Margot Friedländer (M), Holocaust-Überlebende, schaut sich mit Elke Gryglewski (rechts), stellvertretende Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte, bei der Eröffnungsfeier die Dauerausstellung "Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden" in der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" an. © picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Internationaler Holocaust-Gedenktag in Niedersachsen

Stand: 27.01.2021 11:51 Uhr

Insgesamt wurden allein in Auschwitz mehr als eine Million Menschen ermordet. Das Datum der Befreiung des Lagers - der 27. Januar 1945, ist seit 2005 Internationaler Holocaust-Gedenktag. Auch in Niedersachsen wird heute an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

von Jan Ehlert

Am 27. Januar 1945 erreichten Soldaten der Roten Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie fanden dort Tausende kranke und völlig erschöpfte Häftlinge, von denen viele trotz umgehender medizinischer Versorgung in den darauffolgenden Tagen starben.

Gedenken verändert sich

Der Ton ist rauer geworden. Auch in den Gedenkstätten nehmen die Provokationen durch Besucher zu. Das hat die neue Leiterin der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Elke Gryglewski, in den vergangenen Jahren festgestellt. "In den Gästebüchern beispielsweise werden viel offener bestimmte kritische Punkte geschrieben. Auch unter Besucherinnen und Besuchern werden manche Dinge, die man aufgeschnappt hatte seitens der Politik, viel offener in den Gedenkstätten formuliert als das 20 Jahre vorher der Fall gewesen war", erzählt Gryglewski.

So hatte zum Beispiel der AfD-Politiker Björn Höcke 2017 in einer Rede eine "Erinnerungswende um 180 Grad" gefordert. Dass die Erinnerung an den Holocaust und die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, wie sie Gedenkstätten leisten, öffentlich derart infrage gestellt wird, beobachtet sie mit Sorge. "Ich habe das Gefühl, dass es nach wie vor noch eine politische Mehrheit gibt, die sagt, wir müssen uns mit dieser Geschichte auseinandersetzen und dass es auch gut ist, dass es so ist, aber ich mache mir schon Sorgen darüber, wie laut die Stimmen werden können, die infrage stellen, dass dieser Konsens noch da ist", überlegt sie.

Lichter gegen Dunkelheit

Umso wichtiger ist es Elke Gryglewski, dass auch in diesem Jahr der Holocaust-Gedenktag begangen wird, auch wenn wegen der Corona-Pandemie sich nicht, wie sonst, Überlebende an den Orten ihrer einstigen Gefangenschaft treffen können. Stattdessen wird es digitale Aktionen geben: "Wir werden eigene Aktivitäten entwickeln und über unsere Social-Media-Kanäle streuen und werden aber auch mit vielen anderen Gedenkstätten bundesweit die Aktion 'Lichter gegen Dunkelheit' wiederholen, um unsere Arbeit ins Gedächtnis der Bevölkerung zu bringen und nicht nur unsere Arbeit, sondern natürlich auch die Anlässe des Tages."

Bei der Aktion "Lichter gegen Dunkelheit" werden die Gedenkstätten mit außergewöhnlichem Lichtdesign in Szene gesetzt. Allein in Niedersachsen gibt es 17 Gedenkorte. Der bekannteste ist das ehemalige KZ Bergen-Belsen bei Celle, in dem mindestens 52.000 Häftlinge starben. Aber auch das KZ Drütte in Salzgitter und die Gedenkstätte Esterwegen im Emsland gehören dazu.

Digitale Vortragsreihe

Außerdem hat die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten die digitale Vortragsreihe "Aktuelle Demokratiegefährdungen in historischer Perspektive"ins Leben gerufen. "Diese Reihe ist eine Reihe, die uns sinnvoll erschien, auch vor dem Hintergrund dessen, was im letzten Jahr passiert ist, dass nämlich im Zuge der vielen Corona-Demonstrationen, die es gegeben hat, Antisemitismus in einer neuen Form hochgekommen sind, Rassismen, auch Holocaustleugnungen in einer bestimmten Form hochgekommen sind und das beispielsweise uns als ein sinnvoller Zusammenhang zwischen Geschichte erschien", erklärt Elke Gryglewski. "Also als Gedenkstätte ganz aktuelle Themen aufzuzeigen, die aber natürlich ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben."

Jugend hält Gedenken für wichtig

Dass sich die Gedenkstätten zunehmend auch in aktuellen Diskussionen zu Wort melden, das spricht besonders junge Menschen an. Und hier hat Elke Gryglewski festgestellt, dass das Interesse an der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in den vergangenen Jahren wieder zugenommen hat. "Es ist ganz interessant zu sehen, dass gerade junge Leute wieder formulieren, wie wichtig es ist, sich dieser Themen zu widmen und dieser Themen zu erinnern", sagt sie.

Die Arbeit der KZ-Gedenkstätten bleibt daher wichtig. Besonders - aber nicht nur - am heutigen Holocaust-Gedenktag.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.01.2021 | 10:20 Uhr