Stand: 01.11.2019 16:51 Uhr  - NDR Kultur

70 Jahre "FAZ": Die Aufgaben eines Leitmediums

Vor 70 Jahren ist in Frankfurt am Main erstmals eine Tageszeitung erschienen, die damals schon den Untertitel "Zeitung für Deutschland" führte - und sie tut das bis heute: die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Ein Gespräch mit einem ihrer vier Herausgeber, Jürgen Kaube.

Herr Kaube, zunächst einmal: herzlichen Glückwunsch!

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Jürgen Kaube ist einer der vier Heruasgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Jürgen Kaube: Vielen Dank.

Wenn am 1. November 1949, also kurz nach der Gründung der BRD und der DDR, die "FAZ" für sich in Anspruch nahm, eine "Zeitung für Deutschland" zu sein - welches Deutschland war da gemeint?

Kaube: Ich glaube, damals war noch der Blick auf ganz Deutschland gerichtet, obwohl natürlich das Vertriebsgebiet Westdeutschland war und es in den Anfängen der Zeitung ganz stark darum ging, die Soziale Marktwirtschaft durchzusetzen, zu begleiten und als ideales Modell zu beschreiben. Insofern war das eine auf den "freien Westen" gerichtete Unternehmung.

Die "FAZ" galt jahrzehntelang als bürgerlich-konservativ. Lässt sich das heute noch so sagen? Was bedeutet eigentlich bürgerlich-konservativ in diesen Zeiten?

Kaube: Ich glaube, das ist nicht mehr ganz einfach zu sagen. Was man sagen kann, ist, dass der bürgerliche Anteil das Zeitungslesen selbst ist. Dass man sagt, das ist eine zur Bildung führende und eine Bildung voraussetzende Angelegenheit. Die Vielfalt dessen, was wir schreiben, zieht sich ja über alle Lebensgebiete hinweg. Es setzt ein Interesse der Redaktion, aber auch der Leser, an allem voraus - insofern auch ein Bildungsinteresse.

Das Konservative ist über die Ressorts sehr unterschiedlich verteilt: konservativ, liberal, manchmal auch anarchistisch. Wir haben sehr heftig protestiert gegen den Versuch, der deutschen Sprache den Scheitel glatt zu ziehen in der Rechtschreibreform. Das war sicherlich nicht einfach konservativ, sondern daraus sprach auch ein gewisser Eigenesinn. Insofern glaube ich nicht, dass man eine eindeutige politische Option über alle Ressorts hinweg ableiten kann.

Die "FAZ" ist in die Ressorts "Politik", "Wirtschaft", "Kultur" und "Rhein-Main" aufgeteilt. Es gibt nicht den einen Chefredakteur oder die eine Chefredakteurin. Sie sind Herausgeber Kultur. Wie schwierig ist es, sich zwischen diesen Ressorts zu verständigen?

Kaube: Das ist im Normalfall nicht sehr schwierig, weil jedes Ressort den anderen Ressorts vollständige Unabhängigkeit zugesteht. Das heißt, wir diskutieren unter den Herausgebern ganz selten über Texte. Es ist nicht so, dass wir eine Blattlinie verfolgen, sondern die Zeitung entsteht durch diese Unabhängigkeit. Eine Unabhängigkeit im Inneren, aber auch eine Unabhängigkeit im Äußeren. Die "FAZ" ist ja ein etwas kompliziertes Stiftungskonstrukt; wir haben keinen Unternehmer, der sich einen Chefredakteur aussucht, und der bestimmt dann die Linie. Sondern die Unabhängigkeit der Berichterstattung und der Meinungsbildung ist gesichert durch die Stiftungsgeschichte und durch die herausgeberische Struktur selbst. Wir Herausgeber sprechen über Querschnittsthemen, das, was alle angeht. Heute würde man "Managementaufgaben" sagen. Aber die eigentliche Quelle der Kreativität und der Fantasie ist dieser Binnenpluralismus, wo niemand dem anderen reinredet.

Sie sind in diesem Pluralismus für die Kultur zuständig. Das ist aus der Geschichte heraus erklärbar: 1949 - Deutschland lag noch weitgehend in Trümmern - brauchte es wieder eine geistige Orientierung. Aber was meinen Sie heute mit "Kultur"?

Kaube: Das Feuilleton der "FAZ" hat eine Geschichte, die von der Beobachtung der Kunst, der Musik, der Literatur, des Tanzes und der Theater zur Beobachtung ganz anderer gesellschaftlicher Felder führt. Wir sind vielleicht das Ressort mit den wenigsten News im strikten Sinn, wir haben nicht so etwas wie Fußballergebnisse oder politische Wahlen, aber wir haben dafür einen Spielraum, uns alles andere anzuschauen und uns einen Reim darauf zu machen. Wir versuchen, gedankenanregende Sachen für die Leser zu schreiben.

Qualitätsjournalismus hat es heutzutage bei den digitalen Überangeboten sehr schwierig. Wie schwer ist die See für das Flaggschiff "FAZ"?

Kaube: Es ist kein ruhiger Seegang - wenn ich in dem Bild bleiben darf. Es ist ein Kampf, natürlich. Wir haben sehr erfolgreiche digitale Produkte: "F+", die Bezahlschranke im Netz. Wir haben eine kostenfreie App "Der Tag", die Aktualitäten auf das Smartphone spielt. Das wird sehr nachgefragt. Wir haben durch das Internet mehr Leser, als wir jemals hatten. Die Frage ist, wie man das monetarisiert - das ist ein Problem, dass alle ein bisschen haben. Aber wir sind guten Mutes, dass uns das gelingen wird. Die Zahlen sprechen eigentlich dafür.

Neben dem Begriff "Flaggschiff", der immer wieder auftaucht, wenn man sich mit der "FAZ" beschäftigt, gibt es auch das Wort "Leitmedium". Wohin leitet und die "FAZ" in Zukunft?

Kaube: Was uns auszeichnet, was unsere Linie ist, das ist gar nicht so sehr etwas Politisches. Wir versuchen, nicht den Verstand zu verlieren bei all den Turbulenzen, Aufgeregtheiten und Unsachlichkeiten der Gegenwart. Das Internet bringt sehr viel Unsachlichkeit, sehr viel ungeklärte Meinung, sehr viel impulsives Drauflosreden oder Twittern in die Welt - und da ist die Aufgabe eines Leitmediums, ein bisschen Nüchternheit hineinzubringen und einen zweiten Blick auf die Sachen zu werfen. Es geht auch um eine gewisse Zugänglichkeit für die Ironie und die objektive Komik der Gesellschaft, darum, Unfug und Phrasen zu erkennen - auch das gehört zu einem Leitmedium im Zeitalter twitternder Weltmacht-Präsidenten.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.11.2019 | 19:00 Uhr

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