Stand: 14.06.2019 12:34 Uhr

Jürgen Habermas - der Verfassungspatriot

von Jochen Rack

Einen runden Geburtstag feiert der wohl wichtigste lebende deutsche Philosoph am 18. Juni: Jürgen Habermas wird dann 90 Jahre alt. Mitte der 1950er-Jahre kam er an das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, zu Max Horkheimer und Theodor W. Adorno - und sorgte mit seinem Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft" für Aufsehen. Er war in die 68er-Bewegung involviert, wandte sich in den 80er-Jahren gegen eine revisionistische Geschichtsschreibung und löste damit den Historikerstreit aus. Was hat uns Jürgen Habermas, was hat uns sein Werk heute zu sagen?

Ein Denker, der sich ins politische Tagesgeschehen einmischte

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Jochen Rack würdigt den Philosophen Jürgen Habermas.

Als ich Anfang der 1980er-Jahre in der Oberstufe zum ersten Mal auf Jürgen Habermas aufmerksam wurde, war dieser schon der bekannteste deutsche Philosoph, der er bis heute, bis zu seinem 90. Geburtstag geblieben ist. Zur Vorbereitung auf die Abiturprüfung teilte unser Ethik-Lehrer damals einige kopierte Seiten aus dem Funkkolleg "Praktische Philosophie" aus, die der Kommunikationstheorie von Jürgen Habermas gewidmet waren. Es galt, den komplizierten Begriff der "transzendentalpragmatischen Argumentationsreflexion" zu begreifen, der uns als Schüler faszinierte, weil wir verstanden, dass wir mit der kritischen Begrifflichkeit des Philosophen unser politisches Engagement legitimieren konnten. Mit Jürgen Habermas im Gepäck konnte man die Sitzblockaden vor Pershing-Kasernen oder die Bauplatzbesetzungen in Gorleben und Wackersdorf als Versuche verstehen, legale Entscheidungen politisch gewählter Repräsentanten zu revidieren. "Ziviler Ungehorsam" nannte Habermas den "Testfall für den demokratischen Rechtsstaat", dessen Anerkennung er einforderte, ohne ihn für unfehlbar zu halten.

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Jürgen Habermas - der Verfassungspatriot / Von Jochen Rack

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So lernten wir Jürgen Habermas als Denker kennen, der nicht im Elfenbeinturm seiner Zunft philosophischen Spezialfragen nachging, sondern sich ins politische Tagesgeschehen einmischte. Seine intellektuelle Prägung bezog er, 1929 geboren, aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges. Als Angehöriger der "skeptischen Generation" nahm er bewusst die Rolle des "public intellectual" ein, der sich der Aufarbeitung der Vergangenheit und der demokratischen Umerziehung der Deutschen verpflichtet sah. Die neue Bundesrepublik sollte nach den Verbrechen des Faschismus zurückfinden ins Lager der freiheitlichen Demokratien. Dabei bezeichnete sich Habermas selbst als "Produkt der Reeducation": "Ich möchte damit sagen, dass wir damals gelernt haben, dass der bürgerliche Verfassungsstaat in seiner französischen oder amerikanischen oder englischen Ausprägung eine historische Errungenschaft ist."

Die befreiende Macht kommunikativ handelnder Subjekte

Habermas sieht seine Aufgabe darin, an die Traditionslinien des westlich-liberalen Denkens und der Aufklärung anzuknüpfen und die Bundesrepublik gegen einen Rückfall in den Totalitarismus zu imprägnieren, ob unter linkem oder rechtem Vorzeichen. Für den marxistischen Dogmatismus der Studentenbewegung hatte er nicht viel übrig und warf 1967 Rudi Dutschke in einem berühmt gewordenen Diktum "linken Faschismus" vor, weil dieser Gewalt im revolutionären Prozess rechtfertigte. Habermas dagegen bestand auf Gewaltfreiheit und der Achtung des Rechtssystems. Die Kultur der Freiheit musste neu gelernt werden, wenn Deutschland den "langen Weg nach Westen" erfolgreich beschreiten sollte. Zentral war dabei ein Verständnis für die Funktion der Öffentlichkeit als Bedingung einer liberalen Gesellschaft.

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Der Sozialphilosoph und Soziologe der "Frankfurter Schule", Jürgen Habermas, feiert am 18. Juni seinen 90. Geburtstag.

In seiner Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" aus dem Jahr 1961, die bis heute ein Klassiker ist, zeichnete Habermas die Entstehung der politischen Öffentlichkeit im bürgerlichen Zeitalter nach, die aus der Konversations- und Lesekultur hervorging. Unter dem Eindruck der 60er-Jahre und der neuen Massenmedien warnte er vor dem Verfall von kritischer Publizität, öffentlicher Kontroverse und einer Entmündigung der Bürger. Eine freiheitliche Gesellschaft braucht die Möglichkeit der freien "Deliberation" - ein anderer Zentralbegriff von Habermas -, die rationale Abwägung von Argumenten in einer herrschaftsfreien Kommunikation, in der nichts anderes zählt als "der zwanglose Zwang des besseren Arguments". Das ungefähr war die Konsequenz aus der "transzendentalpragmatischen Argumentationsreflexion", deren weitläufige philosophische Begründung Habermas in seinem Opus Magnum "Theorie des kommunikativen Handelns" dann 1981 vorlegte. Habermas versuchte darin, die kritische Theorie, die er bei seinen Lehrern Horkheimer und Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung kennengelernt hatte, auf ein neues Fundament zu stellen, indem er sie mit Einsichten der angloamerikanischen Sprachphilosophie verband. Er setzt auf die befreiende Macht kommunikativ handelnder Subjekte, die eine Lebenswelt teilen, die zwar von Macht und Geld dominiert und deformiert, aber nie ganz kontrolliert wird. Er hoffte auf die sozialen Bewegungen der Bundesrepublik, die sich gegen die "Kolonialisierung" ihrer Lebenswelten wehrten. Die Bürgerbewegungen verstand er als dritte Kraft gegenüber den "Zwangsgewalten" von Staat und Markt. Sie sollten sich dafür einsetzen, "dass die Eigendynamik der über Macht und Geld gesteuerten Subsysteme durch Formen basisnaher und selbstverwalteter Organisationen gebrochen, wenigstens eingedämmt" wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 16.06.2019 | 19:00 Uhr

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