Stand: 11.08.2020 13:59 Uhr  - NDR Kultur

Scharfe Kritik von Lisa Eckhart an Harbour Front

Eigentlich hatte die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg zu Gast sein und im Wettbewerb um den besten Debütroman antreten sollen. Doch dann wurde sie wieder ausgeladen. Kritiker werfen ihr vor, rassistische und antisemitische Klischees zu bedienen. Gegen Eckharts Ausladung regte sich aber Protest. In ganz Deutschland sehen Kommentatoren die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das Harbour Front hat sie daraufhin noch einmal eingeladen. Im Interview mit NDR Kultur erklärt Eckhart ihre Reaktion - nämlich nicht zur Veranstaltung zu erscheinen.

Frau Eckhart, in den letzten Tagen wurde viel diskutiert und geschrieben. Bislang haben Sie sich nicht dazu geäußert. Wie haben Sie die Debatte erlebt?

Kabarettistin Lisa Eckhart  Foto: Hans Leitner
Erst vom Harbour Front Literaturfestival aus-, dann wieder eingeladen: die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart.

Lisa Eckhart: Zum Glück gar nicht. Ich war außer Landes und habe erst gestern mein Handy wieder aktiviert. Ich glaube, es vibriert noch immer. Ich bin mit dieser Schnelligkeit des Digitalen nicht ganz vertraut. Ich glaube, ich würde noch ein paar Tage benötigen, um mir davon ein Bild zu machen, werde es aber wahrscheinlich nicht tun. Weil es ohnehin selbst für mich schon sehr ermüdend ist, in dieser kurzen Zeit, in der ich davon weiß. Eine schon erledigte Angelegenheit, finde ich.

Hätten Sie geahnt, dass so etwas passiert, als Sie dann gestern zum ersten Mal wieder auf Ihr Telefon geschaut haben?

Eckhart: Nein. Wobei meine Überraschung schon sehr geschwunden ist, was alles möglich ist und wie schnell sich etwas verbreitet. Also ich wundere mich zunehmend weniger.

Warum haben Sie sich jetzt entschieden, Ihren Auftritt endgültig abzusagen?

Kabarettistin Lisa Eckhart  Foto: Andre Havergo

AUDIO: Lisa Eckhart im Interview (5 Min)

Eckhart: Weil die erste Alternative online zu lesen schon eine derartige Verkennung meiner Selbst und meines Werks war, dass ich gesehen habe: Da wird es ohnehin schwer, sich zu einigen. Und dann sind auch vor diesen Drohungen - ob sie nun echt waren oder nicht - genügend Dinge vorgefallen, dass sich da die Lust extrem in Grenzen hält und ich nicht gewillt war, jemanden jetzt zu einem Schützer der Kunstfreiheit zu erklären, der sich das nicht verdient hat.

Was hätten Sie sich denn von Seiten des Veranstalters oder des Festivals gewünscht?

Eckhart: Dass man mich mit solchen Lappalien von vornherein nicht belästigt, sondern mich einfach lesen lässt, wie jeden anderen auch.

Die Kritik ist ja schon ziemlich groß. Was halten Sie persönlich davon, wenn Sie als Antisemitin bezeichnet werden?

Eckhart: Was soll man da sagen. Wissen Sie, es gibt nichts Lächerlicheres als einen Unschuldigen, der krampfhaft versucht unschuldig zu wirken. Deswegen auf so etwas einzugehen, wäre schon höchst dubios. Das ist etwas, dem ich mit großer Verwunderung zuschaue, aber mir fehlt da ehrlich gesagt der Anknüpfungspunkt bei diesem - wie ich doch unterstelle - sehr boshaften Missverstehen.

Aber fühlen Sie auch ein bisschen Verständnis für die Kritik, die Ihnen entgegenschlägt?

Eckhart: Ich habe sie mir anfangs natürlich schon zu Herzen genommen, bin es dann alles selbstkritisch durchgegangen. Aber man muss auch mal zugeben können, wenn man recht hat - und den Eindruck hatte ich.

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Lisa Eckhart © picture alliance/dpa Foto: Daniel Karmann

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Dieses Cancelling - ist das eine Neuerscheinung für Sie oder sind Sie schon dabei, dies vielleicht in neue künstlerische Produkte umzuwandeln?

Eckhart: Cancel Culture? Ja, damit werde ich mich sicher noch auseinandersetzen, weil ich den Begriff sehr interessant finde. Weil ich die Culture - also die Kultur - in dem Begriff nicht als das Subjekt - also als eine Kultur, die cancelt - sondern als das Objekt sehe. Nämlich, dass man teilweise bestrebt ist, Kultur als Ganzes zu canceln. Das ist nicht etwas, das ich einem politischen Lager zuordnen würde, sondern eine Tendenz, die man in vielem sieht. Also mit diesem Hochhalten der Authentizität und dem Abkanzeln alles Gewollten, Manierierten, Künstlichen, wieder so eine bizarre Essentialisierung von Menschen. Da scheint mir, dass Kultur grundsätzlich ein bisschen in Verruf geraten ist.

Das Gespräch führte Charlotte Oelschlegel

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 11.08.2020 | 14:20 Uhr