegal, dass Zeitungen Wahlaufrufe machen können. 2002 hat zum Beispiel die "Financial Times Deutschland" einen Wahlaufruf für die CDU in ihrer Zeitung publiziert. Es ist auch normal, dass Prominente gemeinsam für die CDU zur Wahl aufrufen, auf Papier oder auf Webseiten der CDU. Wenn sich aber YouTuber zusammenschließen und davor warnen, die regierenden Parteien zu wählen, weil sie zu wenig in Sachen Klimaschutz tun - dann soll das ein Skandal sein? Das ist für mich sehr doppelzüngig.

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Beckedahl: Der Umgang der CDU-Parteispitze in der vergangenen Woche mit diesem Video des YouTubers Rezo war aus der Außenperspektive sehr irritierend. Zuerst hat man das gar nicht beachtet, obwohl das Video schon millionenfach geklickt wurde. Dann warf man diesem YouTuber, der gar keinen journalistischen Anspruch hat, vor, er würde Falschmeldungen verbreiten. Man setzt damit andere Maßstäbe, als man an jeden Kommentar in einer Zeitung setzen würde, um dann noch ein Gegenvideo anzukündigen, das man dann doch nicht veröffentlicht und stattdessen ein elfseitiges PDF-Dokument ins Netz stellt. Das alles zeigt, dass man anscheinend relativ hilflos ist für solche ungeplanten Interventionen und dass man nicht in der Lage ist, souverän auf Kritik aus dem Netz von einer jungen Generation zu reagieren.

Das Video von Rezo wurde inzwischen mehr als zwölf Millionen Mal aufgerufen. Wie bewerten Sie den Erfolg dieses Videos?

Beckedahl: Der Erfolg dieses Videos ist erstaunlich. Wir haben es hier mit einem 55 Minuten langen Video mit politischem Inhalt zu tun, was von sehr vielen, vor allen Dingen jungen Menschen angeschaut wird. Man kann auch sagen: Respekt an den YouTuber Rezo, dass er es als Nichtjournalist geschafft hat, seine Meinung in Form eines Videos zu veröffentlichen - mit viel mehr Quellenangaben, als jeder Leitartikel oder Kommentar in einer Zeitung jemals hatte. Er hat damit auch eine Art Leitartikel einer neuen Medienwelt, einer jungen Generation verfasst. Dieses Video ist auch so populär geworden, weil er es geschafft hat, das emotional zu verpacken und eine junge Sprache zu verwenden, die nicht die klassische Politikersprache ist, die viele gar nicht mehr verstehen, sondern die sehr anschlussfähig ist. Er hat argumentiert und hat damit aufgezeigt, dass die CDU ziemlich blank ist, was neue Kommunikationsformen betrifft, und dass die CDU offensichtlich auch keine Antwort auf die inhaltlichen Vorwürfe hat. Insofern war das ein überraschender Moment in diesem eher langweiligen Wahlkampf. Auch die Reaktionen der CDU haben dazu beigetragen, dass sich das Video so massiv verbreitete.

Würden Sie sagen, es gibt einen Aufholbedarf - nicht nur bei der Union -, was die Diskussionskultur im Netz angeht?

Beckedahl: Ja, selbstverständlich. Die junge Generation lebt in einer ganz anderen Medienwelt als die ältere Generation, die sich hauptsächlich aus dem Fernsehen und aus Zeitungen informiert. Da driftet unsere Gesellschaft leicht auseinander. Wenn man nur Zeitungen liest, dann hat man das Gefühl, dass in der Gesellschaft andere Themen viel dringender sind, als wenn man sich im Netz an vielen Stellen informiert. Junge Menschen haben Panik, dass sie sehr lange auf dieser Welt leben müssen, die eine ältere Generation durch eine schlechte Klimapolitik gegen die Wand fährt.

Früher hieß es immer von älteren Menschen, die Jugend sei nicht mehr politisch, sie konsumiere nur. Und jetzt fängt eine Jugend an, politisch zu werden, nutzt ihre Kanäle, um ihre Meinung in die Gesellschaft zu tragen - und dann ist es auch wieder nicht gut. Das ist schon ein bisschen schizophren.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.05.2019 | 19:00 Uhr

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