Stand: 12.10.2017 14:14 Uhr

Frisch wie Croissants: Neue französische Romane

von Alexander Solloch

Ils sont partout. Sie sind überall. Wo immer man herumirrt in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse - die Franzosen sind schon da, die Franzosen und ihre Bücher. Dabei sind sie so lange weg gewesen; hatte man geglaubt, französische Gegenwartsliteratur finde in nennenswerter Weise gar nicht mehr statt. Eine Fehleinschätzung, natürlich; es fehlte nur einfach an Übersetzungen! Eine literarische Saison lang ist das nun anders - und schon zeigt sich die überbordende Vielfalt der französischen Dichtkunst, meint Alexander Solloch.

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Der französische Präsident Emmanuel Macron sprach bei der Eröffnung der 69. Frankfurter Buchmesse.

Hier irrte der Präsident! Als Emmanuel Macron zur Eröffnung der Buchmesse erklärte, es gebe Deutsche, die von der französischen Kultur mehr verstünden als die Franzosen selbst, wollte man denken: Mais non, mais non, diese (wie immer zutiefst charismatische) Freundlichkeit ist nicht mehr zeitgemäß - wir sind mit unserer Kennerschaft doch im Vergangenen steckengeblieben, irgendwo zwischen "Noveau roman" und Houellebecq, zwischen erzählfeindlicher Formenstrenge und Weltuntergangsdüsternis. Aber das Schreiben hat sich verändert, musste sich verändern, weil sich die Welt so sehr verändert hat.

Äußere Zwänge und die Freiheit beim Schreiben

Um von diesem Wandel zu erzählen, kann man ganz gut mit Sophie Divry anfangen, geboren 1979 in Montpellier. Sie sitzt in Messehalle 3, lässt all die Kreativen an sich vorüberziehen und lacht. Die Heldin in ihrem gerade ins Deutsche übersetzten Roman "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" ist ja auch so eine Kreative, eine Journalistin, eine Autorin; aber sie hat gerade keinen Job, und sie hungert. Wie ist sie in dieses Elend geraten? "Die Frage ist eher, warum eine ganze topausgebildete Generation solche Mühe hat, Arbeit zu finden und die Regeln der Gesellschaft zu akzeptieren - als sei der Vertrag zwischen der bürgerlichen Jugend und der Gesellschaft nicht mehr gültig", sagt Divry. "Lange Zeit war ja nur die Unterschicht ausgeschlossen, dieses Phänomen breitet sich jetzt aus. Das ist ein ziemlich interessanter, geraezu revolutionärer Vorgang: Die Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit verschont niemanden mehr."

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Sophie Divrys Roman "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" ist im Ullstein verlag erschienen.

Hunger und Armut sind nicht lustig, lustig aber sind die Möglichkeiten der Literatur, meint Sophie Divry. Gerade weil ihre Figuren so sehr unter äußeren Zwängen leiden, nimmt sie sich beim Schreiben alle Freiheiten. Sie unterbricht sich fortwährend, jongliert mit Worten, schreibt groteske Listen und zwingt auch die Typographen, alles zu geben - für ein Schriftbild, das die Wirrnis und die blühende Phantasie ihrer Heldin exakt, sogar phallisch exakt, wiedergibt. "Ich hab mir gesagt: ich mach jetzt mal all das, was sich beim Schreiben nicht gehört - ganz egal, was die Leute denken. Wird ja sowieso keiner lesen, habe ich mir gedacht. Ein bisschen wie ein Kind: Ist mir ganz egal, was meine Mutter, mein Vater, mein Verleger denken. Und das öffnet den Geist. Man muss einfach spielen! Das können wir von den Künsten verlangen, dass sie uns Räume voller Möglichkeiten öffnen, die wir vorher gar nicht gesehen haben.“

Skandal ist nicht das Entscheidende

Virginie Despentes ist zehn Jahre älter als Sophie Divry und als Skandalautorin in Frankreich schon bestens integriert. Aber der Skandal ist ja nicht das Entscheidende; entscheidend ist ihre erzählerische Kraft, mit der sie gerade eine "Comédie Humaine" fürs 21. Jahrhundert geschrieben hat: "Das Leben des Vernon Subutex" - im Original drei Bände lang - ist eine bittere, ironisch-scharfe Abstiegsgeschichte, der Abgesang auf ein Leben, das sich im Übergang vom 20. aufs 21. Jahrhundert drastisch veränderte, härter wurde und ernster: "Es gab doch mal die Möglichkeit, sich zu sagen: Ich will abseits vom System leben, will nicht Vollzeit arbeiten, will ein anderes Leben führen. Das ist vollkommen verschwunden. Heute werden wir alle doch viel schärfer überwacht, gehetzt, zum Mitmachen gezwungen. Das trifft auf meine Altersgenosen, die 40- bis 50-Jährigen, zu, und mehr noch auf die Jungen." Was für ein Roman! Je intensiver man eintaucht in all die Übersetzungen aus dem Französischen, die in diesem Herbst den Büchermarkt bereichern, je tiefer man eintaucht, desto öfter ertappt man sich bei diesem Ausruf: Was für ein Roman!

Die französische Literatur ist härter geworden

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Tristan Garcias "Faber - Der Zerstörer" ist im Wagenbach Verlag erschienen.

Der Philosoph Tristan Garcia ist auch so einer, der uns mal eben packt und gehörig durchschüttelt mit seinem Roman "Faber. Der Zerstörer" - die Geschichte einer Dreierfreundschaft: Basil und Madeleine scharen sich um den charismatischen Faber und gehen gemeinsam, aber einsam unter. Ja, sagt Tristan Garcia - die französische Literatur ist härter geworden: "Das ist die gute Seite der Krise. Die schwere Wirtschaftskrise hat Spannungen zum Vorschein kommen lassen, über die in der französischen Gesellschaft lange geschwiegen worden war. Diese Spannungen fließen jetzt in die Literatur ein: Sie ist heftiger, brutaler geworden, sie versucht jetzt, die Dinge zu benennen, die sie vorher nicht benannt hatte, Religion, Hautfarbe, rassische, ethnische, soziale Gegensätze, die die französische Gesellschaft umtreiben."

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Alexander Solloch interviewt Alain Mabanckou auf der Frankfurter Buchmesse

Übrigens ist nicht Frankreich zu Gast auf der Buchmesse, sondern die französische Sprache. Es sind gerade auch die frankophonen Autoren aus allen Teilen der Welt, die der Literatur den Glauben an die Wirkmacht magischer Bilder zurückgeben. Alain Mabanckou, 1966 im Kongo geboren, legt mit "Die Lichter von Pointe-Noire" einen schillernden autobiographischen Bericht vor, der die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fantasie hemmungslos und in alle Richtungen überschreitet. "Die Literatur, die in Afrika wurzelt," sagt Mabanckou, "hat eine Botschaft. Sie quillt über vom Schmerz und vom Leid der Völker, die lange Zeit unterdrückt und niedergewalzt worden sind. Mich interessieren keine Bücher, die mir von den Abenteuern der Pariser am Seine-Ufer erzählen. Ich will, dass die Schriftsteller sich in Gefahr bringen, dass sie aufhören, den Kleinbürger zu spielen, der selbstzufrieden vorm Fernseher sitzt."

Es spricht vieles dafür, dass die französischsprachigen Autoren gerade dabei sind, diesen Wunsch zu erfüllen.

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