Stand: 14.02.2018 16:51 Uhr

Deniz Yücel - "Ein Autor mit Haltung"

Nach über einem Jahr in Haft wird der türkisch-deutsche Journalist Deniz Yücel in Istanbul wieder freigelassen. Zum Jahrestag seiner Verhaftung erscheint nun das Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" - mit Texten von Yücel. Herausgegeben hat es seine frühere Kollegin Doris Akrap, Redakteurin bei der "taz".

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Der Journalist Deniz Yücel sitzt seit einem Jahr in einem türkischen Gefängnis.

Frau Akrap, seit einem Jahr wird Deniz Yücel festgehalten. Das Buch enthält auch neue Texte von ihm. Wie ging das?

Doris Akrap: Er hat sie geschrieben und seinem Anwalt gegeben, und der Anwalt hat sie dann hingeschickt.

Gibt es so etwas wie Zensur?

Akrap: Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Gehen wir davon aus, dass die Texte so rausgegangen sind, wie er sie geschrieben hat, weil man doch sehr deutlich seine Handschrift erkennt. Es handelt sich eigentlich um einen neuen Text, der für das Buch geschrieben worden ist, nämlich "Die Nummer mit dem Sittich", und um eine Vorbemerkung zur Entstehung eines weiteren Textes - das war der erste Text, den er aus dem Gewahrsam heraus geschrieben hat. Darin beschreibt er, wie dieser Text entstanden ist, weil es nicht ganz legal war, was er dort getan hat, weil er keinen Zettel und keinen Stift haben durfte. Er hat sich dann einen Stift bei einer der regelmäßigen Arztuntersuchungen stibitzt und hat in das Buch "Der kleine Prinz", was ihm seine Ehefrau gegeben hatte, einen Text hineingeschrieben, weil da viel Weißraum drin war. Das Buch hat er dann in seinen Wäschesack geworfen, den er dem Anwalt gegeben hat. Und als der Anwalt zu Hause ankam, hat er den Wäschesack ausgeschüttet, und da purzelte das Buch raus.

Wer spricht da aus diesen Texten? Ein Häftling? Ein Gedemütigter? Ein Kämpfer? Wie erleben Sie ihn, wenn Sie diese Texte in die Hand nehmen?

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Yücel: Ein Jahr ohne (Presse-)Freiheit

14.02.2018 23:20 Uhr
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Am 14. Februar 2017 wurde Deniz Yücel in Istanbul von der Polizei in Gewahrsam genommen. #FreeDeniz gilt seither in Deutschland auch als Symbol für den Kampf um Pressefreiheit. Nun ist er frei. mehr

Akrap: Ich bin ziemlich erleichtert, dass unsere sehr schwierige Kommunikation, die immer wahnsinnig lange gedauert hat, geklappt hat. Es musste alles über die Anwälte laufen, weil Deniz keine Mails und keine Briefe empfangen und keine Telefongespräche führen kann. Es dauerte immer mehrere Tage, bis man eine Antwort auf eine Frage bekam, die man sonst in zehn Minuten klärt. Ansonsten erlebe ich ihn als Autor, wie ich ihn immer erlebt habe: sehr penibel, fast schon pedantisch, sowohl was inhaltliche aber auch formale Fragen anbetrifft. Ich habe ihn in dieser Zeit erlebt als einen Autor, der seinen Humor nicht verloren hat, und als einen Autor, der weiß, warum er in diesem Gefängnis sitzt, nämlich weil er seinen Job als Journalist gemacht hat. Ob nun die Behörden diese Texte, die er als Korrespondent für "Die Welt" verfasst hat, tatsächlich vorher gelesen haben, das mag ich nicht beurteilen; man hat das Gefühl, eher nicht. Sonst wären sie nicht auf die Idee gekommen, ihm solche absurden Vorwürfe zu unterstellen und ihn in U-Haft zu stecken.

Er selbst hat kürzlich aus dem Gefängnis heraus verlautbaren lassen, er stünde nicht als Tauschobjekt für schmutzige Geschäfte mit der Türkei zur Verfügung. Was macht ihn so unglaublich stark?

Buch-Info

Wir sind ja nicht zum Spaß hier: Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte
von Deniz Yücel
224 Seiten
Edition Nautilus
ISBN: 978-3960540731
Preis: 16,00 Euro

Akrap: Ich kann so schlecht in seinem Namen sprechen. Man kann an seinen Texten sehen, dass er immer schon, und nicht erst, seit er im Gefängnis ist, ein Autor mit Haltung war. Nicht nur in der Türkei, wo jedem, der halbwegs vernünftig ist, klar ist, dass es dort nicht mehr mit rechten Dingen zugeht. Er hat auch in Deutschland als Kolumnist, aber auch als Essayist, als Autor immer versucht, da hinzugucken, wo es weh tut. Zum Beispiel ein 1980 ermordeter Gewerkschafter, ein hierzulande völlig unbekannter Name, der in Kreuzberg am Kottbusser Tor von Islamisten ermordet worden ist, also der erste islamistische Mord in Deutschland, mitten in Berlin, in Kreuzberg. Es ist ein relativ alter Text, um den er sich immer wieder gekümmert hat, den wir auch abgedruckt haben, weil man auch dort sehen kann, dass er nicht nur ein lustiger Kolumnist gewesen ist, der immer viel Krawall machen wollte. Sondern er war auch immer als Journalist jemand, der das zwar mit leichter Hand schreibt, der aber immer auch dort hingeguckt hat, wo es möglicherweise anderen etwas unangenehm war.

Heute Abend gibt es in Berlin eine große Kundgebung, wo auch diese Texte von prominenten Menschen gelesen werden. Was passiert da genau?

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Fröhliche Solidaritätslesung für Deniz Yücel

Seit einem Jahr sitzt der Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft. Nun hat der Freundeskreis "Free Deniz" ein Buch dessen Texten herausgebracht. In Berlin wurde es vorgestellt. mehr

Akrap: Wir machen das ja fast von Anfang an. Unmittelbar nach der Inhaftierung gab es schon einmal am selben Ort, im Festsaal Kreuzberg, eine solche große Lesung, wo sich zahlreiche prominente Journalisten und andere Künstler bereiterklärt haben, seine Texte zu lesen. Das war im Übrigen auch der Anlass, der Yücel auf die Idee brachte, dieses Buch rauszubringen, weil er das irgendwann mitbekommen hat. Deswegen haben wir das auch gemacht: damit er das mitbekommt, damit er sich nicht alleine und vergessen fühlt. Und als er hörte, dass da so viele Leute zuhören wollen und dass Hunderte nicht reinkommen, hat er irgendwann im Sommer gesagt: Wenn das so ist und es immer noch nicht aufhört, dann machen wir doch daraus ein Buch. Es sind jetzt wesentlich mehr Texte als die, die wir gelesen haben, ein relativ großes Kapitel mit seinen Reportagen aus der Türkei, als er noch aktiver Korrespondent war. Heute Abend werden es eher die kürzeren Stücke sein und natürlich auch Texte aus der Haft. Aber wir wollen nicht nur auf diese Situation hinweisen, sondern wollen auch alte Texte von ihm vortragen lassen. Neben den prominenten Vorlesern wie Herbert Grönemeyer, Hanna Schygulla, Anne Will, Gustav Seibt wird es auch kleine Musikbeiträge geben, von dem Pianisten Igor Levit, dem Sänger Thees Uhlmann und der Sängerin Aynur Dogan.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.02.2018 | 19:00 Uhr

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