Stand: 07.04.2020 16:12 Uhr  - NDR Kultur

Corona: Ist das Gottesdienstverbot gerechtfertigt?

Viele Gläubige wünschen sich gerade an Ostern eine Gemeinschaft, in der sie sich aufgehoben fühlen können. Sie fragen, wie gerechtfertigt das Gottesdienstverbot sei. Und überhaupt werden Stimmen laut: Gibt es auch andere Bereiche, für die Lockerungen angebracht wären? Der Kirchenrechtler Christian Hillgruber spricht sich für Lockerungen aus - zumindest was das allgemeine Gottesdienstverbot angeht.

Herr Hillgruber, erlaubt ist, was als systemrelevant gilt. Wie systemrelevant ist die Institution Kirche?

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Ist das Gottesdienstverbot gerechtfertigt? "Das ist ein massiver Eingriff in die Religionsfreiheit", findet Christian Hillgruber.

Christian Hillgruber: Diese Frage kann man sich in der Tat stellen. Als Christ würde man sagen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern er bedarf auch geistlicher Nahrung. Es gibt so etwas wie eine religiöse Grundversorgung, die sichergestellt werden muss. Und deswegen tun sich Christen verständlicherweise sehr schwer mit vollständigen Verboten öffentlicher Gottesdienste und Messen.

Wie viel Nähe ist denn notwendig? Können wir nicht auf die räumliche Nähe verzichten und uns beispielweise die Live-Übertragung des Ostergottesdienstes im Radio anhören und trotzdem eine Verbindung zu Gott spüren?

Hillgruber: Ja, wir können natürlich im Geiste miteinander verbunden sein und auch im häuslichen Gebet zu Jesus Christus Kontakt aufnehmen. Aber es ist andererseits so, dass der Besuch der heiligen Messe nach katholischem Verständnis das Zentrum bildet. Auch nach protestantischem Verständnis ist der Kern allen kirchlichen Handelns die öffentliche Predigt und die Feier der Sakramente. Deshalb ist die Versammlung der Gemeinde zum Gottesdienst konstitutiv.

Nun ist ein Live-Konzert auch eine ganzheitlichere Erfahrung, wenn man es mit dem Hören einer CD vergleicht. Warum ist es für Konzertgänger so viel einfacher darauf zu verzichten wie scheinbar für Gläubige?

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Hillgruber: Ich weiß nicht, ob es so viel einfacher ist. Ich würde aber meinen, dass die Religionsfreiheit, auch nach unserer Verfassung, einen ganz besonderen Stellenwert hat und dass vor diesem Hintergrund ein Verbot von Gottesdiensten und Messen mit einem Verbot von öffentlichen Musikaufführungen nicht gleichgestellt werden kann.

Verfassungsrechtlich kann man also ein Live-Konzert nicht mit einer Messe gleichschalten?

Hillgruber: Nein. Es ist zwar aus der Sicht der Künstler auch Ausübung der Kunstfreiheit. Aber bei der Religionsfreiheit geht es um ihren Kern, um die Kultusfreiheit, mit der Zusammenkunft der Gemeinde zum Gottesdienst beziehungsweise zur Messe. Das hat nach meinem Verständnis, auch verfassungsrechtlich betrachtet, besonderes Gewicht. Das ist ein massiver Eingriff in die Religionsfreiheit, der gerechtfertigt werden muss. Er kann dem Grunde nach gerechtfertigt werden durch Überlegungen des Gesundheitsschutzes in dieser Pandemie-Situation, aber nur unter strikter Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit. Und da habe ich ganz erhebliche Zweifel.

Probst Gerald Goesche vom Institut Sankt Philipp Neri in Berlin sagte: "Wenn ich im Baumarkt Topfpflanzen kaufen kann, dann müssen auch Messen erlaubt sein." Er geht rechtlich gegen das Gottesdienstverbot vor. Ist es angemessen, in so einer Situation diese extremen Schritte zu tun?

Hillgruber: Als Jurist würde ich mir die Bemerkung erlauben, dass die Inanspruchnahme gerichtlichen Rechtsschutzes keine extreme Handlung ist, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit in einem Rechtsstaat. Das ist das gute Recht, dies zu tun. Ob man dies für klug oder unklug hält, das ist eine ganz andere Frage. Die großen Kirchen in Deutschland sind hier ganz auf Linie und tragen diese Verbote im Augenblick - jedenfalls öffentlich betrachtet - klaglos mit. Aber diese Haltung muss man sich nicht zu eigen machen - man kann es auch anders sehen. Gläubigen, denen der Gottesdienstbesuch oder der Messbesuch einen zentralen Inhalt ihres Lebens darstellt, kann man nicht verwehren, die Möglichkeit gerichtlichen Rechtsschutzes in Anspruch zu nehmen, um das wieder zu ermöglichen.

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Hillgruber: Mit eng begrenzten Anzahlen von Gottesdienst- oder Messbesuchern. Die genaue Zahl hängt von der Größe der jeweiligen Kirche, von den Abständen zwischen den Kirchenbänken usw. ab. Besondere Hygienemaßnahmen sollten beim Betreten der Kirche ergriffen werden, zusätzliche Hygienemaßnahmen bei der Spendung der Kommunion. Das alles ist aus meiner Sicht mit etwas gutem Willen organisierbar. Unter solchen Hygienebedingungen sollten einige Messen gelesen werden, um möglichst vielen Gläubigen den Messe- oder Gottesdienstbesuch zu ermöglichen.

Und wie sieht es aus mit Sterbebegleitung oder Beerdigungen? Auch da gelten zurzeit strenge Regeln. Was empfehlen Sie in so einer Situation?

Hillgruber: Ich halte es für schwer erträglich, wenn Sterbebegleitung überhaupt unterbunden werden soll, dass der engste Angehörige im Sterben liegt und einem der Zugang verwehrt wird. Das geht überhaupt nicht. Da spricht auch die Garantie der Menschenwürde dafür, dass solche Sterbebegleitung möglich sein muss, selbst wenn der Begleitende anschließend für 14 Tage in Quarantäne muss. Auch da muss man verträgliche Lösungen finden.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.04.2020 | 19:00 Uhr

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