Stand: 17.01.2019 15:44 Uhr

Lessingtage blicken auf die Vielfalt in der Welt

Bereits zum zehnten Mal finden die Hamburger Lessingtage am Thalia Theater statt. Wie einst der Dramatiker Lessing hinterfragt auch das Festival das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Der Intendant des Thalia Theaters, Joachim Lux, stellt das diesjährige Programm vor.

Herr Lux, "Um alles in der Welt" - so heißt das Motto, mit dem die Lessingtage überschrieben sind. Wie zeigt sich das Motto auf der Bühne? Wie gehen Sie damit um in diesem Jahr?

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Joachim Lux bemerkt, wie sich die Bedingungen, unter denen ein Festival wie die Lessingtage entsteht, in den letzten Jahren verändert haben.

Joachim Lux: "Um alles in der Welt" ist auch ein bisschen lustig gemeint, denn man sagt auch alltagssprachlich: "Was um alles in der Welt soll denn das?" An diesen Spruch knüpft das an. Aber wenn wir es ein bisschen ernster nehmen, dann geht es darum, dass der Mensch dazu neigt, sich mit dem Kleinsten und Engsten - Familie, Nachbarschaft, Region, höchstens noch Nation - zu beschäftigen, aber nicht den Blick auf das Ganze, auf die Welt in ihrer Vielfalt und in ihrer Farbigkeit, in ihrer totalen Unterschiedlichkeit richtet. Das Ziel der Lessingtage ist, genau dies zu tun: Es geht um den Menschen, und die Menschlichkeit ist das, was uns alle verbinden sollte, obwohl unsere Erfahrungen allzu oft gegenläufig sind.

Ein Schwerpunkt wird in diesem Jahr Afrika sein. Dazu haben Sie zwei Gastspiele eingeladen: Das eine kommt aus Lagos, "Hear Word!", das andere von der Elfenbeinküste, "Die Zofen". Warum gucken Sie nach Afrika?

Lux: Afrika ist zunächst einmal unser nächster Nachbar. Zweitens ist Afrika ein Kontinent mit 1,3 Milliarden Menschen, für die wir uns tendenziell nicht interessieren. Afrika ist aber die Zukunft, und deswegen sollten und müssten wir uns interessieren.

Das Gastspiel aus Lagos, der Hauptstadt von Nigeria, ist ein Gastspiel aus einem Land, das 200 Millionen Menschen hat - das ist so groß wie die USA. Nigerianische Frauen erheben hier ihre Stimme im Interesse von Afrika, aber auch im Interesse der Frauen, die auf besondere Weise in Afrika unterdrückt worden sind.

Besonders aufregend ist mindestens noch eine andere Inszenierung: Erstmals wird in Hamburg ein Stück von Kirill Serebrennikow zu sehen sein: "Who is happy in Russia?" Serebrennikow selbst steht zurzeit unter Hausarrest, aber das Gogol Center Moskau wird anreisen. War das schwierig, die Produktion nach Hamburg zu bekommen?

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Thalia Theater

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Lux: Ja, natürlich war das schwierig. Das hatte auch einen sehr langfristigen Vorlauf, zumal man mit Serebrennikow selbst nicht sprechen kann. Das ist nicht einfach, aber im Rahmen dessen, dass wir die Vorgänge in Russland außerordentlich kritisch betrachten, ist es trotzdem schön, dass solche Gastspiele möglich sind. Es ist ja nicht nur Amerika, das sich immer mehr abschottet, sondern auch Russland, und hier bekommt auch Russland eine Stimme. Das ist ein Abend, der nicht nur davon erzählt, wie groß das Unglück derzeit in Russland ist, sondern auch von einem unbändigen Überlebenswillen, von einem Optimismus, dass die Lage sich bessern könnte. Das sind alles Menschen, die nicht total darüber verzweifeln, dass sie in dieser misslichen Lage sind. Auch Serebrennikow ist jemand, der vom Aufbruchswillen, der Freude und der Utopie erzählt, dass letztendlich die Ideale der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - in Russland nicht kaputtzukriegen sind, egal was da gerade ist.

Mit den internationalen Gastspielen wollten Sie immer auch über den Tellerrand gucken. Nun hat sich weltweit viel verändert in den letzten zehn Jahren. Wo spüren sie die Veränderungen am meisten? Und wie wollen Sie darauf mit dem Festival reagieren?

Aussenansicht vom Thalia Theater in Hamburg © imago/imagebroker

10 Jahre Lessingtage am Thalia Theater

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Intendant Joachim Lux erzählt von den Höhepunkten des Theaterfestivals und erklärt, welche Rolle Aberglaube an dem Theater spielt, das jetzt wieder den Aufklärer Lessing feiert.

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Lux: Das Festival war eine Zeit lang fast ein bisschen "stating the obvious" - wer ist denn schon gegen Weltoffenheit? Niemand. Wir können nur versuchen, es weiter zu befördern. Das hat sich komplett gedreht in Richtung Protektionismus, Nationalismus, Abschottung, Brexit, autoritative Systeme, massive Unterdrückung von Künstlern und Journalisten. Das ist alles wirklich schwierig, und das merken wir auch, zum Beispiel beim Kampf um Eröffnungsredner. Im letzten Jahr war es beispielsweise Can Dündar, ein berühmter Journalist aus Istanbul, der jetzt in Deutschland im Exil lebt. Zu dem Zeitpunkt, als wir ihn gefragt haben, war er abgetaucht, weil er Angst hatte. Mit solchen Sachen haben wir immer wieder zu tun. Oder Liao Yiwu, ein chinesischer Dichter, der in China gefoltert worden ist, und nach Jahren endlich raus durfte: Einer seiner ersten Auftritte war bei den Lessingtagen. Wir stehen da schon für etwas, und im Hitergrund versuchen wir, einiges zu bewegen, und die Mühe, das hinzukriegen, ist ziemlich groß - zumal die Willkür zunimmt, Menschen nicht freizulassen. Sie wird immer kurzfristiger und begründungsloser.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.01.2019 | 19:00 Uhr

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