Bücher stehen in einer Reihe © picture alliance/dpa Foto: Jens Büttner

Deutscher Buchpreis: Überraschende Vielfalt bei der Longlist

Stand: 24.08.2021 16:40 Uhr

Die Jury des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 bekannt gegeben. Maren Ahring aus der NDR Kultur Literaturredaktion über viele literarische Entdeckungen.

Maren Ahring © NDR Foto: Christian Spielmann
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Von 230 Einreichungen stehen 20 Bücher für den Bücherherbst fest. Bist Du mit der Auswahl einverstanden?

Maren Ahring: Ich bin überrascht über diese vielfältige Auswahl, die die Jury aus den eingereichten Titeln herausgefiltert hat. Man könnte sagen, dass es eine Longlist für Menschen ist, die auf der Suche nach literarischen Entdeckungen sind. Im Frühjahr war ich etwas unglücklich mit der Auswahl für den Leipziger Buchpreis, weil damals nur sechs große, etablierte Autorinnen und Autoren in die engere Auswahl kamen. Das ist bei der Longlist für den Deutschen Buchpreis ganz anders - die Jury hat hier ganz bewusst auf Ausgewogenheit geachtet. Aus norddeutscher Sicht ist es sehr erfreulich: Henning Ahrens aus Niedersachsen ist mit dem derzeitigen NDR Buch des Monats "Mitgift" dabei. Heinz Strunk aus Hamburg ist mit seiner Liebesgeschichte "Es ist immer so schön mit dir" nominiert, der in Stralsund geborene Thomas Kunst mit "Zandschower Klinken". Außerdem dabei sind Felicitas Hoppe, in Hameln geboren, und der Österreicher Norbert Grstein, der in Hamburg lebt.

Es ist eine facettenreiche Liste: mit neuen Stimmen, mit Büchern, die die Debatten unserer Zeit in den Blick nehmen, und mit altbekannten Autoren und Autorinnen. Hat man auf diese Vielfalt bewusst geachtet?

Ahring: Das glaube ich schon. Diversität ist der Schlüsselbegriff zu dieser Liste. Es finden sich einerseits Debütantinnen und Debütanten neben etablierten Autorinnen und Autoren, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, und elf Männer und neun Frauen. Der Jury scheint Ausgewogenheit und Diversität ein wirkliches Anliegen zu sein. In vielerlei Hinsicht ist diese Liste divers - zum Beispiel was das Alter angeht: George-Arthur Goldschmidt ist 93 Jahre alt. Es gibt aber auch Autorinnen der jüngeren Generation: Shida Bazyar oder Yulia Marfutova, beide Jahrgang 1988. Marfutova ist gleichzeitig eine der drei Debütantinnen, nominiert ist sie mit dem Roman "Der Himmel vor hundert Jahren". Es tauchen auch einige alte Bekannte auf dieser Liste auf. Einige Autorinnen und Autoren waren sogar schon einmal für den Deutschen Buchpreis nominiert, wie zum Beispiel die Österreicher Franzobel und Monika Helfer oder Antje Ravik Strubel.

Die Jury möchte mit der Auswahl auch verschiedene literarische Genres würdigen: das erzählerische Experiment, ein realistischer Roman, Komisches und Surreales - alles ist erlaubt. Beispiele dafür sind die Nominierten Dietmar Dath und der Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz. Dath ist ja bekannt für seine manchmal etwas abgedrehten Szenarien. Sein Buch trägt den schönen Titel "Gentzen oder: Betrunken aufräumen". Und in Ferdinand Schmalz' Buch "Mein Lieblingstier heißt Winter" treten ein Tiefkühlkostvertreter, eine Tatortreinigerin und ein Ministerialrat auf, der Nazi-Weihnachtsschmuck sammelt. Das hat man auch nicht jeden Tag.

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Ein Bücherstapel in einem Buchladen © Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rumpenhorst dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto:  Frank Rumpenhorst

Norddeutsche unter den Nominierten für den Deutschen Buchpreis

Die Longlist steht fest. Unter den Nominierten sind der Hamburger Autor Heinz Strunk, Felicitas Hoppe und der Stralsunder Thomas Kunst. mehr

Titel, die die gegenwärtigen Debatten aufgreifen, sind klar zu erkennen in der Longlist. Um welche Debatten geht es?

Ahring: In vielen der 20 Titel findet sich in der ein oder anderen Form die Frage nach der eigenen Identität. Der Roman "Identitti" von Mithu Sanyal trägt das Thema ja schon im Namen. Das ist eine rasante Geschichte, in der eine Professorin für Postkoloniale Studien als "weiß" geoutet wird, obwohl sie sich vorher als "person of color" beschrieben hat. Aber auch in anderen Büchern spielen Herkunft und Familie eine Rolle: Sasha Marianna Salzmann betrachtet in ihrem Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" die Geschichte durch die Augen von russischen Einwanderinnen. Dilek Güngör beschreibt in "Vater und ich" die Beziehung einer jungen Frau zu ihrem Vater, der in den 70er-Jahren als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland kam. Aber auch bei Hennig Ahrens oder Christian Kracht spielen diese Themen eine entscheidende Rolle. Und das ist das Spannende: Alle Bücher sind dabei ganz unterschiedlich erzählt.

Viele der Titel der Longlist hatten wir auch im Programm: Lagen wir also damit auch goldrichtig?

Ahring: Natürlich! Zwei Bücher sind noch gar nicht erschienen: Die Romane von Felicitas Hoppe und Sasha Marianna Salzmann kommen in den nächsten Wochen heraus, und die werden wir natürlich auch besprechen. Aber so eine Auswahl für einen Literaturpreis ist meistens sehr subjektiv, weil Literatur auch Geschmackssache ist. Und wir aus der NDR Kultur Literaturredaktion machen uns seit einigen Jahren den Spaß und stellen eine eigene Longlist mit 20 Titeln zusammen, die uns besonders begeistert haben. In diesem Jahr hatten wir vier Übereinstimmungen mit der tatsächlichen Longlist: Bazyar, Helfer, Salzmann und Sanyal. Wir lagen schon mal besser, aber wir lagen auch schon mal schlechter.

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Eine junge Frau liest ein Buch in einer Hängematte, die zwischen zwei Bäumen gespannt ist. © picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

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Nun gibt es immer Bücher, die man schwer vermisst. Ich für meinen Teil hätte mir Eva Menasses neuen Roman "Dunkelblum" gut vorstellen können. Welche Bücher fehlen Dir?

Ahring: Mit Eva Menasse hätte ich auch fest gerechnet. Ebenso mit entweder Julia Franck oder Jenny Erpenbeck, die demnächst neue Romane herausgeben. Ich hätte mir auch Helga Schubert zumindest auf der Longlist gewünscht - das hat ja bei ihr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse nicht geklappt.

Schauen wir doch mal in die Glaskugel: Wer könnte es auf die Shortlist schaffen?

Ahring: Die Shortlist wird am 21. September vorgestellt - dann nur noch mit sechs Titeln. Wenn die Jury ihrem Motto treu bleibt, könnte ich mir vorstellen, dass es entweder Shida Bazyar oder Mithu Sanyal in die engere Auswahl schaffen. Monika Helfer wäre es mit ihrem Roman "Vati" zu wünschen - im letzten Jahr ist sie mit "Die Bagage" etwas übergangen worden. Vielleicht schafft es auch ein urdeutscher Stoff auf die Shortlist: "Die Nibelungen", neu erzählt von Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe - das Buch erscheint Anfang September.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 24.08.2021 | 18:00 Uhr